20. Februar 2012 - 3:30 / Film 

Viel gejammert wurde in den letzten Jahren über die Qualität der bei der Berlinale gezeigten Filme. Mit dem heurigen Wettbewerb kann man aber sehr zufrieden sein. Zwar gab es hier nicht große Meisterwerke zu entdecken, aber selten abwechslungsreich war das Programm des Wettbewerbs. Glamour gab es dafür bei den Sondervorführungen.

Bestätigt hat sich heuer der Trend, dass die Starregisseure der Gegenwart das frühlingshafte Cannes oder das sommerliche Venedig dem winterlichen Berlin vorziehen. Nur Brillante Mendoza schickte seinen "Captive" an die Spree. Nachdem dieser mehr oder weniger enttäuschte, gab es auch sogleich Spekulationen, dass Berlin diesen Film wohl nur bekommen habe, weil man an der Côte d´Azur und am Lido schon abgewunken habe.

Akzeptieren muss die Berlinale damit wohl endgültig, dass sie hinter Cannes und Venedig das Nachsehen hat, doch daraus hat man auch Konsequenzen gezogen. Keine großen Stars fand man im Wettbewerb, dafür bot er ein selten vielfältiges Programm. Engagiertes Kino wie Kim Nguyens Kindersoldaten-Geschichte "Rebelle - War Witch" stand neben einem leichten Feelgood-Movie wie Billy Bob Thorntons "Jayne Mansfield´s Car", das dreistündige chinesische Historienepos "White Deer Plain" neben dem leisen poetischen indonesischen Film "Postcards from the Zoo".

Diese Vielfalt bestimmte auch die letzten Festivaltage, an denen Bence Fliegauf mit seiner Roma-Geschichte "Just the Wind" für einen Höhepunkt sorgte. Hautnah folgt der Ungar mit der Kamera einer Roma-Mutter und ihren beiden Kindern ihren getrennten Wegen durch einen Tag. Angst macht sich breit, weil in der letzten Nacht ihre Nachbarn ermordet wurden. Und Fliegauf macht diese Angst mit engen Einstellungen und der Nähe der Kamera fast physisch spürbar. Nicht unbegründet ist freilich die Angst, denn auch der allgegenwärtige Rassismus wird gezeigt. "Es ist nur der Wind", wird die Mutter die Kinder beim Einschlafen beruhigen, doch dann ist ein weiteres Geräusch zu hören und gleich darauf knallen Schüsse.

Gegenpol zu der beklemmenden Enge von Fliegaufs Film stellt die Weite in Mathias Glasners "Gnade" dar. Mag nördlich des Polarkreises im Januar auch 24-Stunden Nacht herrschen, so wird auf die Polarnacht doch auch die Mitternachtssonne folgen. Von Deutschland ist Niels (Jürgen Vogel) mit Frau (Birgit Minichmayr) und Sohn in diese Gegend gezogen. Auf einen Neustart für die erkaltete Ehe hat man gehofft, doch bald hat Niels wieder eine Affäre mit einer Arbeitskollegin.

Bewegung kommt in die Ehe erst, als die Frau in einer der endlosen Nächte, abgelenkt durch ein Polarlicht, ein Mädchen zu Tode fährt und Fahrerflucht begeht. Nur ihrem Mann erzählt sie von ihrem Unfall und das gemeinsame Wissen um die Schuld, lässt die Liebe zueinander wieder wachsen. Provokant ist "Gnade" darin, dass er zeigt, wie größtes Unglück doch noch etsa Gutes bringen kann, großartig in der Einbettung der Handlung in die Winterlandschaft und im intensiven Spiel von Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr, aber auch etwas zu lang geraten und vor allem in ein zu versöhnliches Ende mündend.

Ausspannen konnte man von diesem engagierten Wettbewerb bei den außer Konkurrenz gezeigten Filmen. Tsui Hark ließ in seinem Martial-Arts-Film "Flying Swords of Dragon Gate" Messer und Holzpflöcke dem Zuschauer in 3D um die Ohren fliegen, Steven Soderbergh legte mit "Haywire" ein souveränes Stück rasanten Actionkinos vor.

Nicht alles war da freilich das Gelbe vom Ei. Nicht in Fahrt kommen will die Guy de Maupassant-Verfilmung "Bel Ami", in der die Geschichte eines skrupellosen Aufsteigers im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts erzählt wird. Ganz auf Kostüme, schöne Frauen und Robert Pattinson in der Titelrolle verlässt sich dieser Film, vergisst darüber aber schillernde Charaktere zu schaffen, die interessieren, und mitreissend zu erzählen.

Im bunten Mix kleinerer Filme im Wettbewerb und "großem Kino" außer Konkurrenz dürfte aber die Zukunft der Berlinale liegen, bei der man freilich auch die Parallelschienen "Panorama" und "Internationales Forum des Jungen Films" nie übersehen sollte. Wenig hörte man dort zwar heuer von herausragenden Filmen, kein "Winter´s Bone" oder "Im Schatten" gab es dieses Jahr wohl zu entdecken, auf interessante Produktionen konnte man bei den Abstechern zu diesen Sektionen doch stoßen. So wurde man nach Durchhängern in den letzten Jahren heuer bei der Berlinale reich beschenkt – sofern man freilich nicht Meisterwerke großer Meister am Fließband erwartet, sondern sich an einer bunten und ausgesprochen abwechslungsreichen Mischung erfreuen kann.



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