12. September 2020 - 0:11 / Ausstellung / Comic 
12. September 2020 31. Januar 2021

Der Zeichner Brecht Evens ist einer der grossen Impulsgeber des zeitgenössischen Comics. Mit kontrastreichen, farbsatten Aquarellen porträtiert der Belgier seine Wahlheimat Paris und das Lebensgefühl von Suchenden, die durch Grossstadtnächte ziehen. Ausschweifung und Absturz, Einsamkeit und Leere, Phantasien und die Dämonen im Selbst sind die Themen, denen Evens sich vor dem Hintergrund immerwacher Städte oder imaginierter Welten widmet. Mit fiebrig leuchtenden Panels, frei und assoziativ erzählend, erzeugen seine Bücher einen filmartigen Sog. Hinter einem fröhlich lauten Reigen verbergen sich Melancholie und Entfremdung, verstecken sich die Schattenseiten der individualisierten Gesellschaft.

Das Cartoonmuseum Basel zeigt zum ersten Mal in der Schweiz eine umfassende Einzelausstellung dieses unverkennbaren Künstlers und Autoren. Im Christoph Merian Verlag erscheint ergänzend eine Sammlung schwarzhumoriger Comic-Strips aus dem alptraumhaften Märchenland "Idulfania".

Brecht Evens. Night Animals

Bereits mit seinem Debüt "Am falschen Ort" wurde der erst 23-jährige Brecht Evens weltweit bekannt. In lebendigen und lebhaften Aquarellfarben und in ebenso sensiblen wie überschäumenden Bildern erzählt Evens die Geschichte seiner Generation, in der nichts wichtiger ist, als die richtigen Freunde zu haben und dazu zu gehören. Im Mittelpunkt steht der attraktive, selbstsichere, hemmungslose und brillante Robbie, ein Führer und Verführer, dessen Charme Frauen wie Männer betört, ohne dessen Anwesenheit jede Party öde wirkt, und der sich erfolgreich dagegen wehrt, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen.

In den folgenden Graphic Novels "Die Amateure" (2011), "Panter" (2014) und "Les Rigoles" (2018) entwickelt Evens seinen Stil weiter. Seine Bücher faszinieren dank den satt glühenden, geradezu magisch aufgeladenen Bildern, in denen alles virtuos ineinandergreift, die Figuren, die Hintergründe und auch die ebenfalls mit Pinsel hingetupften Texte. Das raffinierte Spiel aus Überlagerung und Transparenz lässt das Innenleben der Personen nach aussen treten und macht Gefühle und Atmosphären sichtbar, ja geradezu spürbar nicht zuletzt in "Les Rigoles", das die Wege dreier Menschen durch eine überlange, rauschhafte Nacht nachzeichnet.

Aushängeschild der neuen belgischen Comicszene

Geboren ist Brecht Evens 1986 im flämischen Hasselt. Er studierte an der LUCA School of Arts in Gent und lebt und arbeitet heute in Paris. Für seine in mehrere Sprachen übersetzten Graphic Novels hat Brecht Evens zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter zwei Fauves am Festival International de la Bande Dessinée in Angoulême. Neben Comics veröffentlichte Brecht Evens in der Travel-Book-Reihe der Fondation Louis Vuitton ein Porträt seiner Wahlheimat Paris. Daneben zeichnet er für angesehene Magazine und Zeitschriften wie etwa "Libération", "The New York Times", und für den Mode-Designer Cotélac. In Antwerpen (2012) und Brüssel (2018) hat Evens grosse Fresken geschaffen.

Parodien auf die Kunst

"Amateur", Brecht Evens zweite Graphic Novel, ist eine bissige Satire des Kunstbetriebs. Pieterjan, ein leidlich erfolgreicher Künstler, nimmt die Einladung an eine Biennale an und soll dort eine Installation realisieren. Die Stätte dieser Ausstellung entpuppt sich jedoch als ein ödes Dorf, die Veranstalter sind enthusiastische Amateure, Pieterjan ist der einzige "echte" Künstler unter vielen Hobbykünstlern und wird nicht im Hotel untergebracht, sondern in einer Garage. Pieterjan will diesen Anlass mit einer ikonisch-ironischen Installation reflektieren: Mit einem riesigen Gartenzwerg aus Pappmaschee als Sinnbild für die Kleinbürgerlichkeit ...

Imaginäre Welten im Realen

Mit dem Album "Panter" zieht Brecht Evens die Lesenden immer tiefer in eine imaginäre Welt, die kindlich anmutet, deren düstere Grundierung jedoch immer spürbarer wird. Evens hat "Panter" in einer Zeit geschaffen, in der er an psychischen Problemen litt und sogar eine gewisse Zeit in einer Klinik verbrachte. Diese existenzielle Grundierung spürt man: Auch wenn sich die Themen gleichen, ist der satirische Charakter seiner früheren Bücher einer viel ernsthafteren Auseinandersetzung mit Verlust, Angst, Einsamkeit und Leere gewichen.

