18. Juni 2020 - 10:16 / Ausstellung 
7. Februar 2020 20. September 2020

Auf Einladung der Kunsthalle Basel hat der Künstler Nick Mauss die Ausstellung "Bizarre Silks, Private Imaginings and Narrative Facts, etc." (dt. Bizarre Seiden, private Vorstellungen und erzählerische Tatsachen, etc.) konzipiert, in welcher szenografische, konzeptuelle und kuratorische Anliegen aufeinandertreffen.

Mauss’ Ansatz für die Ausstellung folgt einem langjährigen Interesse am Format der Ausstellung als eigenständiges künstlerisches Medium. "Bizarre Silks..." entfaltet sich in unerwarteten Begegnungen, in welchen der Künstler bewusst auf die Bedingungen der Räume eingeht und besonderes Augenmerk auf den Rhythmus der Ausstellung und die Architektur legt. Zudem entwickelte er Hilfsmittel zur Präsentation, zur kontextuellen Rahmung sowie zur Beeinflussung der Blickrichtung; dazu zählen ein Paravent und bemalte Durchgänge, die den Zugang zu dem, was und wie man es sehen kann, in neue BaBizarre Silks, Private Imaginings and Narrative Facts, etc.hnen lenken sollen.

Wie bewahrt man eine radikale Subjektivität?

"Typeface dedicated to and named after Anne-Marie (Im Hof-)Piguet" (dt. Schriftsatz, der Anne-Marie [Im Hof-]Piguet gewidmet und nach ihr benannt ist, 2018) von Bea Schlingelhoff ist der Schweizer Aktivistin gewidmet und thematisiert politisches Bewusstsein durch die Sichtbarmachung einer Erinnerung von öffentlicher Relevanz.

Ray Johnsons Künstlerbuch "Ray Gives a Party" (dt. Ray schmeisst eine Party, ca. 1955) zeigt das Pandämonium kostümierter Gäste, die an einer imaginierten Party teilnehmen, darunter intime und nervige FreundInnen, literarische und künstlerische Berühmtheiten, einen ungebetenen totalitären Herrscher sowie die Polizei.

Der erste Raum der Kunsthalle Basel wird von einem Netz geteilt, dessen Raster alles, was dahinter liegt, strukturiert wie ein Fensterschleier von Leon Battista Alberti (1404 – 1472), erfunden, um dem Fluss der Dinge in der Welt eine Ordnung aufzuzwingen und als flaches Bild wiederzugeben. Um diesen visuellen Eingriff herum ist eine Konfiguration aus Stellwänden und ein grosser Stoffbanner platziert. Ihre gemalten Motive scheinen, die gängigen Funktionen von Zeichnung, Schrift und Dekoration aufzulösen.

Felix Bernstein und Gabe Rubins "Memory, La MaMa" (2014) dokumentiert eine Performance im La MaMa Experimental Theatre Club in New York. Sie zeigt wie die Konventionen einer übertriebenen Broadway-Nummer in ein trojanisches Pferd verwandelt werden können, um damit vorherrschende soziale Normen zu zerstören.

Ketty La Roccas freistehender Buchstabe "J" (J, 1970) stellt das französische "je" (dt. Ich) als ein glänzendes, undurchdringliches Ding dar, während die Satzzeichen in ihrer Arbeit "Comma with 3 dots" (dt. Komma mit 3 Punkten, 1970) von jedem normativen Laut oder "Sinn" isoliert wurden, denen sie normalerweise Struktur verleihen.

Georgia Sagris überdimensionale Arbeiten "Deep Cut, Open Wound und Fresh Bruise" (dt. Tiefer Schnitt, Offene Wunde und Frische Prellung; alle 2018) verwandeln die Ausstellung und das Gebäude, das sie beherbergt, in einen verwundbaren Organismus in der Krise, dessen ZeugInnen die BetrachterInnen sind und dazu herausfordert, Auffassungen von Fürsorge zu überdenken.

Konrad Klaphecks Gemälde "Liberté, amour, art" (dt. Freiheit, Liebe, Kunst; 1964) erweitert die sonst monumentalen Darstellungen fetischierter industrieller Gegenstände des Künstlers durch die Beschriftung von Teilen eines unspezifischen Röhren-Systems mit den Titelwörtern. Was mag das wohl über den Künstler aussagen, der selbst erklärte: "Durch die Malerei schreibe ich unfreiwillig meine Autobiografie. Sie ist nicht auf der Oberfläche eines Bildes sichtbar, sondern unter einer Eisschicht verborgen..."?

