14. Juli 2020 - 4:17 / Ausstellung / Geschichte  / Reminder
19. März 2020 25. Oktober 2020

Der Impressionismus fasziniert auch anderthalb Jahrhunderte nach seiner Entstehung. Vor allem die Malerei mit ihrem lockeren, skizzenhaft anmutenden Duktus, der hellen Farbpalette und den alltäglichen Motiven ist jedermann vertraut. Bis heute weniger erforscht und einem breiten Publikum unbekannt ist hingegen die Vielfalt des Impressionismus in der Skulptur. Das Städel Museum geht in einer großen Ausstellung erstmals der Frage nach, wie sich Eigenschaften der impressionistischen Malerei wie Licht, Farbe, Bewegung – sogar Flüchtigkeit – in der Bildhauerei manifestiert haben. Im Mittelpunkt der Präsentation stehen fünf Künstler: Edgar Degas (1834–1917), Auguste Rodin (1840–1917), Medardo Rosso (1858–1928), Paolo Troubetzkoy (1866–1938) und Rembrandt Bugatti (1884–1916). Mit ihren Werken stehen sie stellvertretend für unterschiedliche Spielarten der impressionistischen Skulptur.

Die Schau vereint herausragende Skulpturen der fünf Künstler und setzt sie in Dialog mit Gemälden, Pastellen, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien des Impressionismus. Es sind u. a. Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Pierre Bonnard, Antoine Bourdelle, Mary Cassatt, Camille Claudel, Henri Matisse, Claude Monet, Auguste Renoir, Giovanni Segantini und John Singer Sargent zu sehen. Mit mehr als 160 Werken liefert die Ausstellung einen umfassenden Einblick in die Möglichkeiten und Herausforderungen des Impressionismus in der Skulptur. Neben bedeutenden internationalen Leihgaben etwa aus dem Museum of Fine Arts, Boston, der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen, der Tate Modern in London, dem Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Musée d’Orsay in Paris sowie zahlreichen privaten Sammlungen zeigt die Ausstellung auch den reichen Sammlungsbestand impressionistischer Kunst des Städel Museums.

"Es mag verwundern, doch es gibt tatsächlich noch 'blinde Flecken' in der international breit angelegten Forschung zur Kunst des Impressionismus. Ausgehend von unserer qualitätsvollen Sammlung impressionistischer Kunst und ergänzt durch herausragende Leihgaben europäischer und internationaler Museen zeigt sich, wie die Künstler die Bildhauerei an die Gegebenheiten ihrer Zeit anpassen wollten – parallel zu den Bestrebungen in der Malerei des Impressionismus. Die Ausstellung eröffnet unseren Besucherinnen und Besuchern einen eindrucksvollen Dialog zwischen Skulpturen und Gemälden, Papierarbeiten und Fotografien – wie sie auch damals von den Künstlern selbst mehrfach veranlasst wurde", so Städel Direktor Philipp Demandt.

"Der Impressionismus wird heute wie damals überwiegend als zweidimensionale Kunst wahrgenommen. Die Ausstellung diskutiert die Existenz impressionistischer Skulptur und rückt mit Degas, Rodin, Rosso, Troubetzkoy und Bugatti fünf Künstler ins Zentrum, die mit ihren Werken neue Wege beschritten und von ihren Zeitgenossen als impressionistische Bildhauer bezeichnet wurden. Ihre Ansätze sind zu vielfältig, um nur von einer Form der 'impressionistischen Skulptur' zu sprechen. Es finden sich aber spannende Ausprägungen einer 'Skulptur im Impressionismus', die unseren Blick auf diese bislang durch Malerei, Druckgrafik und Zeichnung dominierte Stilrichtung erweitern", erklären die Kuratoren der Ausstellung, Eva Mongi-Vollmer und Alexander Eiling.
Mit der Präsentation der berühmten "Kleinen 14-jährigen Tänzerin" (1878/81) von Edgar Degas auf der sechsten Impressionisten-Ausstellung im Jahr 1881 nahm die Diskussion über den Impressionismus in der Skulptur ihren Anfang. Es ist demnach keine Frage, ob es die impressionistische Skulptur gibt: Sie wurde zwar verhalten definiert und vorwiegend in Kritikerkreisen diskutiert, der Begriff galt aber bis nach der Jahrhundertwende als gesetzt.

Degas, Rodin, Rosso, Troubetzkoy und Bugatti wurden alle zu Lebzeiten als "impressionistische Bildhauer" bezeichnet. Die Gründe dafür waren vielfältig: Zum einen wandten sich diese fünf Künstler mehr und mehr zeitgenössischen, häufig alltäglichen Themen zu. Zum anderen griffen sie auf Materialien jenseits des akademisch-klassischen Marmors zurück und verwendeten beispielsweise Wachs nicht nur für Entwürfe, sondern auch für ausgearbeitete Skulpturen. Anstatt die Oberflächen glatt und geschlossen anzulegen, arbeiteten sie lebhafte Strukturen heraus, in denen sich das Licht brechen konnte. Auch durch die Sichtbarkeit von Arbeitsspuren näherten sich ihre Skulpturen der Wirkung impressionistischer Gemälde an.

Gleichwohl setzte sich diese Stilbezeichnung in der Kunstgeschichtsschreibung nach dem Ersten Weltkrieg für Skulpturen – im Unterschied zur Malerei – nicht durch. Heutzutage wird der Begriff "impressionistische Skulptur" in der Forschung kaum verwendet. Die Auseinandersetzung mit dem Thema wird letztlich auch dadurch erschwert, dass eine griffige Definition nicht möglich erscheint: Die impressionistische Skulptur gibt es ebenso wenig wie den Impressionismus. Das Städel Museum greift diesen Diskurs in der Ausstellung auf und stellt einen facettenreichen Impressionismus in der Skulptur vor.

En Passant. Impressionismus in Skulptur
19. März bis 25. Oktober 2020

Städel Museum
Dürerstraße 2
D - 60596 Frankfurt am Main

T: 0049 (0)69 605098-0
F: 0049 (0)69 605098-111
E: info@staedelmuseum.de
W: http://www.staedelmuseum.de/

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  •  19. März 2020 25. Oktober 2020 /
Edgar Degas (1834–1917), Kleine 14-jährige Tänzerin, 1878/79–1881, Bronze H. 98 cm Europäische Privatsammlung Foto: Städel Museum - Horst Ziegenfusz
Edgar Degas (1834–1917), Kleine 14-jährige Tänzerin, 1878/79–1881, Bronze H. 98 cm Europäische Privatsammlung Foto: Städel Museum - Horst Ziegenfusz
Auguste Rodin (1840–1917), Balzac, 1897 Bronze, 108,5 x 43 x 38 cm, Privatsammlung Foto: Privatsammlung
Auguste Rodin (1840–1917), Balzac, 1897 Bronze, 108,5 x 43 x 38 cm, Privatsammlung Foto: Privatsammlung
Medardo Rosso (1858–1928), La Portinaia, 1883/84 Wachs über Gips, 38,5 × 31 × 17,5 cm, Sammlung PCC, Schweiz Foto: Sammlung PCC
Medardo Rosso (1858–1928), La Portinaia, 1883/84 Wachs über Gips, 38,5 × 31 × 17,5 cm, Sammlung PCC, Schweiz Foto: Sammlung PCC
Paul Troubetzkoy (1866–1938), Giovanni Segantini, 1896 Bronze, 98 × 78 × 43 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie - Andres Kilger
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