4. August 2007 - 4:55 / Film 

Im Wettbewerb des 60. Filmfestivals von Locarno ist sein Name der klangvollste. Nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Regisseur kam "Hannibal Lecter" Sir Anthony Hopkins an den Lago Maggiore. In "Slipstream" verwickelt der Star den Zuschauer in die ausufernden Gedankenströme eines von ihm selbst gespielten Drehbuchautors. Gegenpol zu Hopkins" drittem Spielfilm stellt das in bestechenden Bildern ruhig erzählte algerische Drama "La maison jaune" dar.

Schon im Vorspann von "Slipstream" gibt der Schriftzug "Dream" die Richtung vor und sogleich wirft Anthony Hopkins den Zuschauer in einer furiosen Montagesequenz auch in einen Bilderstrom. Ob es in diesem Film überhaupt eine Realitätsebene gibt oder ob alle Bilder und Handlungsfetzen nur der Imagination des Drehbuchautors Felix Bonhoeffer entspringen, bleibt bis zum Ende unklar.

Wild mischt Hopkins Archivbilder von Hitler, Nixon oder aus dem Vietnamkrieg mit Szenen von Dreharbeiten in der Nähe von Las Vegas, verwickelt seine Hauptfigur in einen Amoklauf auf einem Highway, rekurriert plötzlich auf den Namensverwandten der Hauptfigur Dietrich Bonhoeffer, wechselt zwischen Schwarzweiss und Farbe und lässt auch Szenen sich wiederholen. Der Bezug auf Don Siegels "The Invasion of the Body Snatcher" macht zwar insoweit Sinn, als dass in diesem Horrorklassiker ausserirdische Intelligenz die Gehirne der Menschen besetzt und gewissermassen auch das Gehirn der Hauptfigur von "Slipstream" fremd gesteuert ohne jede Logik wild zu wuchern scheint – hilfreich zur Aufschlüsselung des Films ist dieser Verweis aber kaum.

Da die Handlung von "Slipstream" nirgends geerdet ist, die Fetzen förmlich in der Luft hängen bleiben, kommt dieser Film im Gegensatz zu anderen Filmen über Kreativität und die Grenzen von Realität und Imagination wie Spike Jonzes/Charlie Kaufmans "Adaptation" nie über ein formal und inhaltsreiches zwar einfallsreiches, aber letztlich eben auch selbstzweckhaftes Spiel mit Handlungsmustern und filmischen Gestaltungsmitteln hinaus. Denn da in einen solchen "Stream of Consciousness" alles ebensogut wie nichts hineingepackt werden kann, bleibt "Slipstream" letztlich sehr beliebig.

Gegenpol zu Hopkins" verschlungenem Bilderstrom stellt der geradlinig erzählte algerische Film "La maison jaune" dar: Ein Bergbauer muss mit seinem motorisierten Dreirad den Leichnam seines Sohnes aus der Stadt zurückholen. Als die Mutter des Toten auch nach dem Begräbnis über den Verlust nicht hinwegkommt, unternimmt der Mann alles, um sie von ihrer Depression zu befreien.

In warmem Licht und Farben fängt Amor Hakkar in gestochen scharfen Bildern die karge Berglandschaft ein. Lakonisch und unspektakulär, ohne jeden überhasteten Schnitt erzählt der Algerier diese universelle Geschichte über Trauer und den Umgang mit Verlust. Gerade durch diese ruhige, ja bedächtige, sehr einfache und geradlinige, aber konzentrierte Erzählweise bewegt sein Film. Jeden Ton trifft Hakkar genau und man spürt, dass er "La maison jaune" aus eigenem Erleben heraus entwickelt hat. So sehr dieses leise Drama formal aber auch überzeugt, so machen auf der inhaltlichen Ebene doch die Naivität der Hauptfigur, aber auch die rundum nett gezeichneten Menschen und die nur im ersten Moment teilnahmslosen, dann aber immer mitfühlenden und hilfsbereiten Behörden stutzig. – Allzu nett und betulich ist "La maison jaune", ein bisschen mehr Schärfe, Ecken und Kanten hätten nicht geschadet.



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'Slipstream'
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'La maison jaune'
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Amor Hakka