Im Rausch der Stadt

Die Stadt spielt in allen Büchern von Brecht Evens eine zentrale Rolle. Sie ist nicht nur die Stätte der Handlung der meisten Geschichten, sondern auch sinnbildlich zu verstehen: Sie wird zur Metapher. Kulissen sind bei Brecht Evens immer auch innere Räume; er projiziert die Befindlichkeit seiner Protagonisten in die Hintergründe und erlaubt uns damit einen Blick in ihr Innenleben.

Diesen Sinn für das Urbane spürt man in allen Bildern von Städten am offensichtlichsten natürlich in "Paris", dem Skizzenbuch, das er für die renommierte Reihe "Louis Vuitton Travel Book" angefertigt hat. Evens zeigt seine Wahlheimat Paris aus einem persönlichen, oft ungewohnten Blickwinkel; immer wissen wir, dass wir in Paris sind, doch haben wir Paris noch nie so gesehen. Die Perspektiven sind eigenwillig; die Fassaden erzählen Geschichten, die langen Boulevards können mit den Augen begangen und genossen werden. Dank Evens' Fähigkeit, Atmosphären einzufangen und erlebbar zu machen, sind diese Skizzen im wahrsten Sinn des Worts immersiv.

In "Les Rigoles" greift Brecht Evens das Thema der Nacht wieder auf, das bereits sein Debüt "Am falschen Ort" geprägt hat. Drei Menschen, Jona, Rodolphe und Victoire, treffen sich zunächst im titelgebenden Café und machen sich dann einzeln auf ihre eigene Reise durch die Pariser Nacht auf, in der die gesellschaftlichen und moralischen Schwerkräfte aufgehoben sind und die Menschen das sein dürfen, was sie zu sein begehren ...

Auch in "Les Rigoles" setzt Evens die Farbe leitmotivisch ein, indem er jeder Figur eine Farbe zuweist: Jona die Farbe Blau, Rodolphe ein starkes Rot und Victoire ein giftiges Grün. Die Handlung ist nicht linear, sie fliesst und springt assoziativ vor- und seitwärts, und auch wenn die Dialoge geschliffen sind, bleiben sie so nichtssagend wie die Protagonisten. Die besten Geschichten erzählt ohnehin der Taxifahrer, der die drei durch die Nacht kutschiert, und diese entpuppen sich als Lügen. Diese Welt der Schönen und Reichen bringt Evens auffällig oft in grossformatig wimmelnden Bildern zum Schillern. Er zelebriert den Rausch der Farben, den Rausch der Bewegungen und der Körper. Auf den ersten Blick wirkt "Les Rigoles" wie eine Hymne an den Zauber der Nacht.

Das Cartoonmuseum Basel zeigt in der retrospektiv angelegten Schau erstmals die teilweise grossformatigen Originale des aufstrebenden belgischen Künstlers sowie Originalarbeiten aus allen seiner bisherigen Publikationen in derselben Präsentation.

Brecht Evens - Night Animals
12. September 2020 bis 31. Jänner 2021

Cartoon Museum Basel
St. Alban-Vorstadt 28
CH - 4052 Basel

T: 0041 (0)61 22633-60
F: 0041 (0)61 22633-61
E: info@cartoonmuseum.ch
W: http://www.cartoonmuseum.ch/

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  •  12. September 2020 31. Januar 2021 /
Brecht Evens, "Idulfania", Hg. Cartoonmuseum Basel, Christoph Merian Verlag, 2020
Brecht Evens, "Idulfania", Hg. Cartoonmuseum Basel, Christoph Merian Verlag, 2020
@ Brecht Evens, "Les Rigoles", Actes Sud, 2019, Courtesy Galerie Martel, Paris
@ Brecht Evens, "Les Rigoles", Actes Sud, 2019, Courtesy Galerie Martel, Paris
@ Brecht Evens, "Les Rigoles", Actes Sud, 2019, Courtesy Galerie Martel, Paris
@ Brecht Evens, "Les Rigoles", Actes Sud, 2019, Courtesy Galerie Martel, Paris
@ Brecht Evens, "Les Rigoles", Actes Sud, 2019, Courtesy Galerie Martel, Paris
@ Brecht Evens, "Les Rigoles", Actes Sud, 2019, Courtesy Galerie Martel, Paris
@ Brecht Evens, "Les Rigoles", Actes Sud, 2019, Courtesy Galerie Martel, Paris
@ Brecht Evens, "Les Rigoles", Actes Sud, 2019, Courtesy Galerie Martel, Paris
© Brecht Evens, "Panthère", Actes Sud, 2014, Courtey Galerie Martel, Paris
© Brecht Evens, "Panthère", Actes Sud, 2014, Courtey Galerie Martel, Paris