4. November 2014 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Ausgrenzung und Unterdrückung führen zeitweise zu seltsamen Allianzen. So unterstützten 1984 in England schwule Aktivisten die streikenden Bergarbeiter. Matthew Warchus entwickelt daraus mit einem starken Ensemble und viel Musik ein atmosphärisch dichtes Feelgood-Movie, das ein Hohelied auf Solidarität singt.

"Which Side Are You On?" fragte Ken Loach 1984 in seinem Dokumentarfilm über den den großen, fast ein Jahr dauernden britischen Bergarbeiterstreik. Wie bei Loach immer klar ist, auf welcher Seite er steht und dafür in der Thatcher-Ära auch mit erschwerten Arbeitsbedingungen und Zensurmaßnahmen zu kämpfen hatte, so beziehen auch Matthew Warchus und sein Drehbuchautor Stephen Beresford von der ersten Einstellung an Position.

Fernsehaufnahmen vom Bergarbeiterstreik und ein Anti-Thatcher-Plakat werden begleitet von der Gewerkschafter-Hymne "Solidarity Forever". Movens der Handlung sind aber nicht die Streikenden, sondern schwule Londoner Aktivisten um den jungen Mark Ashton (Ben Schnetzer). Dieser sieht in der Situation der Bergarbeiter eine Parallele zur Ausgrenzung der Schwulen und Lesben und will seine Mitstreiter motivieren, für die Streikenden zu sammeln.

Wie Mark mit seiner Idee aber viele aus seinen Reihen vor den Kopf stößt und zunächst wenige Mitkämpfer für die neu gegründete Gruppe LSGM (Lesbians and Gays support the Miners) findet, so reagieren auch die Bergarbeiter großteils ablehnend und nur das kleine walisische Dorf Onllwyn nimmt die Hilfe an. Aber auch dort stehen offenen älteren Damen und Herren steife und konservative homophobe jüngere Bergarbeiter gegenüber, die aber Mark, aber auch sein Mitstreiter Jonathan mit seinem frenetischen Tanz zu "Shame, Shame, Shame" langsam für sich gewinnen kann…

Der Handschlag ist das zentrale Symbol des Films, ein Zeichen der Solidarität, mit der man auch als vermeintlich Schwächerer einen starken Feind besiegen kann, und eine Geste, die Verbundenheit schafft, die später auf Unterstützung von der anderen Seite hoffen lässt. Mit Leidenschaft und sichtlicher Begeisterung feiert "Pride" diese Solidarität, fokussiert weder auf einer Hauptperson, noch auf einem Problemfeld, sondern entwickelt sich in die Breite.

Fast verzettelt sich der Theater- und Opernregisseur Warchus in seinem zweiten, beim Filmfestival in Cannes mit dem Queer Palm Award ausgezeichneten Spielfilm dabei gegen Ende in einer Überfülle an Figuren und Aspekten. Denn neben dem großen Thema der Solidarität will er auch von einer jungen Mutter erzählen, die lernt ihren Weg zu gehen, einem 20-Jährigen, der aus dem kleinbürgerlichen Elternhaus ausbricht, einem schwulen Waliser, der vor Jahren mit Mutter und Heimat gebrochen hat nun langsam den Weg zurück finden muss, sowie einem späten Coming-out und bringt dann auch noch die aufkommende Seuche Aids ins Spiel.

Doch die Arbeit mit kräftigen Gegensätzen, der zwar der Rhetorik solcher Filme folgende, aber sicher getimte Wechsel von Erfolgen und Niederschlägen, die stimmige und atmosphärisch starke Verankerung der Handlung im Milieu und in der Zeit sowie nicht zuletzt ausgiebig eingesetzte zeitgenössische Pop-Songs von Frankie Goes to Hollywood über Culture Club bis Phil Collins lassen über dieses Zuviel an Themen hinwegsehen.

Denn getragen wird dieses Feelgood-Movie, das ganz in der Tradition kerniger britischer Arbeiterkomödien wie "Brassed Off" oder "The Full Monty" steht und gleichermaßen engagiert wie unterhaltsam ist, von einem exzellenten und lustvoll aufspielenden Ensemble. Keine Figur drängt sich hier in den Vordergrund, aus der Vielzahl der knapp, aber treffend und einprägsam gezeichneten Figuren bezieht "Pride" zu einem großen Teil seine Wirkung.

Stärker als die Schwulen bleiben da vor allem die engagierten älteren Bewohner des walisischen Dorfes in Erinnerung. Wunderbar ist Mike Leighs Stammschauspielerin Imelda Staunton, die mit zwei Freundinnen offen auf die Schwulen zugeht und schließlich mit ihnen die Londoner Clubs erkundet, oder Bill Nighby, der als zurückhaltender Gewerkschafter berührt. Aber auch Ben Schnetzer als Mark und Jessica Gunning als Siân James bleiben bei diesem in seinem Engagement und seiner Leidenschaftlichkeit ansteckenden Film nicht zuletzt wegen der Nachspanninserts zu ihrem weiteren Leben nachhaltig in Erinnerung.

Wird vom Filmforum Bregenz am Mittwoch 25.2. um 20 Uhr, sowie am Freitag, den 27.2. und Samstag, den 28.2. jeweils um 22 Uhr im Metrokino Bregenz gezeigt (engl. O.m.U.)

Trailer zu "Pride"

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