Kurt Bracharz

28. Mai 2012 - 3:02

Das "Istituto per le Opere di Religione" (IOR) ist das operative Finanzzentrum des Vatikanstaates. Die 1942 von Papst Pius XII. gegründete Bank steht seit Jahrzehnten im Mittelpunkt von Skandalen, die im Auftragsmord an dem "Banco Ambrosiano"-Chef Roberto Calvi am 18. Juni 1982 kulminierten. Der "Bankier Gottes" wurde erhängt an der Londoner Blackfriars Bridge gefunden und hatte sich entgegen dem offiziellen Untersuchungsergebnis definitiv nicht selbst umgebracht.

Seine Privatsekretärin war am Vortag im vierten Stock der Bank aus einem Fenster gefallen, auf seinen Stellvertreter missglückte ein Schussattentat. Der Vatikan hatte für Calvis Bank gehaftet, das IOR zahlte aber erst nach einem gerichtlichen Vergleich nicht ganz ein Viertel der fehlenden Milliarde Dollar an die Schuldner. Calvis verschwundene Aktentasche wurde später von einem Bischof des "Engelwerks" für einen hohen Betrag zurückgekauft. Calvis Vorgänger als "Bankier Gottes", Michele Sindona, wurde 1986 im Gefängnis vergiftet.

Der aktuelle Skandal ist zumindest derzeit noch nicht mit Kapitalverbrechen verbunden. Der aus fünf Kardinälen mit Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone an der Spitze bestehende Aufsichtsrat des IOR hat den Bankpräsidenten Ettore Gotti Tedeschi geschasst. Der dem Opus Dei zumindest nahestehende Tedeschi war im September 2009 auf Druck von Papst Benedikt XVI. zum Präsidenten gemacht worden, mit dem erklärten Ziel, das als effiziente Geldwaschanlage berüchtigte IOR auf die "Weiße Liste" der OECD zu bringen. Aber 2010 nahm die Vatikanbank ohne Verständigung der Italienischen Zentralbank zwei anonyme Überweisungen über 23 Millionen Euro vor, was staatsanwaltliche Ermittlungen gegen Gotti Tedeschi und seinen Generaldirektor zur Folge hatte.

Für das Image des Vatikans ist dabei gut, dass die Entlassung des Bankiers von der erzwungenen Umbettung der Leiche des Mafiabosses Enrico de Pedis aus der Kardinälen und Bischöfen vorbehaltenen Gruft von Sant’ Apollinare auf den Friedhof Verano ablenkt.

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