verfasst von Haimo L. Handl / 4. November 2007 - 7:18 / Wort zum Sonntag
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Afrikakonferenz in Deutschland. In den Nachrichten der ARD (Tagesschau 3.11.07) heisst es: "Bundespräsident Köhler fordert gleichberechtigte Partnerschaft mit Afrika", seine kurze Begrüssungsrede wird übertragen. Es sind viele gekommen, auch einige aus Afrika. Es gehe um "fairen Ausgleich" etc.

Die stereotypen Appelle sind bekannt. Sie kommen jenen Rufern entgegen die fordern, man solle mehr Positives aus Afrika berichten. Nicht immer Katastrophen. Doch in Afrika gibt es viele Katastrophen. Sonst gäbe es nicht solche Konferenzen. Sonst gäbe es nicht den Exodus. Sonst gäbe es nicht die Kriege. Soll man die verdecken? Rosarote Einfärbung? Propaganda, wie anno dazumal, als die Nazis wünschten, man möge doch nicht immer Horrornachrichten aus Deutschland bringen und zum Beweis Theresienstadt, den trauten Ort, den der Führer seinen Juden geschenkt hatte, vorzeigen? Man kollaboriert mit der inhumanen Klientelpolitik und mit dem fatalen Opferkult, wenn man die dunkle Seite ausblendet.

Gleichwertige Partnerschaft kann es unter Ungleichen nicht geben. Das sind Täuschungen. Das ist Betrug. Es ist wichtig herauszufinden, wo die Gründe der Ungleichheit liegen. Aber mit Propaganda werden die Probleme nicht gelöst. Der dauernde Rekurs auf die Kolonialzeit hilft nur, Hausgemachtes zu überdecken, zu kaschieren. Meist sind immer andere schuld. Die Geschichte, die Exkolonialländer, der Kapitalismus, die nichtafrikanische Welt.

Doch würde solch borniertes Denken Allgemeingut, müsste es für alle gelten. Dann sind alle Opfer, weil alle diesen Einflüssen unterliegen. Es ist die Globalisierung, die Welt ausserhalb, die Schuld trägt. Man kann nicht anders. Man braucht Hilfe. Wer braucht sie nicht?

Dieses Verhalten gibt es überall. Es ist nur eine Frage der Verhältnisse und der Verhältnismässigkeit. Viele Ossis jammern jetzt noch in Deutschland und sehen sich als Opfer, glorifizieren ihren Betreuungsstaat und meinen, die verkommene Denunziationskultur habe ihnen mehr Sicherheit gegeben, nicht trotz, sondern wegen der Stasi, als jetzt im rauen Westen der kapitalistisch-ausbeuterischen Bundesrepublik. Natürlich ist was dran: der Kapitalismus ist ausbeuterisch, das Klima ist rau. Doch war die DDR nicht Opfer, nicht nur Resultat äusserer Einwirkungen. Sie hat ihre eigene Politik gemacht.

Was viele afrikanischen Vertreter im Ernst meinen ist, dass sie nicht autonom handeln können, weil man sie nicht lässt. Sonst wäre es anders. Wer lässt sie nicht, andere aber schon? Es stimmt, dass die Entwicklungshilfe keine wirkliche ist. Aber das liegt auch an den Nehmern. Es stimmt, dass der Weltmarkt ungerecht ist. Doch das gilt allgemein und nicht nur für Afrika. Es gibt nirgends eine Gerechtigkeit. Oder Gleichheit.

Wenn das Eigenständige nicht anerkennenswert ist, wo liegt die Voraussetzung für "Gleichheit", für "Partnerschaft"? Ist das nicht umgekehrt die Voraussetzung für Paternalismus und Protektion hier, Hilfsannahme dort, die, würde sie logisch fortgeführt, in einer Projektoratspolitik münden müsste, wie früher im Kolonialismus?

Partnerschaft, Gleichheit setzt mehr als Appelle voraus. Sie muss realen Bedingungen entsprechen. Die Afrikapolitiken helfen das zu verwischen, zu überdecken, umzutaufen. Cui bono? Fehlen diese Voraussetzungen, müssten sie real und konkret hergestellt werden. Seit der "Emanzipation" wird das "offiziell" unternommen. Die politische, wirtschaftliche und kulturelle Geschichte ist leider keine erfolgreiche, positive. Sie ist ein Trauerspiel. Wem hilft es, wenn man das Problem nicht beim Namen nennt? Wenn man so tut als ob?

Dass sich im Wesentlichen nicht viel geändert hat seit den aufbrechenden Sechzigerjahren, beweist die Lektüre von Schriften aus dieser Zeit. Der Aufbruch, der Aufbruch bleibt, konvertiert in Stagnation. Vielleicht führt er zum Bruch. Aber nicht zum Auf. Erschreckend, wenn man alte Aufrufe, Analysen, Appelle, Betrachtungen, Berichte von damals liest und mit der heutigen Situation vergleicht.

Ich nehme den Artikel "Schwarze wollen schwärzer werden" (1959) von Hermann Kesten her. Kesten, ein hochgebildeter deutscher Literat, streitbar human, engagiert und kritisch. Seine kurzen Betrachtungen, die er zum 2. Weltkongress der schwarzen Intellektuellen in Rom anstellt, sind frappierend. Vor allem, wenn man sie heute (wieder) liest. Kritik ist wichtig, inklusive und besonders Selbstkritik.

"Sie gingen hin und her, zu Empfängen bei Ministern und Ambassadoren, ..., sie bildeten Kommissionen und Subkommissionen, hielten flammende oder überflüssige Reden und fassten hallende oder hohle Resolutionen. Ruhelos blieben sie auf demselben Fleck. Fortwährend redeten mehr als zuhörten. ... Sie stritten und waren ganz einig. ... Sie wollten Afrika befreien, die Schwarzen einen. ... Sie propagierten die besten und schlimmsten Ideen der Weißen (auch einige der Schwarzen). Man hörte die schwarzen Ketten rasseln und die weißen Vorurteile mit schwarzen Melodien. ... Mit Hilfe der Kultur der Weißen wollen sie sich von der Kultur der Weißen befreien, mitsamt den kolonialen Ketten Europas und den Vorurteilen Amerikas. Keiner schwebt in solcher Gefahr, ein Menschenfeind zu werden, wie ein Menschenfreund. ... Aus dem Krieg gegen die Sklaverei machen sie das Tamtam künftiger Sklaven. ... Natürlich haben die Entrechteten jedes Recht - aber auch das Recht, Entrechter zu werden?" (Hermann Kesten)

Das wurde vor bald 50 Jahren notiert. In der Zwischenzeit hat afrikanische Musik stärker Eingang in unsere Kulturen gefunden, Trommel-Workshops werden allerorten angeboten, es gibt Fair Trade und haufenweise afrikanische Festivals. Aber was hat sich wirklich geändert in den afrikanischen Ländern für die Afrikaner? Soviel, dass sie jetzt bei einer Afrikakonferenz in Europa von Gleichheit und Partnerschaft reden, die nicht einmal am eigenen Kontinent gilt? Die Lüge wird perpetuiert. Man sollte heute solche Konferenzen in Europa mit einem Trauertag beschliessen.