22. Juni 2020 - 0:01 / Ausstellung / Malerei 
26. Juni 2020 8. August 2020

Die nächste Ausstellung der Bludenzer Galerie allerArt setzt den Schwerpunkt auf die künstlerische Methode des bildhaften Erzählens. Unter dem Titel "Autonarrativ" wartet Kurator Manfred Egender mit einer speziellen Konstellation auf. Werken des 1963 in Eutin (Schleswig-Holstein) zur Welt gekommenen Künstlers Christian Macketanz, der als Professor für Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Dresden tätig ist, werden Arbeiten seiner 1985 in Bregenz geborenen Meisterschülerin Sophie Thelen gegenübergestellt.

Für Egender stellt das Narrative in der Kunst ein kreatives Unterfangen dar, dessen Spannweite vom privatesten Erfahrungsfundus bis hin zur dokumentarischen Bildgeschichte reicht. Und er sieht im Autonarrativen "die älteste selbsterklärende Bildstrategie der Widerspiegelung und Bannung von Innen- und Aussenwelt." Wobei die individuellen Bildchoreographien den Betrachter tief hinein ins intimste Künstlerleben ziehen können.

Einblick in eine verwunschene Welt

Zentraler Blickfang des Beitrages von Sophie Thelen ist eine zehneinhalb Meter lange und fast eineinhalb Meter hohe Papierbahn, die von Menschen, Tieren und Pflanzen bevölkert wird, die mit Feder und Tusche überaus feingliedrig und teils auch sehr ornamental gezeichnet sind. Die Künstlerin gibt damit Einblicke in eine andere, verwunschene Welt, in eine Welt der Phantasie, in der alles möglich scheint.

Thematisch hat sich Thelen in dieser Arbeit mit den Archetypen, die in Märchen und Mythen und im Leben auftreten, auseinandergesetzt. Mit Urbildern, in denen sich die Grundgesetze der Existenz widerspiegeln. Etwa Leben und Tod, Geschlechtlichkeit, Gut und Böse, Disharmonie und Harmonie. In diesem Zusammenhang spielt auch die analytische Psychologie von Carl Gustav Jung und die von ihm geprägten Begriffe Animus und Anima als zwei der wichtigsten Archetypen eine wesentliche Rolle. Jung erkannte in Märchen- und Sagengestalten, im Mythos und in Träumen Wegweiser zur "Individuation", zur Ganzwerdung des Menschen. Aber noch wichtiger seien ihr die Überlegungen von Jungs Frau, nämlich Emma Jung, die sich vertieft und grundlegend mit Mythen und Märchen beschäftigt habe, sagt die Künstlerin. Und auch das Bild des Tigers, der in der Trauma-Heilung eine größere Rolle spielt, erhält in ihrem zeichnerischen Kosmos als geistiges Schutztier immer wieder visuelle Präsenz.

An der Seitenwand präsentiert Thelen eine größere Anzahl von kleineren, neueren Tuschezeichnungen, die etwas malerischer gearbeitet sind, in denen aber das Thema der Schutzgeister in Tier und Pflanzengestalt immer noch eine zentrale Position bekleidet. "Es sind Arbeiten, die Heilungsrituale und Träume zeigen, die Perioden von Leid, Trost und Erschöpfung widerspiegeln," erläutert die Künstlerin.

Versuchsanordnungen ungelebter Daseinsformen

Christian Macketanz, der an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien bei Maria Lassnig und auch bei Hubert Schmalix studiert hat, folgt in seinem Schaffen seit über drei Jahrzenten der Tradition figürlicher Malerei, versucht aber, sich jeglichen modernistischen Trends dieses Mediums zu entziehen.

Neben den sehr aufwändigen Gemäldekompositionen sind im Zuge seiner Reisetätigkeiten seit rund zwanzig Jahren auch immer wieder kleinformatige, fast monochrome Tusche-Arbeiten auf Papier entstanden. Macketanz: "Vor circa eineinhalb Jahren wollte ich befragen, ob das Spontane, Leichte und Fluide, das die besondere Dichte und Atmosphäre der kleinen Tusche-Arbeiten ausmacht, auch im großen Format funktioniert." Die Antwort darauf ist nun bei allerArt unter der Bezeichnung "CAMAÏEU" als ein in Form eines in Mischtechnik und Öl gehaltenen visuellen "Story-Tellings" zu sehen, das sich auf einer zehn Meter langen und über zwei Meter hohen, lose an der Wand hängenden Leinwandbahn manifestiert. In ihrem Verzicht auf große Farbigkeit und im Zurückdrängen motivischer Strukturen erscheinen diese Arbeiten, in denen sich vegetative Szenerien, Beobachtungen und schemenhafte Figurationen ein Stelldichein geben, als radikaler Bruch zu den konzeptionellen Gemälden.

Matthias Flügge, Direktor der Hochschule für Bildende Künste Dresden, beschreibt die Gemälde von Macketanz in einem Essay ("C.M. - Einige Betrachtungen über Künstler und Werk"): "Die Figuren auf den Bildern scheinen der Wirklichkeit geradezu abgerungen, früher ergingen sie sich in kunsthistorischen Bezügen und Zitaten, heute scheinen sie souveräner dem Gestaltwillen ihres Schöpfers zu gehorchen. Gleichwohl verharren sie in Posen, die wir nicht als Metaphern lesen können und die wir auch nicht als Sinnbilder unserer eigenen Dunkelheiten missverstehen sollten, sondern vielmehr als Versuchsanordnungen ungelebter Daseinsformen."

Sophie Thelen und Christian Macketanz: "Autonarrativ"
Galerie allerArt, Bludenz
26. Juni bis 8. August 2020
Vernissage: 25.6., 20 Uhr
Öffnungszeiten: Mi-So u. Fe 15-18

Galerie Allerart
Verein zur Förderung von Kunst und Kultur
Am Raiffeisenplatz 1
A - 6700 Bludenz

T: 0043 (0)664 500 55 36
E: info@allerart-bludenz.at
W: http://www.allerart-bludenz.at

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  •  26. Juni 2020 8. August 2020 /
Cristian Macketanz, "CAMAÏEU" © Christian Macketanz
Cristian Macketanz, "CAMAÏEU" © Christian Macketanz
© Christian Macketanz
© Christian Macketanz
Thelen Sophie, "Meine Wächter" © Thelen Sophie
Thelen Sophie, "Meine Wächter" © Thelen Sophie
Thelen Sophie, "Wund (Wächter)" © Thelen Sophie
Thelen Sophie, "Wund (Wächter)" © Thelen Sophie