verfasst von Haimo L. Handl / 8. Juni 2008 - 6:35 / Wort zum Sonntag
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Auch für mich Unsportlichen ist das Grossereignis der EM unübersehbar. Es fallen mir zwar Ungereimtheiten und Rechtsbeugungen auf, die Sportfans eher übersehen, wie zum Beispiel die rücksichtslose Aneignung öffentlichen Raumes seitens einer Organisation, der UEFA, die dann sogar Gesetze des freien Marktes ausser Kraft setzt mit Hilfe kollaborierender Regierungen, weil alle daran verdienen, ausser jene wenigen, die nicht direkt mitmachen.

Wen kümmert es, dass Wirte ihr Bier, welches sie ausschenken wollen in ihrem Restaurant, das zufällig in einer von der UEFA gemieteten Zone liegt, nicht verkaufen dürfen, weil UEFA mit Sponsorverträgen diktiert und verdient, wen kümmert es, dass öffentliche Räume in Städten, entgegen allen Ansichten von Urbanität, verwandelt werden in scharf kontrollierte Kommerzzonen, wo sogar der Zugang zum Eigentum (Geschäft oder Wohnung) behindert und sondergeregelt wird: die UEFA tritt auf wie der Mafiapate, die Regierungen machen mit, und die Massen jubeln.

Mich wundert, dass niemand den bitteren Bei- und Nachgeschmack verspürt. Aber vielleicht ist die penetrante Werbung über alle verfügbaren Medien und das enorme Merchandising mit ein Grund, die Sinne zu trüben, das Bild einzufärben und alle bei Laune zu halten: es geht ja um Konsum und Profit. Einige sagen, es gehe um Sport. Einige bemerken, dass es um Aggressionsabbau gehe. Andere sehen eher das Gegenteil. Und ganz wenige sehen die politischen Hintergründe der grossangelegten, grenzübergreifenden Polizeimassnahmen, die von immer mehr Leuten als "normal", "vernünftig" und "wichtig" verstanden werden.

Für mich zeigen sich Bilder, die mir andere Schlussfolgerungen oder zumindest bohrende Fragen eröffnen: welche Art von Patriotismus, Nationalismus oder Chauvinismus äussert sich wie intensiv, wie völkerverbindend sind denn die "Begegnungen", die unter hohem Polizeischutz, Filterungen, Präventivverhaftungen und Waffeneinsatz, falls mal Gruppen in "verbotenen Zonen" sich aufhalten, stattfinden?

Massnahmen wurden getroffen, die mich eher an einen befürchteten und antizipierten Bürgerkrieg gemahnten, als an Sport und Spiel. Umgekehrt kam ich ins Träumen: der Bundespräsident hier, der Ministerpräsident oder die Kanzlerin dort, hohe Repräsentanten mischen sich unters Volk ins Stadion, und anders als die Potentaten zu Gladiatorenzeiten drücken sie nicht mehr offen die Daumen nach unten, sondern lächeln telegen und grinsen bedeutungsschwanger in die Kameras. Ach wie nett! Wie verbindend.

Ich sinniere, ob es irgendetwas Gleichwertiges im Kultur- oder gar Wissenschaftsbereich gäbe, das die repräsentationsgeilen Politfüchse auf die Fährte brächte. Mir fällt nichts ein. Keine Massenmedien würden sich so ins Zeug legen für das dichterische oder schriftstellerische Wort. Das Einzige was noch "weltweit" rüberkommt, sind Pop-Grossereignisse in Stadien oder auf Flugfeldern oder ähnlichen weiten Gefilden, wo Abertausende schmachtend den Stars frönen. Der Popzirkus, der ähnlich wie der Sport zum bestverdienenden Ablenkungsspiel wurde, ist annähernd ein Äquivalent. Sonst nichts. Kein Konzert neuer Musik, keine Lesung, kein Theater, wo nicht der inszeniertee Skandal als Vorausmeldung und Appetitmacher nicht Massen lockt.

Für Literatur, Kunst und Bildung wären keine Miltitär- und Polizeimassnahmen zu treffen, auch wenn Tausende aufträten. Theaterbesucher sind fast nie so rabiat wie einige Regisseure oder Schauspieler. Es besteht kaum Gefahr von Vandalismus, Vergewaltigung oder Mord. Die Gemüter werden selten aufgeheizt im negativen Sinne. Im Sport aber, den man immer noch als "gesund" verkauft, werden Massnahmen wie vor einem Krieg getroffen, weil man weiss, es wäre sträflich, nicht vorbereitet zu sein. Trotzdem loben alle das Geschäft. Höchst eigenartig.

Ich wünschte mir in jenen Bereichen, wo Nationalität überhaupt keine Rolle mehr spielt, wo Kunst und Kultur beglücken oder auch ärgern und irritieren, nie aber verletzen oder zu Zorn, Wut und Totschlag führen, eine annähernd gleich starke Aufmerksamkeit. Zu unrealistisch? Mit einem Bruchteil des Geldes, das für Sicherungsmassnahmen verpulvert werden muss, liessen sich mehr als ein paar modische "lange Nächte" inszenieren. Aber wahrscheinlich soll es darum ja gar nicht gehen.