15. Januar 2008 - 1:58 / Ausstellung / Archiv 
14. Oktober 2007 20. Januar 2008

Hans Poelzig (1869–1936) gehört zu den bedeutenden deutschen Architekten des frühen 20. Jahrhunderts. Als Wegbereiter wie als "Meister" und geniale Künstlernatur haben ihn schon seine Zeitgenossen, allen voran seine Schüler, gefeiert. Wie kaum ein anderer hat Poelzig auf dem Kunstcharakter der Architektur bestanden. Als "symbolische Form" war sie für ihn über alle funktionalen, sozialen und schließlich selbst ihre politischen Voraussetzungen erhaben.

In der deutschen Architekturszene der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Hans Poelzig präsent wie wenige andere: durch sein Oeuvre, durch seine Lehrtätigkeit – er galt als begnadeter Lehrer – und nicht zuletzt durch seine farbige Persönlichkeit, seinen Witz und sein Temperament. "Ein Kerl wie Poelzig", heißt es bei zeitgenössischen Autoren wie Adolf Behne und Paul Westheim. Es gibt kaum eine Bauaufgabe, in der er nicht tätig war und Beispiele setzte: das private Haus, die Quartiersplanung, der Industriebau, das großstädtische Warenhaus, der Verwaltungsbau, Theater, Kino, Messebau, Rundfunk. Gegen Ende der Weimarer Republik war Poelzig einer der berühmtesten Architekten seiner Zeit, Entwerfer städtebaulicher Großanlagen wie des Berliner Messegeländes mit dem Haus des Rundfunks und des IGFarben-Verwaltungsgebäudes in Frankfurt am Main, Sitz des damals mächtigsten europäischen Großkonzerns.

Ein weiterer Aspekt macht Poelzigs Werk heute interessant. Poelzig war ein Meister vieler Künste. Er war ein leidenschaftlicher Zeichner, ein Maler, dessen Ölgemälde die Aktionsmalerei späterer Jahre vorwegnahmen, leidenschaftlich an Theater und Film interessiert. Er war sich nicht zu schade, Szenen für Filme zu bauen (Der Golem, Lebende Buddhas, Zur Chronik von Grieshuus), entwarf Bühnenbilder und hätte am liebsten selbst Regie geführt. Dieses Engagement schlug sich auch in seiner Architektur nieder, die von szenographischen Momenten geprägt war und sich manche Grenzüberschreitungen erlaubte. Im Umkreis Poelzigs hat man sogar diskutiert, wie Architektur in Farblichtspielen aufgehen könnte. Bei Poelzig kam dieses Interesse an der Vielfalt künstlerischer Äußerungsmöglichkeiten aus dem Glauben an das Gesamtkunstwerk, dem viele anhingen.

Das Prestige, das Poelzig in Öffentlichkeit und Kollegenschaft genoss, schlug sich in den Ämtern nieder, die er wahrnahm: Direktor der Breslauer Kunst- und Kunstgewerbeschule, vier Jahre lang Stadtbaurat in Dresden, 1919-21 Erster Vorsitzender des Deutschen Werkbunds, Vorstandsmitglied des Bundes Deutscher Architekten, von 1923 an Professor der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg. Poelzig hatte eine berufspolitische Schlüsselstellung inne. Es gab wenige Entwicklungen und Ereignisse in deutscher Architektur und deutschem Städtebau, zu denen nicht seine Meinung gefragt war und seine Äußerungen kolportiert wurden.

Der Preußischen Akademie der Künste war Poelzig eng verbunden. 1920-35 leitete er ein Meisteratelier der Akademie für Architektur, das zunächst in den Communs des Potsdamer Neuen Palais untergebracht war. 1922 wurde er zum Mitglied ernannt. 1931 widmete die Akademie ihm eine große Ausstellung am Pariser Platz. Zum Vizepräsidenten wurde er 1932 gewählt, trat aber 1933 zurück. In den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts hätte niemand gezweifelt, dass Poelzig neben Peter Behrens und Theodor Fischer die bestimmende Kraft innerhalb der älteren Generation war. Auch die Jüngeren respektierten ihn, wenn auch manchmal mit Unmut. Anders als Fischer oder Heinrich Tessenow ließ er sich nicht dem konservativen Flügel zuordnen. Er nahm an Unternehmungen der Avantgarde teil wie der Stuttgarter Weißenhofsiedlung oder den internationalen Wettbewerben für das Völkerbundpalais in Genf, den Sowjetpalast in Moskau, das Theater in Charkow.

In Massengliederung und Oberflächengestaltung blieben Poelzig-Projekte jedoch auch in diesen Jahren als individuelle Leistungen kenntlich. In ihrer plastischen Wirkung, ihrem spezifischen Gewicht und ihren vibrierenden Fassadenhäuten unterschieden sie sich deutlich von der klassischen Moderne eines Walter Gropius oder Mies van der Rohe. "Eine Tendenz zur Breitenwirkung", hat man ihm doppeldeutig attestiert. Monumentalität, lange Zeit ein Tabu in der Moderne, hat Poelzig nie gescheut. Architektur blieb für ihn eine Kunst der symbolischen Formen.

Aus der Geschichte der deutschen Architektur ist dieser Baumeister nicht wegzudenken. Im internationalen Kontext dagegen wäre für sein Werk erst noch die Position zu suchen. Anders als die Emigranten der deutschen Architekturmoderne ist Poelzig im Lande geblieben. Dem Versuch, während des "Dritten Reichs" in der Türkei ein neues Arbeitsfeld zu finden, kam 1936 der Tod zuvor. So hat er nur innerhalb der damaligen Grenzen des Deutschen Reichs gebaut. Publikationsmöglichkeiten, wie sie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe oder Erich Mendelsohn im Exil dank ihrer Lehrtätigkeiten und ihrer internationalen Kontakte hatten, blieben ihm verschlossen.

Die Ausstellung präsentiert Originalmaterial, zusammengestellt aus Privatbesitz, Archiven und Sammlungen, aus dem Hamburger Nachlass seiner Erben und vor allem aus dem beruflichen Nachlass Poelzigs im Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin. Neben Plänen und Zeichnungen umfasst dieser Nachlass großformatige Fototafeln, die schon Poelzig selbst zur Dokumentation seiner Bauten und Projekte auf Ausstellungen und für Präsentationen anfertigen ließ. Erstmals seit langer Zeit wird auch exemplarisch das malerische Oeuvre des Architekten, aus dem er einzelne Bilder nur einmal, im Jahr 1919, für eine Ausstellung freigab, im Zusammenhang mit seinen Architekturentwürfen gezeigt. Ebenso werden künstlerische Positionen heutiger Fotografen gezeigt, die sich mit den Bauten Poelzigs auseinandergesetzt haben.


Katalog: "Hans Poelzig (1869 bis 1936). Architekt Lehrer Künstler." Beiträge: Wolfgang Pehnt, Matthias Schirren, Hans-Dieter Nägelke, Jörg Stabenow, Heike Hambrock, Claudia Dillmann, Christian Marquart, Peter Cachola Schmal und Wolfgang Voigt, Sylvia Claus, Hans-Stefan Bolz. 272 Seiten mit ca. 90 Farb- und 260 Schwarz-Weiß-Abbildungen. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. Verkaufspreis in den Ausstellungen EUR 29,- im Buchhandel EUR 49,90.

Hans Poelzig (1869 bis 1936). Architekt Lehrer Künstler
14. Oktober 2007 bis 20. Januar 2008

Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
D - 10557 Berlin-Tiergarten

T: 0049 (0)30 20057 2000
E: info@adk.de
W: http://www.adk.de/

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