26. September 2012 - 3:05 / Rosemarie Schmitt / Musikuß

Je mehr ich mich mit der Musik dieser CD beschäftigte, um so mehr faszinierte sie mich. Diese Frau hat sich ja so richtig Gedanken gemacht! Sie ist schön, aber keines dieser Schönchen, die sexy, lasziv und aufreizend versuchen, zunächst sich, und dann ihre Musik zu Markte zu tragen. Und obwohl viele ihrer Kolleginnen damit sehr erfolgreich sind, scheint ihr in erster Linie die Musik am und im Herzen zu liegen.

Von wegen nomen est omen! Sie ist alles andere als karg, die Musik, die Christiane Karg für ihre CD "Amoretti" (Berlin Classics) zusammengestellt hat. Amoretti sind nicht etwa kleine, italienische Gebäckstückchen, die zum Espresso serviert werden, sondern kleine Liebesengel vor dessen Pfeilen Mozarts Rosina gerne verschont geblieben wäre. Christiane Karg kümmerte sich um das Konzept, die Auswahl der Stücke und des Aufnahmeortes, selbst bei der Gestaltung der CD arbeitete sie mit. Und sie suchte sich das Orchester aus. Dass sie sich für das englische Orchester Arcangelo, welches unter der Leitung von Jonathan Cohen musiziert, entschied, beweist schon den herausragenden Geschmack und das feine musikalisches Gespür dieser Sopranistin! Und genau das ist Christiane Karg in erster Linie: eine Sopranistin! Eine Sopranistin, die mich nicht nur durch ihre Stimme überzeugte, sondern zum Beispiel mit der Auswahl der Titel. Für "Amoretti" wählte sie Arien, die alle in einem Zeitraum von 1762 bis 1775 von Mozart, Gluck und Grétry komponiert wurden.

Als Mozart jene Stücke schrieb, war er zwischen 13 und 15 Jahren jung. Gluck ging bereits auf die 60 zu, und Grétry – ja, wer war eigentlich Grétry, der mit seinen etwa 30 Lenzen mitten drin war im Leben? André-Ernest-Modeste Grétry wurde am 8. Februar 1741 im belgischen Lüttich geboren. 1767 (er war 26) machte er sich auf den Weg nach Paris. In seinen Memoiren erwähnt Grétry, daß Voltaire ihm den Rat gab: "Gehen Sie nach Paris, dort werden Sie der Unsterblichkeit entgegeneilen". Und prompt feierte er dort mit seinen komischen Opern "Le Huron" (1768) und "Lucile" (1769) tatsächlich große Erfolge. Infolgedessen war es Grétry möglich, sich aufs Land nach Montmorency bei Paris zurückzuziehen. Eben dort hatte er sich ein Landhaus gekauft, und der Verkäufer war kein Geringerer als Jean-Jacques Rousseau. Das ist derjenige, der eine Zeit lang als Einsiedler lebte und in orientalischen, phantastischen Kostümen mit wallendem Kaftan und Kosakenmütze bekleidet, durch den Park von Montmarecy wandelte. Und auch derjenige, der Prügel auf seinen blanken Allerwertesten als pure, lüsterne Freude empfunden haben soll. Und auch einer der größten französischen Schriftsteller, Philosophen, Pädagogen und Naturforscher. Außerdem war er Komponist, wenn auch nicht der größte.

Aber zurück zu Grétry, der immerhin mehr als 50 Opern schrieb (eine davon trägt den Titel Lisbeth). Auch wenn Grétry nicht gar so bekannt ist wie etwa Mozart oder Gluck, so beherrschte er sehr wohl und gut die hohe Kunst der Oper! Seine vielleicht beste Oper ist "Richard Coeur-de-Lion", über das Leben von Richard Löwenherz, den König und Troubadour des 12.Jahrhunderts. Grétry verwendete hier erstmals ein Stilmittel, das später von den großen Komponisten, wie etwa Richard Wagner (vom einem Löwenherz nicht nur zeitlich weit entfernt!) übernommen wurde, das Leitmotiv (Erinnerungsmotiv). In Grétrys "Richard Coeu-de-Lion" wird eine der Hauptmelodien neunmal wieder aufgenommen. Mit dieser Technik stützte Wagner quasi seinen gesamten "Ring der Nibelungen".

Mit 41 zog Grétry sich bereits zurück um seine Memoiren zu schreiben, in denen er auch seine Bedenken bezüglich der musikalischen Entwicklung, im Besonderen der französischen Musik, zum Ausdruck brachte: "(...) Es scheint, daß seit dem Sturm auf die Bastille in Frankreich nur noch Musik mit Kanonenschüssen komponiert wird. Das ist ein tragischer Irrtum, der die Erfindungsgabe, den Geschmack und die Aufrichtigkeit des musikalischen Ausdrucks zerstört. Wenn man nicht mit Vorsicht zu Werke geht, werden bald das Gehör des Volkes und sein Geschmack verdorben sein, und in wenigen Jahren gibt es nur noch Lärmmacher. Ohne Zweifel wird eine solche musikalische "Kunst" das Ende der wahren Kunst bedeuten (...)" Oh, Monsieur Grétry, wenn Sie wüßten, wie Recht Sie behalten sollten!

Eine der Arien, die Christiane Karg uns von diesem interessanten Komponisten vorstellt ist "Comme un Éclair" (Wie ein flammender Blitz! – Èclair, in Deutschland auch als Liebesknochen oder Hasenpfote bekannt, wobei es sich jedoch um ein längliches gefülltes Gebäck aus Brandteig handelt und mit Musik nichts zu tun hat). Diese "süße" Arie ist aus der Oper "La Fausse Magie" oder: die abgeredte Zauberey. Ist es nicht wunderbar, daß es immer wieder Aufnahmen gibt, die mit Neuem überraschen? Mit Neuem aus dem 18. Jahrhundert! Oder kennen Sie etwa bereits "Au bien supreme" aus "Lucille" oder gar "Il va venir...pardonne, o mon juge" aus Grétrys Oper "Silvain", die er mit 29 komponierte?

Sie möchten "Amoretti" gewinnen? Dann beantworten Sie folgende Frage, senden die Antwort an klassik@habmalnefrage.de, und warten Sie’s ab. Wann und wo starb André-Ernest-Modeste Grétry?

"Amoretti" ist eine wirkliche Bereicherung, selbst für jene, die glauben, schon alles zu haben, was die Welt der Arien bietet. Ein rundherum professionelles Projekt, bei dem ich nicht das Gefühl habe, daß der schnöde Mammon, sondern die Liebe zur Musik bei der Entstehung entscheidend war. So bleibt mir für heute der Gruß, mit dem sich auch Christiane Karg verabschiedet (denn auch die Reihenfolge der Titel ist kein Zufall!): Adieu!

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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