7. Mai 2011 - 2:09 / Ausstellung / Sonstige 
25. März 2011 14. Mai 2011

"Extrem" titelt die neue Ausstellung im Kunstraum Niederoesterreich und meint damit "extrem" im Sinne der räumlichen Ausdehnung, der Erfahrung von Grenzen und des Versuchs ihrer Überwindung durch physische Anstrengung. Entsprechend dem aristotelischen Raummodell, demzufolge Raum durch Bewegung wahrnehmbar und erfahrbar ist, beschäftigen sich die künstlerischen Positionen dieser Ausstellung in sehr unterschiedlicher Weise mit dem Verhältnis von physischer Präsenz zur räumlichen Umgebung. Der Künstler und Kurator Michael Goldgruber hat 13 KünstlerInnen eingeladen, die sich mit dem Durchmessen von Räumen sowie der architektonischen und topografischen Vereinnahmung von Landschaft beschäftigen und dabei bestehende Regeln und Normen sprengen.

Johanna Kirsch fotografiert sich für die Fotoserie "Auto-Shot-Actions 1.0" in einem Industriehafen in Antwerpen mit Selbstauslöser beim Erklettern der gigantisch brachialen Maschinenlandschaften. Sie besetzt den männlich konnotierten Arbeitsraum Hafen, indem sie sich den Maschinen anpasst. Dabei erfährt sie eine physische Verbindung ihres Körpers mit den Maschinenteilen. Mit ihrem Körper folgt Luiza Margan in der Videoperformance "Coming Close" den räumlichen Begrenzungen des Kunstraumes. Sie thematisiert die physische Besetzung architektonischen Raums. Julia Schulz fertigte Aquarelle von Parkour-Läufern an, die sie in einem Video animiert. Im Trickfilm reizt der Läufer mit der Dynamik seiner repetitiven Bewegungen die Grenzen des zweidimensionalen Raumes des Monitorbildes aus.

Das Vermessen der längsten aller Schi-Abfahrten, der Lauberhornabfahrt in der Schweiz, hat sich Daniel Zimmermann zur Aufgabe gemacht. Begleitet von einer Kamera wanderte er im Sommer die mit Dachlatten ausgelegte Ideallinie ab, verkürzte das Video mittels Zeitraffer auf eine durchschnittliche Abfahrtszeit, ließ es professionell kommentieren und konterkariert damit die Medialisierung dieser Sportart. Auf etwas andere Art thematisiert Klaus Dieter Zimmers aus gefällten Holzstämmen erbaute Rampe für Mountainbike-Strecken die Möglichkeiten des Re-Shapings von Landschaft. Mit viel Humor setzt sich Alja Piry mit der physischen und psychischen Erschließung von Landschaft auseinander. Ihre Arbeit "Encouragement" zeigt einen Rucksack, aus dessen Innerem Anfeuerungsrufe der an der Ausstellung beteiligten KünstlerInnen zu hören sind.

Michael Goldgrubers Fotoarbeit "Summit Construction" zeigt fast schon karikaturhaft das Bestreben des Menschen nach grenzenloser Raumaneignung. Eine eiserne Aussichtsplattform krönt einen rauen Berggipfel, macht ihn ohne Steigeisen zugänglich für jeden, dem ein Blick aus dieser Höhe ein Stück Selbsterhöhung bedeutet. Die Erfahrung von Vertikalität verdeutlicht Markus Sulzbacher mit einer Installation und dem dazugehörenden Video aus den "Transcoding Series": Er erklettert an die Wand des Kunstraums montierte geometrische, farbige Platten und hinterlässt dabei Spuren aus Magnesiumstaub. "Katharsis", das erste filmische Werk von Christoph Grill, zeigt einen Mann, der kopfüber ins Wasser springt, ans Ufer steigt, erneut springt. Unbeirrt wiederholt er diese ritualisiert anmutende Bewegungssequenz bis zur körperlichen Erschöpfung.

Die Erfahrung des Raums unter der Wasseroberfläche beschäftigt den Künstler und Apnoetaucher Mario Rott nicht nur aus kulturanthropologischer Perspektive. Sein Video "bloodshift" zeigt abstrakt anmutende Raumbilder, die sich erst aufgrund der verfremdeten Geräuschkulisse und der in Bläschen aufsteigenden Atemluft als blaue Unterwasser-Räume identifizieren lassen. Sissi Makovec verfolgt die räumliche Erschließung der Wasseroberfläche mit Hilfe des von ihr entwickelten Schwimmstils "LASKO", den sie multimedial dokumentiert und für eine Anleitung kartografiert. Einen Drachenflieger, konstruiert aus einem Fernsehsessel mit Fußteil und dessen Lederbezug, der allerdings der seine Bequemlichkeit unterstreichenden Polsterung entledigt ist, zeigt Alexander Viscio mit "Hang Gliding with LazyBoy". Sebastian Stumpf erobert den Stadtraum schwebend, spazierend in der Luft. Sich dem Naturgesetz der Schwerkraft widersetzend, besetzt er mit scheinbarer Leichtigkeit und ohne Hilfsmittel den Luftraum mit seiner physischen Präsenz.

Die Ausstellung "Extrem" zeigt künstlerische Arbeiten, die sich auf vielfältige Weise gängigen Rezeptionsmustern von Landschaft und Raum sowie deren konsumorientierten Aufbereitung annähern und sie konterkarieren. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit zahlreichen Abbildungen der Arbeiten sowie Texten von Michael Goldgruber, Christiane Krejs und Günther Oberhollenzer. (ISBN 978-3-9502934-3-2; Euro 10,-)

Extrem
Body, Space and Movement
25. März bis 14. Mai 2011

Kunstraum Niederösterreich
Herrengasse 13
A - 1014 Wien

T: 0043 (0)1 90421-11
F: 0043 (0)1 90421-12
E: office@kunstraum.net
W: http://www.kunstraum.net/

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Alja Piry; Ermutigung, 2010. Animiertes Readymade
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Johanna Kirsch; Aus der Serie 'Auto-Shot-Action 1.0'
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Julia Schulz; Le Parkour, 2008/9. Aquarell