31. August 2019 - 12:40 / Ausstellung / Ethno  / Reminder
31. August 2019 1. März 2020

Zeitgenössische Kunst trifft auf Ethnologie – und das alles im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen. Die Ostschweizer Kunstschaffenden Brigit Edelmann, Stefan Rohner und Andy Storchenegger befassen sich in der Ausstellung «Bricolage // wild-exotic-different» mit der Dialektik von Kunst und Ethnologie in verschiedenen Kulturen. Das HVM ermöglicht mit dieser Ausstellung neue, überraschende Zugänge zu seinen eigenen Sammlungen und Themen.

Die drei Kunstschaffenden thematisieren die Zusammenhänge von Kultur und Natur. Sie loten Begriffe wie Grenze, Heimat oder Identität aus und suchen nach dem Wilden in verschiedenen Gesellschaften. Zu sehen ist das alles im Ausstellungssaal Parterre-Südost des HVM. Dazu kommen Interventionen in der Dauerausstellung «Welten sammeln», die an diesen Saal anschliesst, und im Geäst der mächtigen Platane, die bei der Südseite des Museums steht. Die Ausstellung ist multimedial, zum Einsatz kommen Malereien, Sound-Installationen, Fotografie und Film. Die einzelnen Kunst-Positionen entstanden autonom, wurden jedoch gemeinsam diskutiert, mit dem Ausstellungskonzept als Resultat. Alle drei Künstler/-innen haben bereits Kunst-Projekte in verschiedenen Konstellationen umgesetzt. Das Arbeiten, Konzipieren und Kuratieren in Teams spielt in ihrem Schaffen zum Teil eine wesentliche Rolle.

Die Museumsbesucher als «Bastler»
«Bricolage» ist ein Begriff, den der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss 1962 in die Anthropologie eingeführt hat. Er kommt vom frz.«bricoler», was herumbasteln und zusammenfummeln bedeutet. Lévi-Strauss bezeichnet mit «Bricolage» ein Verhalten, bei dem der Akteur (Bricoleur) mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen Probleme löst, statt sich besondere, speziell für das Problem entworfene Mittel zu beschaffen. Brigit Edelmann, Stefan Rohner und Andy Storchenegger beabsichtigen mit der Ausstellung nicht, kulturelle Probleme zu lösen oder dem Publikum vorgefertigte Rezepte zu verabreichen. Ganz im Sinne von Lévi-Strauss möchten sie das Publikum zur Bricolage anregen. Ihre Arbeit besteht nicht im klassischen Sinne aus einer Recherche-, Konzept-, Produktions- und Präsentations-Phase. Das Leitelement aller Projekt-Phasen bleibt die Recherche: «Unsere Ausstellung heisst das Publikum zu einer Recherche-Reise willkommen. Die Besucher agieren als Bricoleurs – wie wir selber.»

Wenn Welten aufeinanderprallen
Brigit Edelmann macht in der Ausstellung die Gleichzeitigkeit von Orten und Kulturen als Gegen-oder Ruhepol zum heutigen Reisen und rastlosen Fernweh unmittelbar erfahrbar. Vor allem mit Sound-Installationen rüttelt sie an Fragen nach Heimat und Identität. Mit dem englischen Begriff «liminal» bezeichnet sie ihre Arbeiten, welche eine Orientierung in den Strukturen von Zwischenräumen untersuchen. «Liminals» können als «bewegte Schwellenzustände» übersetzt werden. Mittels Fotografien und Videos werden unsichtbare Grenzen sichtbar. Bei ihren Installationen bedingt der thematische Kontext das Material. Brigit Edelmann untersucht Resonanzen und Dissonanzen in verschiedenen Klang- und Kommunikationsformen, denn Ur-Laute wecken ihr Interesse. Sie spürt den unscheinbaren Unterschieden in Kulturen und Gesellschaften nach. Wer konstruiert Welt und was passiert, wenn unterschiedliche Welten aufeinanderprallen?

Feldforschung in Museen
Stefan Rohner wählt oft das intuitive Vorgehen. Es spielt in seiner künstlerischen Praxis eine zentrale Rolle. Er arbeitet mit praktisch allen möglichen Medien. Oft beginnt er mit Fotografien aus Büchern und lässt sich von Mustern, Strukturen und Ornamenten leiten, die er in den Bildern vorfindet. Oder er betreibt Feldforschung in Museen, fotografiert in Depots, in Ausstellungen und in diversen historischen Museen und bearbeitet auch diese Bilder analog mit verschiedenen Techniken. Er setzt die Muster bei der Übermalung derselben Bilder so ein, dass zunächst hintergründige Strukturen plötzlich lebendig werden und dem Bild bzw. der Installation neue räumliche Dimensionen eröffnen.

