Judith Fallers Gedichtband "Wachstumsschmerzen" ist anders, anders als Vieles was mir bisher als Lyriksammlung untergejubelt wurde, und doch das große Jubeln bei mir ausblieb, stecken blieb in der Gefallsucht, in den Mitleid erhaschenden Ungereimtheiten der Reime. Judith Fallers Gedichte sind anders! Anders bereits die Inhaltsangabe, die weder thematisch noch psychologisch geschickt dramaturgisch angeordnet wurde, sondern noch viel geschickter, weil einfach, einfach authentisch, in alphabetische Reihenfolge gebracht. Alterslos, zwischen Achtsamkeit und Angst, Einengung zwischen Eine Pause für immer und einsam, die Wortsuppe zwischen den Widerstand und den Wunschprinzen gepflanzt.

manchmal
ist der Inhalt der aussage
nicht einmal mit gewalt
heraus zu kristallisieren
weil
es keinen derartigen
zwischen den leeren worthülsen
zu finden
gibt
(Judith Faller)

Bedeutungsloses Gerede, so lautet der Titel dieses Gedichtes. Ich fand kein einzig bedeutungsloses Wort darin, doch: Wer verleiht dem Wort eine Bedeutung? Der es schrieb oder es liest? Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als ich die ersten Gedichte Fallers las. Ich war in einer euphorischen, äußerst guten, etwas überdrehten Stimmung (nein, es war kein Alkohol im Spiel!). Die "Wachstumsschmerzen" waren soeben per Post gekommen, ich packte hastig aus, der rote Einband schien so recht meiner Laune zu entsprechen, ich schlug das Büchlein auf, begann zu lesen... und der erste Eindruck war in der Tat ein solcher, ein Druck, direkt in der Magengegend. Oh je, dachte ich, da ist aber mal eine ehrlich, uneitel, direkt, oh je... schwere Kost. Doch wie es so ist mit diesen kuriosen überdrehten Launen, normalisierte sich mein Zustand wieder, ich nahm mir erneut diesen Gedichtband, setzte mich mit einem Glas Rotwein in meinen geliebten Lesesessel und las und las und konnte gar nicht mehr aufhören.

Ihre kurzen Gedichte mag ich am liebsten. Obwohl Judith Fallers, in Gedichte gefasste Gedanken nicht zuverlässig vorhersehbar sind, oder eben genau deshalb, verblüffte sie mich, oder ich mich selber, wie etwa beim Lesen des Gedichtes mit dem Titel „Inhalt“. Ich las bis zum Ende der Seite, davon ausgehend, das Gedicht sei hier zu Ende, hielt ich einen Moment inne und dachte :“Das ist Frau sein“. Ich blätterte um, bemerkte meinen Irrtum, denn das Gedicht war ja noch nicht zu Ende. Die erste Zeile auf der nächsten Seite lautet: einfach frau sein.

Es sind Metaphern wie diese, die ich einfach nur wundervoll finde: (...) war ich schwanger mit einem wortkind wie dir? (...) Oder solche Wortspielereien: (...) dich breit gemacht und meine neurosen gegossen hast (...)
Und wer über jene Zeilen nicht wenigstens schmunzeln kann, der sollte Judith Fallers Gedichte nicht lesen, jedenfalls nicht an diesem Tag.

auswärts daheim

solltest du
hinter der
grinsenden
rissigen fassade
deines gesprächspartners
einen menschen finden –
sei froh
denn
meist ist keiner zuhause
(Judth Faller)

Einzig, was mir das Lesen und schnelle Verstehen etwas schwierig macht, sind die Momente, in denen sich die Lyrikerin entscheidet, mir voraus, in die nächste Zeile zu hüpfen. Doch ich bin gelehrig. Noch etwas, außer dem Zeilenhüpfen, lehrte mich Judith Faller: Daß man Großes alle Mal durchgehend klein schreiben kann! "Wachstumsschmerzen", 100 Gedichte von A bis z, von Abhängigkeit bis zulassen. Sich einzulassen auf die Sprache dieser Lyrikerin, Oberflächlichkeiten abzustreifen, Wahrheiten zuzulassen, dazu fordere ich Sie gerne auf, diesen Gedichtband zu zu lassen, keinesfalls!

Judith Faller - Wachstumsschmerzen
Wiesenburg Verlag - ISBN 978-3-943528-02-2



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Judith Faller: 'Wachstumsschmerzen'; Wiesenburg Verlag