"Private Imaginings and Narrative Facts" (dt. Private Vorstellungen und erzählerische Tatsachen, 1968 – 70) ist das Werk von Edward Owens – ein Filmemacher, dessen junge Karriere ein verfrühtes Ende fand. Owens machte alle vier seiner erhaltenen Filme, als er noch keine zwanzig Jahre zählte. Jahrzehnte später wird Owens von Filmemacher Jonas Mekas im Gespräch mit seiner Kollegin M.M. Serra als "der erste homosexuelle afroamerikanische Experimentalfilmemacher" bezeichnet. Im Film, ein offensichtliches Porträt von Owens Mutter Mildred, werden zärtliche, verweilende Aufnahmen einer majestätisch wirkenden Mildred Owens von plötzlichen Einblendungen anderer Motive – ein androgynes Gesicht, ein Black-Panther-Anstecker, eine schmutzige Stiefelspitze – unterbrochen. Ohne sich jemals zu einer linearen Erzählung zusammenzufügen, entsteht in Owens’ Miniaturporträt ein Strudel aus Fragmenten von abgebrochenen Filmen und von "realem Leben" in Verbindung mit "Fantasie", der die Sehnsüchte eines ganzen Lebens heraus zu destillieren scheint.

Eine Sonderform gewobener Textilien – "Bizarre Seiden", die durch den Austausch von Motiven, begünstigt vom Textilhandel im 17. und 18. Jahrhundert, entstanden sind, repräsentiert eine Art der ornamentalen Rückkopplung zwischen industrieller Seidenproduktion und dem frühen globalisierten Kapitalismus. Diese Stoffe sind Träger einer sprunghaften Synthese verschiedener Stile und Ursprünge: Erinnerungen an Rokoko, Chinoiserie, Barock, Zitate aus dem Persischen sowie japanischer Grafiken prallen aufeinander und es entstehen absurde, flamboyante Grotesken, die den Jugendstil vorweg zu nehmen scheinen, ihn geradezu herbei halluzinieren.

Hannah Höchs Gouache der Nachkriegszeit "Ich bin ein armes Tier" (1959) sieht zunächst wie die grammatikalische Übung eines Kindes aus. Aber indem Höch einen Zustand des Seins anhand jeder grammatikalischen Person durchkonjugiert, verwandelt sie das Gefühl völliger Verlassenheit um in ein Manifest der Verdammnis.

Eine Arbeit aus Gretchen Benders Serie "TV Text and Image" (dt. TV Text und Bild, 1986 – 1993) überlagert lokales Fernsehprogramm mit der Aussage "People with aids" (dt. Menschen mit Aids). Die Schärfe dieser "Nachricht", die mit der Oberfläche der Fernseh-"Botschaft" verschmilzt, kreiert eine übertriebene, perverse Dissonanz zwischen zwei unvereinbaren (aber gleichzeitigen) Tatsachenebenen.

Sullivans Bilder aus der Serie "The Bathers (Inverted)" (dt. Die Badenden [invertiert], 2015 – 2017) eine kritische Distanz zu Paul Cézannes Motiv der Badenden her. In der Umkehrung des Farbschemas, so dass sie wie ein Negativ erscheinen, initiieren die Gemälde ein Umdenken der optischen und konzeptuellen Wahrnehmungen, was wiederum ein Ungleichgewicht in der Rezeption erzeugt. Zusätzliche Aufladung erhalten diese verdoppelten Nachbilder von Sullivan durch die räumliche Nähe zu Cézannes "Cinq baigneuses" (dt. Fünf Badende, 1885/1887) im Kunstmuseum Basel, gleich um die Ecke der Kunsthalle Basel.

Während seiner "dekadenten" Phase in den 1980er-Jahren schuf der Bildhauer Robert Morris "Restless Sleepers/Atomic Shroud" (dt. Unruhige SchläferInnen/Atomares Leichentuch, 1981), ein Bettwäsche-Set, welches mit Text und Bildern von explodierenden Atombomben und Skeletten bedruckt ist. Auf jedem Kissen ist der gleiche Text zu lesen, welcher von über den Globus verteilten Atombomben-Detonationen, "um Auslöschung zu erzielen", erzählt.

Ken Okiishis Video "Untitled" (dt. Ohne Titel) aus dem Jahr 2016 dokumentiert einen historisch spezifischen Blickwinkel: Die Fahrt nach New York, gesehen durch die Windschutzscheibe eines nicht näher bekannten Autos aus dem 21. Jahrhundert. Die Banalität dieser Begebenheit kippt schnell ins Surreale und ähnelt dem, was der Fotograf Eugène Atget (1857 – 1927) eingefangen hätte, wenn er ein Smartphone und ein Auto gehabt und in New York gelebt hätte.

Zwei nicht betitelte Künstlerbücher (1964 – 70, 1979), die von William S. Burroughs und Brion Gysin gemeinsam gestaltet wurden, werden als Film gezeigt, wodurch ihre Dauer, Taktilität und sequenzielle Eigenlogik hervorgehoben werden.

Victor Hugo Rojas (1942 – 93), Gestalter subversiver Luxus-Schaufensterauslagen und Liebhaber des Modedesigners Halston, war auch Performance-Künstler. 1978 hat ihn der Künstler Anton Perich für seine Fernsehsendung "Anton Perich Presents" (dt. Anton Perich stellt vor) gefilmt. Hugo Rojas ’ Performances waren von rituellen Opfern geprägt – hier ist es Andy Warhols Porträt von Hugo Rojas, das zwischen Bergen von Plastikplanen, sich tummelnden Kätzchen, Wolken aus Babypuder und zur Disco-Musik nickender Entourage zerstört wird.

