4. Oktober 2007 - 2:08 / Ausstellung / Archiv 
19. Juli 2007 7. Oktober 2007

Sommerurlaub in der Stadt. Baden in der Natur. FKK, Kabanen und Kaisermühlen-Blues. Wenn ein Strandbad wie das Gänsehäufel den hundertsten Geburtstag feiert, erfasst den Wiener die Wehmut wie ein laues Sommerlüfterl. Denn die Badeinsel an der Alten Donau ist weit mehr als ein saisonaler Fixpunkt – sie hat mythische Qualitäten.

Als "Wildnis" vom Lebensreformer Florian Berndl "entdeckt" und 1907 von der Gemeinde als kommunales Bad eröffnet, entwickelte sich das Gänsehäufel schnell zum sommerlichen Fluchtort und Prestigeprojekt der Stadtpolitik. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg kamen jährlich über 200.000 Besucher, um zwischen Sandkuren, Wasserspaß und Biertrinken den Alltag zu vergessen.

Das Bad mit dem zwei Kilometer langen Strand blieb lange ein Treffpunkt des Mittelstandes, denn die Reichen vergnügten sich im mondänen Kritzendorf, das Proletariat im "kostenlosen" Überschwemmungsgebiet. Das Publikum wurde an der Alten Donau streng getrennt: in Frauen-, Männer- und Familienbad. Eine Art "Heiratsbörse" vermittelte freilich zwischen alleinstehenden Männern und Frauen.

Nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erlebte das Gänsehäufel eine ruhmreiche Auferstehung: Die bauliche Neugestaltung durch Max Fellerer und Eugen Wörle fand sogar international Beachtung, der markante Uhrturm wurde zu einem Wahrzeichen der architektonischen Moderne nach 1945. Zusätzliche Freizeit-Angebote wie Wellenbad, Kasperlbühne und Minigolf oder der seit den 80er-Jahren bestehende FKK-Bereich lockten die Massen an. Letzterer sorgt bis heute dafür, dass dem Lido von Wien erotisches Flair nachgesagt wird.

Die Ausstellung nimmt die gängigen Gänsehäufel-Mythen als Ausgangsbasis für thematische Fokussierungen: Die Geschichte des Ortes wird von seinen "alternativen" Anfängen bis zum Einsatz als Wien-Image rekonstruiert. Es geht um den Betrieb hinter der Kulissen, um Wasserqualität und den wechselnden Umgang mit der Natur, um Körperkult, Bademode und Freizeitinszenierung. Und schließlich kommen nicht nur die Besucher, sondern auch die "Bewohner" des Gänsehäufels – die legendären Kabanenmieter– zu Wort: Ihre Geschichten ergeben eine persönliche Chronik des Gänsehäufels.


Am Gänsehäufel - Ein Strandbad wird 100
19. Juli bis 7. Oktober 2007
Eröffnung: Mi 18. Juli 07, 18.30 Uhr

Wien Museum
Felderstraße 6-8
A - 1010 Wien

T: 0043 (0)1 4000 8400
E: office@wienmuseum.at
W: http://www.wienmuseum.at/

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Ansichtskarte mit Gänsehäufelmotiv, um 1910. Copyright: Sammlung Peter Payer
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Postkarte 'Strandbad Gänsehäufel. Familienbad' (gez. v. Rud. Kristen), um 1910. Copyright: Wien Museum
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Strandkabinen im Gänsehäufel, 1910er Jahre. Copyright: Wien Museum
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Leporello mit Ansichtskarten des Gänsehäufels, 1950. Copyright: Pressedienst der Stadt Wien