28. Dezember 2011 - 3:01 / Rosemarie Schmitt / Musikuß

Hin und wieder ziehe ich das Originelle dem Originalen vor. Und diese Interpretation, die mich zu dieser Aussage bringt, ist ganz besonders originell. So originell und besonders, wie die Auswahl und Zusammenstellung der Werke. Der Pianist Sebastian Knauer läßt gemeinsam mit dem Zürcher Kammerorchester unter der Leitung von Sir Roger Norrington einen Vater gegen zwei seiner Söhne antreten. Es ist viel weniger ein Wettstreit als eine Gegenüberstellung, und der einzige Gewinner ist die Musik und sind diejenigen, welche in deren Genuß kommen.

Ja, es gibt bereits unzählige Einspielungen mit Kompositionen von Johann Sebastian Bach und dessen Söhnen. Bunt zusammengewürfelte Fragmente unterschiedlichster Werke, meist kurz und knapp und stets bemüht den historischen Charakter mit Unterstützung von Originalinstrumenten zu treffen. Aber ist diese historische Aufführungspraxis wirklich von Nöten? Hat nicht alles seine Zeit? Hätten die Bachs nicht viel lieber auf den Instrumenten musiziert, die uns heute zur Verfügung stehen und wie klängen ihre Werke?

Nun, was das 1. und 2. Klavierkonzert Johann Sebastians, das E-Dur-Konzert seines Sohnes Carl Philipp Emanuels und das Es-Dur-Konzert von Johann Christian Bach betrifft, so müssen Sie nicht länger darüber spekulieren. Hören Sie sich die CD "Bach & Sons" (Berlin-Classics im Vertrieb von Edel/Kultur) an, und haben Sie Ihre eigene Meinung. Mich fasziniert diese Aufnahme deshalb so sehr, weil Knauer mich mit seinem klaren, sensiblen Spiel bereits nach den ersten Takten gefangen hatte. Schnörkellos und ohne jegliches Muskelspiel, gefühlvoll ohne einen Anflug von Kitsch oder Übertreibung, interpretiert der Pianist den großen Bach. Dem 1. Klavierkonzert von Johann Sebastian folgt eines seines Sohnes Carl Philipp Emanuel Bach. Ein wunderbares Erlebnis ist dieser direkte Vergleich.

Man hört quasi die Aufmüpfigkeit des Jungen, das sich vom Gelernten des Vaters weiter entwickeln wollende Potential, diese neue, verspielte Generation die sich deutlich hörbar in Richtung Mozart streckt. Dann wieder ein Konzert des Vaters, das 2. seiner Klavierkonzerte. Mit der für J.S. Bach so typischen und einmaligen Art der Komposition wird der Kopf frei und die Gedanken klar. Entspannung durch Klarheit. Genuß durch Zuverlässigkeit und Struktur. Und im direkten Vergleich anschließend das Es-Dur-Konzert von Johann Christian Bach. Auch hier ist ganz deutlich das Herz und der Einfluß des Vaters spür- und hörbar, doch eben nicht nur. Sehr viel ungezügelter und unternehmungslustiger kommt der Sohn daher, der die Musik des Vaters in die Zeit der Klassik zu tragen scheint. Schließlich schöpften Mozart und Johann Christian aus der gleichen Zeitquelle.

Diese direkte Gegenüberstellung der Kompositionen des Vaters und seinen Söhnen ist ein musikalischer Genuß, und ein besonders unterhaltsamer dazu. Der Klang des modernen Klaviers im Zusammenspiel mit dem Orchester ist hinreißend. Die vibratolosen Streicher und das klare moderne Klavier spielen einander zu, übertönen sich nicht, bleiben transparent auf musikalisch höchstem Niveau.

Vielleicht sorgt diese Aufnahme für erneute Diskussionen darüber, inwieweit Originalinstrumente für eine historisch informierte Interpretation nötig sind. Ich habe dazu eine ganz klare Meinung: die einzige Notwendigkeit der Musik liegt darin, Freude zu machen! Und das diese Einspielung mir Freude macht steht ganz außer Zweifel!

Deshalb, und weil das Beste bekannterweise zum Schluß kommt, ist dies meine letzte Rezension, - in diesem Jahr. Kommen Sie gut hinein in das neue Jahr, machen Sie sich die Welt im Rahmen des Möglichen, wie Sie Ihnen gefällt und haben Sie Freude am Leben und an der Musik!

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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CD 'Bach & Sons'
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Sir Roger Norrington