27. Mai 2009 - 3:43 / Ausstellung / Archiv 
13. Februar 2009 1. Juni 2009

Porno, sagt man, ist das, womit und wobei wir uns nicht erwischen lassen wollen. Und doch ist Porno überall. Pornografie erobert den Mainstream und boomt in den Nischen, findet sich im Alltag, im Pop und in der Kunst. Die "Pornetration" durchflutet die Medien, die in ihrem voyeuristischen Charakter und ihrer Gier nach körperlichen Zeichen von Erregung selbst latent pornographisch agieren – immer auf der Suche nachTabus, die es auszureizen, zu brechen und zugleich doch zu erhalten gilt.

Im Schatten des trüben Glamours der Porno-Oscars und den objektivierenden, latent gewalttätigen Zugriff auf die (meist weiblichen) Körperöffnungen mobilisieren sich in letzter Zeit "postpornographische" Gegenbilder zu Sexismus und heteronormativen Nummernrevuen. In den wuchernden Net-, Indie- und Alternative-Porn-Szenen agieren ProduzentInnen, denen es um selbstbestimmte Lüste, störrische Ästhetiken und um eigensinnige Identitätspolitiken geht, während umgekehrt KünstlerInnen Phänomene wie Voyeurismus, Stimulation, Transgression, sexuelle Raumordnungen, Genderkonstruktionen und das Verhältnis von Macht, Blick und Körper untersuchen.

Die Schau "The Porn Identity" konfrontiert den Wildwuchs der Pornografie mit Laufbildern, Skulpturen und Installationen, die das sexuelle Begehren reflektieren. Der Transfer der schamlosen Bilder in den kunstinstitutionellen Raum durchbricht nicht nur den pornotypischen Zusammenhang von marktorientierter Veröffentlichung und reprivatisiertem Konsum, sondern stellt durch die einhergehende Verkomplizierung der pornographischen Identität auch die Frage nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Kunst und der visuellen Kultur der Stimulation. So verzweigt sich der Ausstellungsparcours in einem Bildermischwald, der verschiedenste unterirdische Verbindungen aufweist. Die trickreich dem Laufbild abgetrotzten Körper- und Mimikstudien zum ödipalen, unbewussten Horror im Hollywood-Kino des Avantgardefilmemachers Martin Arnold korrespondieren etwa mit einem Video von Terence Koh über die Maskierung des Gesichts; oder mit dem Verdrängten eines amerikanischen Waschmittelkonzerns, der ausgerechnet die Pornodarstellerin Marilyn Chambers zum Werbe-Model machte. Deren Skandalfilm "Behind the Green Door" wiederum inspirierte Johannes Wohnseifer zu einer Installation in Form einer grünen Tür, hinter der sich das pornotypische Wechselspiel aus Verheimlichung und Enthüllung, Tabu und Transgression weiter treiben lässt.

Neben der Thematisierung des repressiven Verhältnisses von Macht, Blick und Körper (zum Beispiel durch eine Arbeit John Millers über die Vielheit sexueller Beziehungen, William E. Jones’ neu bearbeiteten Polizeiüberwachungsvideo von 1962 über homosexuellen Toilettensex oder in der lesbisch-feministischen Aneignung des Lolita-Stoffs von Katrina Daschner steht in einigen konzeptionellen Arbeiten ein bewusst vermittelter Umgang mit der erotischen Aufladung von Materialien und Objekten im Vordergrund. Beispiele dafür sind Tom Burrs schwarze Pferdestall-Skulpturen, die geglättet-minimalistische, "machtlose" Architektur der "Queer Bar" von Elmgreen & Dragset oder die beklemmend-feingliedrige Fetischismus-Referenz in der Skulptur "Totem" von Tatiana Trouvé. Die darin eingelagerte Tendenz zur ästhetischen Abstraktion steht nicht nur im Widerstreit mit dem Wunsch nach einer scheindokumentaristischen, maximalen Sichtbarkeit im handelsüblichen pornographischen Phantasma, sondern auch mit den vielfältigen Fiktionen, die in den mit Punk-, Gothic- und Industrialversatzstücken angereicherten Filmen des Alternative Porn-Filmemachers Eon McKai , den schwarzhumorig grellen Agit-Pornopop-Dramen von Bruce LaBruce, den selbstreflexiven Sadomaso-Szenen von Tobaron Waxman oder den anarchischen Genderverwechslungskomödien mit deftigem Dildoeinsatz von Panik Qulture ausagiert werden. So scheint am Ende, wo der nimmermüde pornographische Wiederholungszwang in Form einer Videoinstallation aus farblich geordneten Pornoszenen vor sich hinruckelt, die allgemein gebräuchliche Definition der Pornografie als Darstellung sexueller Akte zum alleinigen Zweck der Stimulation nicht mehr zu greifen: Es ist nicht immer Kunst, but is it still Porn?

KünstlerInnen der Ausstellung: Louisa Achille, Nic Andrews, Joanna Angel, Kenneth Anger, Fernando Arias, Martin Arnold, James Avalon, Belladonna, Andrew Blake, Monica Bonvicini, Angela Bulloch, Tom Burr, Ellen Cantor, Marilyn Chambers, T. Arthur Cottam, Gerard Damiano, Gregory Dark, Katrina Daschner, Nathalie Djurberg, Marcel Duchamp, Elmgreen & Dragset, Jean Genet, Sachiko Hanai, Marlene Haring, Jenna Jameson, Ron Jeremy, William E. Jones, Richard Kern, Edward Kienholz & Nancy Reddin Kienholz, Terence Koh, Stanley Kubrick, Bruce LaBruce, Michael Laub & Dean Proctor, Joseph Maida, Dorit Margreiter, Dona Ann McAdams, Eon McKai, Olaf Metzel, John Miller, Jim & Artie Mitchell, Robert Müller, Richard Prince, Panik Qulture, Rinse Dream, Iwata Roku, Doug Sakmann, Carolee Schneemann, Rocco Siffredi, Snoop Dogg, Hito Steyerl, Paul Thomas, Tatiana Trouvé, Tobaron Waxman, Lawrence Weiner, Octavio Winkytiki, Johannes Wohnseifer, Tseng Yu-Chin, Nick Zedd, Jack the Zipper.


Ausstellungskatalog: Begleitend zur Ausstellung erscheint im Verlag für moderne Kunst Nürnberg der Reader "The Porn Identity. Expeditionen in die Dunkelzone" mit werkbezogenen und weiterführenden Texten von Thomas Ballhausen, Thomas Edlinger, Linda Hentschel, Ramón Reichert, Angela Stief, Florian Waldvogel und Katherina Zakrawsky. 216 Seiten, zahlreiche farbige und s/w Abbildungen. ISBN 978-3-941185-10-4, Euro 25,00.

The Porn Identity - Expeditionen in die Dunkelzone
13. Februar bis 1. Juni 2009, Halle 2

Kunsthalle Wien
Museumsplatz 1
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52189-1201
F: 0043 (0)1 52189 1260
E: office@kunsthallewien.at
W: http://www.kunsthallewien.at/

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