15. Januar 2008 - 3:08 / Walter Gasperi / Filmriss
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Ungleich ruhiger als in seinem Meisterwerk "Gegen die Wand", aber bewegend erzählt Fatih Akin in seinem neuen Melodram von der Kluft zwischen Deutschland und der Türkei, zwischen Eltern und Kindern und von Heimatlosigkeit und schlägt am Ende berührend versöhnliche Töne an.

Durch und durch konstruiert ist der Handlungsaufbau von "Auf der anderen Seite". Die zwei Kapitel "Yeters Tod" und "Lottes Tod" werden nicht nur im abschließenden "Auf der anderen Seite" betitelten Kapitel zusammengeführt, sondern die Kapitel sind bis in Details auch symmetrisch aufgebaut. Beide Male nimmt ein Zwischentitel auch das Ende vorweg, beide Kapitel beginnen mit Demonstrationen, einmal in Deutschland, einmal in der Türkei und enden damit, dass ein Sarg in das Heimatland der Toten, einmal in die Türkei, einmal nach Deutschland zurückgeflogen wird.

In "Yeters Tod" erzählt Fatih Akin vom türkischstämmigen Germanistikprofessor Nejat, der in die Heimat seiner Vorfahren reist, um die Tochter der Geliebten des Vaters, der Prostituierten Yeter, die dieser im Affekt erschlagen hat, zu suchen. Darauf folgt mit "Lottes Tod" die Geschichte Aytens, der Tochter Yeters, die von der türkischen Polizei als politische Aktivistin verfolgt wird und nach Deutschland flieht. Dort wird Ayten von der Studentin Lotte gegen den Willen ihrer Mutter aufgenommen, später von der Polizei aber aufgegriffen und nach einem Prozess in ihre Heimat abgeschoben: Dort werde ihr keine Haftstrafe drohen, da die Türkei als EU-Bewerber keine Menschen mehr aus politischen Gründen verhaften werde. Die Realität freilich sieht anders aus und so folgt Lotte Ayten um ihr zu helfen ins Land am Bosporus …

Vom enormen Drive und Tempo von "Gegen die Wand" verabschiedet sich Fatih Akin im zweiten Teil seiner "Liebe, Tod und Teufel" betitelten Trilogie. Von Anfang an schlägt er einen langsameren, aber keineswegs weniger intensiven Erzählrhythmus an. In langen distanzierten Einstellungen lässt er den Schauspielern Raum und Zeit ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ihre Charaktere zu entwickeln. Ungleich besonnener und ruhiger als die Figuren in "Gegen die Wand" agieren die sechs bewegend gespielten Protagonisten (herausragend: Hanna Schygulla).

Das Thema ist freilich das gleiche geblieben. Wie in "Kurz und Schmerzlos", in "Im Juli" und in "Gegen die Wand" geht’s auch hier um Heimatlosigkeit und die Sehnsucht nach einem Platz, an dem man sich geborgen fühlt. Ganz selbstverständlich bettet Akin diese universellen Themen in die deutsche und türkische Realität ein und verquickt die private Geschichte mit Gesellschaftspolitik.

Genau datiert ist "Auf der anderen Seite" und untrennbar mit dem angestrebten EU-Beitritt der Türkei verbunden. Deutschland bekommt dabei mit seiner Asylpolitik ebenso sein Fett ab wie die Türkei mit Menschenrechtsverletzungen, Demonstrationsverbot und einem harten Strafvollzug. Papieren gerät Akin da zwar eine Diskussion zwischen Lottes Mutter und Ayten, aber weitgehend fließt das Öffentliche doch ganz selbstverständlich in die Geschichte von sechs Menschen ein, deren Schicksal zuerst parallel verläuft, gleichzeitig aber am Rande Schnittstellen aufweist und im letzten Kapitel schließlich miteinander verknüpft wird.

Balladesk breit und ruhig fließt der Erzählstrom dahin. Bestechend versteht es der türkischstämmige Akin die Handlung in ihren Schauplätzen zu verankern und durch dieses Lokalkolorit eine authentische und dichte Atmosphäre zu schaffen. Die offensichtliche Konstruktion und ihre Künstlichkeit der drei sich spiegelnden Mutter-Tochter- bzw. Vater-Sohn-Beziehungen ist kein Klotz am Bein, raubt dem Film nicht sein Leben und lässt ihn nicht in einer kalten Stilübung ersticken, sondern vielmehr durch die Doubletten und Überschneidungen wachsen. Akin erweist sich hier wieder als großer souveräner Erzähler, der die Fäden jederzeit sicher in der Hand hält und den Film sozusagen vom hohen Meer in einen sicheren Hafen führt.

Wunderbar wird dabei am Ende eine große erzählerische Klammer, die am Anfang geöffnet wurde und in die die gesamte Erzählung eingebettet wird, geschlossen. Wie in dieser Klammer mit dem Verweis auf das türkische Opferfest Bayram, bei dem der (letztlich nicht vollzogenen) Opferung Isaaks durch Abraham gedacht wird und die Versöhnung im Mittelpunkt steht, sind auch in diesem großen Melodram Liebe und Vergebung schließlich stärker als der Tod.

Wenn Nejat in der letzten Einstellung am Schwarzen Meer steht und erwartungsvoll und vergebend hinausblickt, sind keine Worte, keine Musik und keine Kamerabewegung nötig. Das Rauschen des Meeres reicht völlig. – Aber Worte wie Schuld und Vergebung sind viel zu groß, zu gewichtig, angesichts eines so ruhigen Films, der wunderbar beiläufig erzählt ist, keine Szene besonders betont und aus nichts eine große Geschichte macht. – Gerade in dieser Selbstverständlichkeit und Ruhe beweist sich Akins Meisterschaft, auch wenn es ein Kapitel für sich wäre zu prüfen, ob die Schnittstellen der beiden parallelen Geschichten von ihrer Zeitstruktur her überhaupt möglich sind.

Läuft und am Donnerstag, den 24.1 um 19.30 Uhr und Freitag, den 25.1. um 21.30 Uhr in den Weltlichtspielen Dornbirn (FKC Dornbirn) (jeweils O.m.U.).

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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