11. Januar 2020 - 5:13 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
12. Januar 2020 1. März 2020

Grönland ist die grösste Insel der Welt, mehrheitlich ist sie mit einer ganzjährig ausgedehnten und dicken Eisschicht bedeckt. Dieses sogenannte grönländische Eisschild umfasst ein Volumen, dessen Quantifizierung von 2,9 Millionen Kubikmeter das durchschnittliche räumliche Vorstellungsvermögen des Menschen übersteigt. Ausmalen können wir uns hingegen eine unendliche, weisse Weite. Bis zum Horizont nur Schnee, eine Fläche, die scheinbar kein Ende nimmt. Eine Landschaft, die so unberührt und urtümlich ist, dass sie fast künstlich, wie ein Rendering erscheint, frei von Spuren von Leben und Zivilisation. Grönland zählt zu den am wenigsten besiedelten Ländern der Welt.

Die ersten wissenschaftlichen Gletschermessungen wurden 1914 vom Schweizer Geophysiker und Meteorologen Alfred de Quervain – bekannt geworden durch seine beiden Grönlandexpeditionen 1909 und 1912 - am Glarner Claridengletscher vorgenommen. Seit über hundert Jahren wird einmal im Frühjahr und im Herbst die Schneedecke gemessen. Erfasst wird damit, wie viel Schnee im Winter gefallen ist und wie viel davon im Sommer wieder schmilzt. Diese Langzeitdatenerfassung ist weltweit die einzige, die mehr als hundert Jahre zurück geht. Während der winterliche Schneezuwachs über die Jahre ungefähr konstant geblieben ist, ist die Sommerschneeschmelze intensiver geworden. Seit über dreissig Jahren schrumpft der Claridengletscher stetig. In weiteren hundert Jahren wird er vermutlich verschwunden sein.

Zusammen mit Klima- und EisforscherInnen aus der Schweiz sind die beiden Glarner Künstler Martin Stützle und Fridolin Walcher im Mai 2018 nach Grönland gereist. Eine interdisziplinäre Gruppe von Schweizer WissenschaftlerInnen, WirtschaftsvertreterInnen, DiplomatInnen und die beiden Künstler waren dazu eingeladen, die zwei arktischen Forschungsstationen der Schweiz, Swiss Camp und East Grip zu besuchen und sich auszutauschen. Sie reisten weiter, weit über die Zivilisationsgrenze zum Humboldt- und zum Petermanngletscher bis zum 81. nördlichen Breitengrad.

Aufgrund der vor Ort entstandenen Recherchen und ihren Eindrücken erstellten die beiden Künstler im letzten Jahr eine Serie von Werken, die in der Ausstellung im Kunsthaus Glarus erstmals zu sehen sind. Fridolin Walcher zeigt eine Serie von grossformatigen Landschaftsfotografien aus Grönland und dem Glarnerland. Panoramen von endlosen Eisflächen und romantisch-dystopischen Eisbergen in der Mitternachtssonnne stehen abstrakt wirkenden Detailansichten von vom Wind gezeichnete Schneeoberflächen und zerfurchten Gletscherzungen des Biferten- und Claridengletschers gegenüber. Diesen menschenleeren und spürbaren Dimensionen der Weite aber auch des Rückgangs haftet trotz der Schönheit etwas Ungeheures an. Martin Stützle legt den Fokus in seinen Radierungen und Monotypien auf die Ästhetik der Formen und ihre wortwörtlichen Bruchstellen. In diesen auf kleinen Skizzen basierenden Darstellungen werden sie abstrahiert und enthüllen die monströsen Eisberge und -decken gleichzeitig als fragile Gebilde. Eine monumentale Anordnung von Monotypien zeigt eine von Rissen durchzogene Eisoberfläche. Diesen Druckgrafiken gegenüber steht eine Reihe von Fotografien, die Martin Stützles Performances vor Ort zeigen. Ohne Zuschauer und nur für einen kurzen Moment entstanden in dieser Eiswüste ephemere Skulpturen aus leichtem Stoff, nur durch den Wind in Form gebracht. Eine neue Installation konzipieren die beiden Künstler gemeinsam für den Seitenlichtsaal. Eine skulpturale Anordnung von Raumkörpern lässt an Eisberge denken und versperrt den Durchblick im Raum. Auf diesen Architekturen von Martin Stützle zeigt Fridolin Walcher Fotografien von Menschen und Leben in Kullorsuaq, einem grönländischen Inuit-Dorf, dass zu den am nördlichsten gelegenen Besiedlungen der Welt zählt. Im Anschluss an die Expedition verbrachten die Künstler dort drei Wochen, um die Arktis auch als alltäglichen Lebensraum kennenzulernen. Eingestreut in diese nordischen Lebenssituationen sind Porträts von Glarner Bauern und Fischern in Südindien. Dort ein Alltag geprägt durch die sich wandelnden Bedingungen des ewigen Eises, hier durch das veränderte Klima oder durch den steigenden Meeresspiegel.