Das Wilde und Urtümliche
Andy Storchenegger befasste sich lange mit dem kollektiven Phänomen der Paradiesvorstellung. Recherchen führten ihn mehrere Male in die Südsee und nach Afrika. Er verbrachte dort längere Zeit im Inselstaat Tonga und Tuvalu. Dabei faszinierten ihn die letzten archaischen Bräuche der Inselbewohner. Zurück in der Schweiz begann er nach dem Wilden und Urtümlichen in unsere Gesellschaft zu suchen. In der Maske fand er eine Verbildlichung des Wilden und Ungezügelten. Es interessiert ihn, warum viele heidnische Bräuche in der Schweiz erhalten geblieben sind und warum sie so sorgfältig gepflegt werden, welche Rolle sie heute noch spielen – mit Fokus auch auf andere Kulturen. Daraus entstand eine grosse Fotorecherche und eigene Maskenserien. In seinen neuen Arbeiten, die er im HVM zeigt, setzt er sich mit der eigenen und mit fremden Kulturen auseinander, denen er hier und auf Reisen begegnet.'

Bricolage // wild – exotic – different
31. August 2019 bis 1. März 2020

Völkerkundemuseum St. Gallen
Museumstrasse 50
CH - 9000 St.Gallen

T: 0041 (0)71 24206-42
F: 0041 (0)71 24206-44
E: info@hmsg.ch
W: http://www.hmsg.ch/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  31. August 2019 1. März 2020 /
Brigit Edelmann, Blauhorn, 2019 2:37 min (Aufnahme 2019 Stefan Rohner)
Brigit Edelmann, Blauhorn, 2019 2:37 min (Aufnahme 2019 Stefan Rohner)
Andy Storchenegger, Making of Los Duendes und Los Duendes, 2019 Leticia, Kolumbien
Andy Storchenegger, Making of Los Duendes und Los Duendes, 2019 Leticia, Kolumbien
Stefan Rohner, Kuriosenkabinett Rot-Blau, 2019 Multimediainstallation
Stefan Rohner, Kuriosenkabinett Rot-Blau, 2019 Multimediainstallation
Andy Storchenegger, Im Haus vom Dschungelkönig, 2018
Andy Storchenegger, Im Haus vom Dschungelkönig, 2018
Brigit Edelmann, HVMSG, Mundmaske, Ende 19. Jh./1. H. 20. Jh. , Sri Lanka, Holz, Farbe, Schnur, Textil, Me-tall, Schraube, Draht; Schnitz- und Malkunst, (Fotografie 2019 Stefan Rohner) Die Mundmaske wurde für Heilrituale verwendet
Brigit Edelmann, HVMSG, Mundmaske, Ende 19. Jh./1. H. 20. Jh. , Sri Lanka, Holz, Farbe, Schnur, Textil, Me-tall, Schraube, Draht; Schnitz- und Malkunst, (Fotografie 2019 Stefan Rohner) Die Mundmaske wurde für Heilrituale verwendet
Stefan Rohner, Flaches Viech, 2019 Objekt aus Kunstfell
Stefan Rohner, Flaches Viech, 2019 Objekt aus Kunstfell
Brigit Edelmann, Schwellenwesen, 2018 Performance während der Zeitumstellung vom 28. 10. 2018, Film, 2018: 2:08 min
Brigit Edelmann, Schwellenwesen, 2018 Performance während der Zeitumstellung vom 28. 10. 2018, Film, 2018: 2:08 min
Stefan Rohner, Bauch-Video, 2018 Video-Objekt, Modelliermasse, Monitor in Skulptur
Stefan Rohner, Bauch-Video, 2018 Video-Objekt, Modelliermasse, Monitor in Skulptur
Andy Storchenegger, Silvesterklaus, Marc Rickert, 2019 Waldstatt
Andy Storchenegger, Silvesterklaus, Marc Rickert, 2019 Waldstatt
Stefan Rohner, White Elephant, 2016 Aufnahme im HVM St. Gallen, Acryl auf Leinwand, 200 × 150 cm
Stefan Rohner, White Elephant, 2016 Aufnahme im HVM St. Gallen, Acryl auf Leinwand, 200 × 150 cm
Andy Storchenegger, Making of Los Duendes und Los Duendes, 2019 Leticia, Kolumbien
Andy Storchenegger, Making of Los Duendes und Los Duendes, 2019 Leticia, Kolumbien
Brigit Edelmann, little white Sambo, 2019 Fotografie mit Schleifpapierspuren 110 × 110cm
Brigit Edelmann, little white Sambo, 2019 Fotografie mit Schleifpapierspuren 110 × 110cm