Mo, 14.01.2013 / Kurt Bracharz / Vorax
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Konserven von Fischen und anderen Meerestieren sollten seit einiger Zeit neben dem Handelsnamen auch den wissenschaftlichen Namen des konservierten Tieres ausweisen. Die EU wollte nicht mehr beispielsweise ganz verschiedene Arten von Thunfischen vom aussterbenden Roten Thun bis zum ungefährdeten Skipjack einfach als "Thunfisch" vermarkten lassen, und vielleicht sollten auch manche neutral klingenden Bezeichnungen wie "Schillerlocke" für den Dornhai zurechtgerückt werden.

Wie viele Konsumenten mit den wissenschaftlichen Namen etwas anzufangen wissen, ist eine andere Frage, und es gibt noch ein Problem, wie ich anhand der Aufschrift auf einem Netz "Vongole" feststellen musste. Da war für die auf diese Weise abgepackt verkauften Muscheln nämlich als wissenschaftlicher Name "Tapes semidecussatus" angegeben. Der lässt sich aber in der Literatur nicht finden, jedenfalls nicht genau so. Es gibt einerseits Teppichmuscheln wie Tapes literatus, die Pazifische Teppichmuschel, oder Tapes philippinarum, die Japanische Teppichmuschel, und es gibt Venerupis decussata, die Kreuzmuster-Teppichmuschel, ital. vongola, span. almeja, franz. palourde croisée.

Was aber soll ein Tapes semidecussatus sein – vielleicht eine Kreuzung aus einer Tapes-Art und Venerupis decussata? Eine Muschel mit sehr ähnlichem Namen gibt es in Portugal, Nico Böer schreibt in "Fische der Algarve" (2003): "Améijoa boa (Tapes decussatus) ist eine Teppichmuschel ohne deutschen Namen, die teuerste Muschelart der Ria Formosa und kommt angeblich nur hier vor. Sie wird in Muschelgärten (viveiros) gezüchtet, kostet mehr als Austern und hat einen leicht süßlichen bis nussigen, in jedem Fall aber charakteristisch intensiven Geschmack."

Es ist vor allem bei dem bekannten Pastagericht Spaghetti con le vongole üblich, alle Arten von Venusmuscheln als Vongole zu bezeichnen, weshalb in Italien der Handelsname Vongola verace, also "die wahre, beste Venusmuschel", für die Kreuzmuster-Teppichmuschel Venerupis decussata verwendet wird, um sie von den anderen vongole zu unterscheiden. Wahrscheinlich kann man außerhalb Italiens auch Herzmuscheln (Cerastoderma edule), ital. capa tonda, span. berberechos, mit den Spaghetti als "vongole" vorgesetzt bekommen, vor allem, wenn die Muscheln ohne Schalen serviert werden. Die Herzmuscheln (deren Schalen, von der Seite gesehen, eine Herzform bilden) haben vorwiegend ausgeprägte Radialrippen, während die Venusmuscheln deutliche konzentrische Streifen aufweisen. Es gibt in beiden Familien auch auch Arten mit glatten Schalen.

Die Vongola verace ist schwach längs gerippt und deutlich quer gestreift, braungelb und 4 bis 8 cm breit. Sie kommt von Norwegen bis zum Senegal einschließlich des Mittelmeeres vor, ebenso wie Venerupis pullastra, die Getupfte Teppichmuschel, die man auch in der Deutschen Bucht findet. In dem 1998 in der Teubner Edition, Füssen, erschienenen Buch "Seafood" gibt es noch einen Verdächtigen für die Spaghetti: "Beliebt und reichlich vorhanden ist die Strahlige Venusmuschel (Chamelaea gallina) im Mittelmeerraum. Insbesondere von den Italienern wird die Muschel kommerziell genutzt. Sie wird überwiegend gekocht verwendet. In Dosen konserviert, gelangt sie auch nach Deutschland, wo sie in italienischen Restaurants als "Spaghetti vongole" serviert wird."

In der Schweiz erhältliche Gläschen mit Sugo für Spaghetti con le vongole enthalten Venusmuscheln aus dem Schwarzen Meer, was man allerdings nur dem Kleingedruckten entnehmen kann, die Gläser sind "typisch italienisch" aufgemacht.



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(c) Kurt Bracharz