Des Gletschers Kern ist eine Ausstellung zu Klimawandel und Gletscherschwund in der Schweiz und in Grönland. Die Fotografien aus Grönland und der beiden Glarner Gletscher Biferten und Clariden von Fridolin Walcher und die Landschaften von Martin Stützle stellen nicht zuletzt die Frage danach, mit welcher (Bild-)Sprache die deutlichen wissenschaftlichen Fakten "anders" erzählt werden können.

Martin Stützle und Fridolin Walcher
Des Gletschers Kern
12. Jänner bis 1. März 2020

Kunsthaus Glarus
Im Volksgarten
CH - 8750 Glarus

T: 0041 (0)55 640 25 35
F: 0041 (0)55 640 25 19
E: office@kunsthausglarus.ch
W: http://www.kunsthausglarus.ch/

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  •  12. Januar 2020 1. März 2020 /
Martin Stützle, Hans Island, 2019, Performance, Courtesy of the artist. Foto: Daniel Meili
Martin Stützle, Hans Island, 2019, Performance, Courtesy of the artist. Foto: Daniel Meili
Martin Stützle, Kullorsuaq 7, 2019, Kaltnadelradierung auf BFK Büttenpapier, 28 x 21 cm, Edition 7, Courtesy of the artist
Martin Stützle, Kullorsuaq 7, 2019, Kaltnadelradierung auf BFK Büttenpapier, 28 x 21 cm, Edition 7, Courtesy of the artist
Martin Stützle, Ilulissat 3, 2019, Kaltnadelradierung auf BFK Büttenpapier, 28 x 21 cm, Edition 7, Courtesy of the artist
Martin Stützle, Ilulissat 3, 2019, Kaltnadelradierung auf BFK Büttenpapier, 28 x 21 cm, Edition 7, Courtesy of the artist
Fridolin Walcher, 40 m hoher Eisberg in Qaanaaq, Kohlepigment auf Innova Cotton natural white, 150 x 100 cm, Edition 5 + 2, Courtesy of the artist
Fridolin Walcher, 40 m hoher Eisberg in Qaanaaq, Kohlepigment auf Innova Cotton natural white, 150 x 100 cm, Edition 5 + 2, Courtesy of the artist
Fridolin Walcher, Bifertengletscher am Tîdi, Kohlepigment auf Innova Cotton natural white, 100 x 100 cm, Edition 7 + 2, Courtesy of the artist
Fridolin Walcher, Bifertengletscher am Tîdi, Kohlepigment auf Innova Cotton natural white, 100 x 100 cm, Edition 7 + 2, Courtesy of the artist
Fridolin Walcher, Eiskante zum Inlandeis in Nordwestgrînland, Farbpigment auf Innova Cotton natural white, 150 x 100 cm, Edition 5 + 2, Courtesy of the artist
Fridolin Walcher, Eiskante zum Inlandeis in Nordwestgrînland, Farbpigment auf Innova Cotton natural white, 150 x 100 cm, Edition 5 + 2, Courtesy of the artist
Fridolin Walcher, Ilulissat, Nordwestgrînland. Zerfallender Eisberg, Farbpigment auf Innova Cotton natural white, 100 x 100 cm, Edition 5 + 2, Courtesy of the artist
Fridolin Walcher, Ilulissat, Nordwestgrînland. Zerfallender Eisberg, Farbpigment auf Innova Cotton natural white, 100 x 100 cm, Edition 5 + 2, Courtesy of the artist
Fridolin Walcher, Nordwestgrînland, Knut Rasmusenland, Farbpigment auf Innova Cotton natural white, 200 x 76 cm, Edition 5 + 2, Courtesy of the artist
Fridolin Walcher, Nordwestgrînland, Knut Rasmusenland, Farbpigment auf Innova Cotton natural white, 200 x 76 cm, Edition 5 + 2, Courtesy of the artist