23. Oktober 2007 - 4:29 / Walter Gasperi / Filmriss
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Ein verbitterter alter Bluesmusiker nimmt eine junge Nymphomanin im wahrsten Sinne des Wortes an die Kette, um sie zu heilen. – Ein Film voller Widerspüche und Brüche, ebenso krud wie faszinierend, jedenfalls origineller und kraftvoller als die Retortenprodukte des Mainstreams und mit Christina Ricci und Samuel L. Jackson exzellent besetzt.

In schwarzweißem Archivmaterial beschwört der Bluesmusiker Son House die Macht des Blues. Eingeengt ist das Format, springt aber in der nächsten Einstellung ins Cinemascope. In extremer Nahaufnahme sehen wir nun Rae (Christina Ricci) und ihren Freund Ronnie (Justin Timberlake) beim Sex. – Wild und heftig ist der Beginn, originell auch die Wahl eines Südstaatenkaffs als Schauplatz.

Ronnie wird Rae bald in Richtung Armee verlassen. Schreiend wird sie dem Geliebten nachrennen, aber schon in der nächsten Szene mit einem Afroamerikaner im Bett liegen, sich am Abend mit Drogen vollknallen und es mit dem Nächstbesten treiben. Wie Ronnie unter Angstattacken leidet und bald wieder aus der Armee entlassen wird, so ist Rae schwer traumatisiert, weil sie in der Kindheit missbraucht wurde. – Christina Ricci spielt diese Nymphomanin mit Leidenschaft und einem seltenen Mut zur Selbstausstellung, macht die Triebhaftigkeit und die ständige Gier nach Sex, aber auch die Verletztheit und Verletzlichkeit dieser Rae auf geradezu beunruhigende Weise sichtbar. Brewer läuft dabei aber auch Gefahr Ricci voyeuristisch vorzuführen, wenn er die Kamera immer wieder lange auf ihren spärlich bekleideten Körper hält.

Nur Ronnies Freund weist Rae ab, macht sich über dessen Penisgröße lustig und wird deshalb von ihm brutal zusammengeschlagen und aus dem Auto geworfen. Auflesen wird sie der Bluesmusiker Lazarus (Samuel L. Jackson), dessen Frau soeben mit seinem Bruder abgehauen ist. Verbittert ist der alte Mann deshalb, sieht in der Erziehung Raes jedoch eine neue Aufgabe. Um die junge Frau, die den Großteil des Films nur mit Slip und winzigem Top bekleidet ist, vom Abhauen abzuhalten, bindet Lazarus sie kurzerhand mit einer langen Eisenkette an einen Heizkörper. Nicht nur ihre körperlichen Wunden will er heilen, sondern sie mit Bibel und Blues auch von ihrem Trauma und ihrer Nymphomanie erlösen.

So trashig wie die Geschichte ist auch die Form. Da kippt die Kamera im Drogenrausch oder die Farben weichen monochromem Blau. Da wird eine Annäherung des ungleichen Paares von einem gewaltigen Gewitter begleitet und die ganze Geschichte wird mit biblischen Anspielungen von Lazarus über Kain und Abel bis zum Priester, der helfend eingreifen will, unterfüttert.

Lesen könnte man "Black Snake Moan" deshalb auch als konservative Parabel über die Sündigkeit der Frau im Allgemeinen, die durch einen starken Mann ausgetrieben werden muss. Doch Brewers Blick ist nicht moralisierend, sondern mitfühlend. Hier gibt es weniger "Gut" und "Böse" als vielmehr zwei verlorene Seelen, die sich gegenseitig stützen müssen um sich aus ihrer tiefen Krise zu befreien.

Mit Hollywood-Mainstream hat das nichts zu tun, ist näher bei den B-Movies der 40er und 50er Jahre oder bei Tarantino, ohne freilich wie dieser mit den Motiven ironisch zu spielen. Brewer meint es ernst und man spürt die Leidenschaft, mit der er bei der Sache ist. – "Black Snake Moan" ist kein steriles Retortenprodukt, sondern ein Film, bei dem man an vielen Stellen noch etwas Fühlen kann, ein Film, der sich einen feuchten Dreck um Regeln schert, sondern diese hemmungslos bricht.

Zusammenpassen mag das, was Brewer da mixt, kaum. Der religiöse Subtext wirkt ebenso deplatziert wie das versöhnliche Ende, aber aufregende Szenen und kraftvolles Kino hat dieser Film zumindest in den ersten zwei Dritteln allemal zu bieten. – Und zudem gibt es da die Blues-Musik, die beinahe durchgängig dem Film unterlegt ist, und die Tristesse der Geschichte mit ihren gefühlvollen Rhythmen abfedert. - "Black Snake Moan" ist auch eine Liebeserklärung an diese Musik und beschwört deren erlösende Kraft.

Läuft derzeit in der Kinothek Lustenau

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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