11. Mai 2009 - 4:52 / Walter Gasperi / Zoom

Schon früh erkannten die Bolschewiki die propagandistischen Möglichkeiten des Films und Lenin erklärte: "Die Filmkunst ist für uns die wichtigste aller Künste." Diese Einstellung zum Kino ließ in den 1920er Jahren in der Sowjetunion Meisterwerke der Filmgeschichte entstehen, in denen leidenschaftliches Engagement für die sozialistische Revolution mit virtuosem Einsatz filmsprachlicher Mittel verknüpft wurde.

Legendär – und zigfach zitiert und kopiert von Brian De Palmas "The Untouchables" (1987) bis zu Anno Sauls "Kebab Connection" (2005) – ist die Sequenz auf der Freitreppe von Odessa in Sergej Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" (1925). Zum 20. Jahrestag der Revolution von 1905 gedreht, feiert Eisenstein mit furioser Montagetechnik, in der Aufwärtsbewegungen auf Abwärtsbewegungen, Detailaufnahmen auf Totalen, Massen auf Individuen und die unerbittlich vorrückende Armee auf das Volk prallt, das Aufbegehren der unterdrückten und geknechteten Masse, die sich wie die steinernen Löwen erhebt. Kulminationspunkt des sowjetischen Revolutionsfilms ist "Panzerkreuzer Potemkin", steht aber keineswegs singulär da.

Eisenstein selbst hat schon davor in seinem Filmdebüt "Streik" (1925) mit der "Montage der Attraktionen" gearbeitet, bei der Bildkombinationen wie die Mischung von Schlachthausszenen unter Bilder von der brutalen Niederschlagung eines Streiks Assoziationsketten beim Zuschauer auslösen sollen. Während "Streik" in der Zarenzeit spielt, widmete sich Eisenstein in "Oktober" (1927) den Ereignissen der Oktoberrevolution von 1917 und prägte mit seiner fiktionalisierten filmischen Inszenierung und einem Sturm auf das Winterpalais, wie er nie stattfand, entscheidend das Bild dieser Ereignisse. Teile des Films tauchten später sogar in Dokumentarberichten auf, da man sie für Wochenschauaufnahmen aus dem Jahr 1917 hielt.

Gemeinsam ist den Filmen Eisensteins neben der spektakulären Montagetechnik, dass sie ganz im Sinne der kommunistischen Idee kein Individuum, sondern das Kollektiv in den Mittelpunkt stellen. Dies unterscheidet sie von den Filmen Wsewolod Pudowkins. Dieser zweite große Meister des sowjetischen Revolutionsfilms ist gewissermaßen die Gegenfigur zu Eisenstein, denn Pudowkins Filme sind nicht nur lyrischer, sondern besitzen auch individualisierte Helden. So erzählt "Die Mutter" (1926) nach Maxim Gorkis Roman von einem jungen Arbeiter, der im zaristischen Russland seinen Einsatz für die Sozialdemokraten schließlich mit dem Leben bezahlt. Und "Sturm über Asien" (1928) handelt von einem Mongolen, der im russischen Bürgerkrieg sich von den Engländern, die ihn instrumentalisieren wollen, ab- und den revolutionären Kräften zuwendet. Pudowkins Gegenstück zu Eisensteins "Oktober" ist "Das Ende von St. Petersburg" (1927), in dem von der politischen Bewusstwerdung eines einfachen Bauern, der schließlich an der Oktoberrevolution teilnimmt, erzählt wird.

Gemeinsam ist aber nicht nur Eisensteins und Pudowkins Filmen der 20er Jahre, sondern auch Alexander Dowschenkos "Arsenal" (1929) und "Erde" (1930) sowie Dziga Vertovs "Entuziazm" (1930) ihr didaktisch-agitatorischer Impetus. Hier werden nicht nur revolutionäre Ereignisse geschildert, sondern der Zuschauer soll durch die dynamische, teils auch pathetische Inszenierung mitgerissen und mit Leidenschaft für die revolutionäre Idee erfüllt werden.

Getragen waren die Filme von einer Frische und einem Schwung, der freilich spätestens mit der Erstarrung dieser Aufbruchszeit in Stalins Terrorherrschaft in Pose erstarrte. An die Stelle des leidenschaftlich-kämpferischen, ästhetisch von allen Regeln befreiten und neue Wege entdeckenden Kinos trat in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre damit der historische Revolutionsfilm, der dem Personenkult um Lenin und Stalin diente.

Ausschnitt aus "Panzerkreuzer Potemkin" (neu vertont):



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