Hugo Rojas’ Performance teilt sich den Raum mit "Wiederaufführungen" von Werken aus Rosemary Mayers Serie "Ghosts" (dt. Geister, 1981), die speziell für diese Ausstellung in Zusammenarbeit mit Mayers Nachlass neu in Szene gesetzt wurden. Die als Altphilologin und später als Künstlerin ausgebildete Meyer war Gründungsmitglied der A.I.R. Gallery, der ersten genossenschaftlichen Galerie nur für Frauen, die 1972 in den USA gegründet wurde. Im Laufe ihres Lebens schuf sie Werke, die mit Schwierigkeit als Malerei oder Skulptur zu kategorisieren sind und ebenso aus Zeichnungen, Schriften, Übersetzungen, temporären Architekturen als auch Aktionen bestehen. Sie alle distanzieren sich von den strengen Grundsätzen des Minimalismus und der Konzeptkunst. Mayers Kunst strebt nach einer direkten Begegnung, welche sie als "Objekt-als-Erscheinung" bezeichnete. Indem Meyer eine symbolische Konfrontation zwischen Kunstwerk und Betrachtendem herstellt, gelingt es ihr anhand ihrer Werke, die nicht fassbar und zugleich verführerisch wirken, eine Art verblüfftes Staunen auszulösen.

Diese "wundersame Begegnung" findet ihr Gegenstück in der "radikalen Gegenüberstellung", welche sich in der gesamten Ausstellung in Werken aus entschieden unterschiedlichen Epochen und Gattungen dynamisch zwischen Text, Textur, Textilität, Transfiguration und der fleischlichen Realität von Körpern manifestiert. "Bizarre Silks..." entwirft so eine temporäre Logik der Nähe von spezifischen Kunstwerken, Gesten und Artefakten, die keine zusammenhängende Synthese erzeugen will, sondern sie in einer entleerten Präsenz belässt, ganz so, wie wenn man jemanden oder etwas zum ersten Mal sieht und sich dazu hingezogen fühlt, ohne zu wissen warum.

Abhängig von den aktuellen Reisebeschränkungen bedingt durch das Coronavirus, werden die in New York lebenden Künstler Felix Bernstein und Gabe Rubin im September 2020 (Datum wird noch bekannt gegeben) in der Kunsthalle Basel auftreten und die gesamte Ausstellung als Kulisse verwenden. Ihre Basler Performance wird an ihre fortlaufende Analyse von Wahnsinn und Mimesis in Drag- und Trans-Performance anknüpfen.

–Nick Mauss

Kunsthalle Basel
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  •  7. Februar 2020 20. September 2020 /
Installationsansicht, Blick auf Rosemary Mayer, "Hypsipyle", 1973, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Rosemary Mayer, "Hypsipyle", 1973, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Videodokumentation von Ray Johnsons Künstlerbuch "Ray Gives a Party", ca. 1955, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Videodokumentation von Ray Johnsons Künstlerbuch "Ray Gives a Party", ca. 1955, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Rosemary Mayer, "Galla Placidia", 1973, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Rosemary Mayer, "Galla Placidia", 1973, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Edward Owens, "Private Imaginings and Narrative Facts", 1968–70, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Edward Owens, "Private Imaginings and Narrative Facts", 1968–70, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Hannah Höch, "Ich bin ein armes Tier", 1959, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Hannah Höch, "Ich bin ein armes Tier", 1959, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Megan Francis Sullivan, Study of Bathers, 1902, Private Collection (Inverted), 2017, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Megan Francis Sullivan, Study of Bathers, 1902, Private Collection (Inverted), 2017, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Gretchen Bender, TV Text and Image (People with aids), 1986–1993, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf Gretchen Bender, TV Text and Image (People with aids), 1986–1993, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, "Bizarre Silks, Private Imaginings and Narrative Facts, etc.", eine Ausstellung von Nick Mauss, Blick auf (vorne) Rosemary Mayer, "Wiederaufführung" von Nick Mauss in Zusammenarbeit mit dem Estate of Rosemary Mayer, February Ghosts (Monoceros, Auriga, and Orion), 1981/2020, und (hinten) Nick Mauss, Tresholds, 2020, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Installationsansicht, Blick auf (vorne) Rosemary Mayer, "Wiederaufführung" von Nick Mauss in Zusammenarbeit mit dem Estate of Rosemary Mayer, February Ghosts (Monoceros, Auriga, and Orion), 1981/2020, und (hinten) Nick Mauss, Tresholds, 2020, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Nick Mauss, "Bizarre Silks, Private Imaginings and Narrative Facts, etc.", Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Dominik Asche / Kunsthalle Basel
Nick Mauss, "Bizarre Silks, Private Imaginings and Narrative Facts, etc.", Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Dominik Asche / Kunsthalle Basel