4. Dezember 2007 - 3:35 / Walter Gasperi / Filmriss
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So lang wie der Titel ist Andrew Dominiks Film. In 156 Minuten erzählt der Australier in atemberaubenden Bildern vom letzten Lebensjahr des Bankräubers und Mörders Jesse James, nimmt jedes Tempo förmlich aus seinem elegischen Western heraus und zeichnet stattdessen faszinierende Psychogramme des depressiven, extrem misstrauischen Verbrechers und seines naiven ruhmsüchtigen Mörders.

Der Titel beinhaltet schon eine Wertung: Jesse James, der nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861 - 1865) mit seiner Bande 17 Morde und zahlreiche Bank- und Eisenbahnüberfälle verübte und schließlich 1882 im Alter von 34 Jahren von hinten erschossen wurde, wurde zur Legende, seinem Mörder aber schlug nur Verachtung entgegen. 800 Mal soll Robert Ford die Ermordung im Theater nachgespielt haben, rasend machte es ihn, wenn ihn jemand als Feigling beschuldigte. Sein Bruder Charley, der ebenfalls an der Ermordung beteiligt war, verkraftete die Tat nicht und beging drei Jahre später Selbstmord. Er selbst wurde 1892 in einem Salon erschossen. Sein Mörder wurde bald begnadigt, für Ford interessiert sich heute im Gegensatz zu Jesse James niemand mehr.

Präsident Theodor Roosevelt bezeichnete ihn als "American Robin Hood", Henry King setzte ihm mit "Jesse James" (1939) ein Denkmal, Nicholas Ray widmete ihm ebenso einen Film ("The True Story of Jesse James", 1957) wie Walter Hill ("Long Riders", 1980) um nur die berühmtesten zu nennen. Mit dem Mörder beschäftigte sich nur Samuel Fuller in "I Shot Jesse James" (1949).

Die Morde und Überfälle der Band interessieren den Australier Andrew Dominik nicht. Sein Film setzt erst im Herbst 1881 mit dem letzten Eisenbahnüberfall der James-Bande ein. Während der Vorbereitungen versucht der noch nicht einmal 20jährige Robert Ford Kontakt zu dem von ihm bewunderten Outlaw zu knüpfen. Nach dem Überfall löst sich die Bande auf und Jesses Bruder Frank sowie die meisten anderen Bandenmitglieder verabschieden sich aus dem Film. Jesse selbst versucht mit Frau und Kindern in einer Kleinstadt als scheinbar ehrbarer Bürger unterzutauchen und nimmt Ford, obwohl er ihn verachtet, zunächst als Gehilfen mit, schickt ihn dann weg, holt ihn und seinen Bruder Charley später aber doch wieder zu sich, um die beiden zu kontrollieren.

Vom ersten Moment an schafft Andrew Dominik mit einem auktorialen, ruhig die Ereignisse kommentierenden Off-Erzähler nicht nur Distanz, sondern auch eine schwermütige Stimmung. Alles scheint vergeblich, vom Schicksal vorherbestimmt. Und diese Hoffnungslosigkeit wird noch durch den extrem langsamen, wunderbar beherrschten Erzählrhythmus intensiviert. Aller Romantik und alles Heldenhaften beraubt Dominik Jesse James. Der Outlaw, schon zu Lebzeiten durch Groschenromane ein Medienstar und weit über die USA hinaus bekannt, ist trotz seiner erst 34 Jahre ein müder alter Mann, nicht nur brutal, sondern auch extrem misstrauisch und launisch - ein Vorläufer der Terroristen und Rebellen von heute, wie die Familie in Christian Petzolds Terroristendrama "Die innere Sicherheit" ständig die Entdeckung fürchtend und daher nach wenigen Monaten mit seiner Familie immer wieder umziehend. Eine Glanzrolle ist dies für Brad Pitt, dem Dominik auch Raum einräumt um diesen Charakter zu entwickeln.

Nicht weniger beeindruckend auf der anderen Seite Casey Affleck als Robert Ford: mit seiner leisen hohen Stimme kindlich wirkend, naiv den Outlaw verehrend wie Fans heute ihre Idole und von Anfang an vom Wunsch beseelt etwas Großes zu vollbringen. Wie der Grieche Herostratos, der um berühmt zu werden 356 v. Chr. den Artemis-Tempel von Ephesus, eines der Sieben Weltwunder, anzündete, so wird auch Ford zwar unsterblich, aber von allen verachtet werden. Auch mit dem Theaterstück, mit dem er nach der Ermordung von Jesse James herumtingelt, wird nur für den Outlaw der Ruhm größer, für ihn aber die Verachtung. – Andererseits hat Ford mit der hinterhältigen Ermordung aber auch zur Mythenbildung um Jesse James beigetragen.

Im besten Sinne langatmig, eben als einen Film mit einem langen Atem, hat Dominik "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" angelegt. In den fantastischen Landschaftsaufnahmen von Roger Deakins setzt er förmlich Pausen und lässt die Protagonisten lange durch die Weiten des Mittelwestens reiten. Mit einer meisterhaften Farb- und Lichtdramaturgie fängt Deakins die Jahreszeiten ein. Auf die goldgelben Weizenfelder des Herbstes folgen die verschneiten Ebenen des Winters, in denen der Hauch der Atmenden die Kälte spürbar macht und sich vom Weiß nur die schwarzen Mäntel der Reiter abheben. Im Kontrast dazu stehen die Wärme und der Schutz, den die von warmem Kerzenlicht erleuchteten Innenszenen in den Holzhäusern vermitteln. Mehr noch als die akribische Rekonstruktion der Kostüme und Bauten trägt diese sich an alten Fotographien orientierende Kameraarbeit zur atmosphärischen Dichte bei.

Wie hier ein Zug aus dem Nebel auftaucht, wie die Wolken in Zeitraffer dahin ziehen und wie die Bilder gegen die Ränder unscharf werden – das bleibt nie Selbstzweck, sondern dient immer dazu eine elegische und getragene Stimmung zu evozieren, die wiederum Spiegelbild der depressiven Stimmung der Protagonisten ist und diese somit nach Außen kehrt. - "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" ist ein bildgewaltiger Spätwestern vom Untergang einer Zeit, ohne dass es konkrete Indizien wie die Autos bei Peckinpah gäbe, der ganz aus der Stimmung heraus lebt, mit jeder Einstellung seine kunstvolle Machart belegend, diese aber nie ausstellend.

Läuft am 23.12. um 20.30 Uhr am Spielboden Dornbirn (O.m.U.)

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