Kurt Bracharz

17. Juli 2006 - 14:16

Tucholsky formulierte das Aperçu, »gut gemeint« sei das Gegenteil von »gut«. Die EU hat es zweifellos gut gemeint, als sie der Türkei klarmachte, dass sie den Fortschritt der Frauenrechte in der Türkei scharf im Auge behalten und den EU-Beitritt der Türkei unter anderem auch davon abhängig machen werde.

Dabei ging es vor allem um die so genannten »Ehrenmorde«, also die Ermordung junger Frauen, die ihre Familie »entehrt« hatten, auf Familienratsbeschluss hin, ausgeführt durch ein männliches Familienmitglied, meist ein Bruder oder Cousin unter 18 Jahren, weil der noch unter das Jugendstrafrecht fiel. Die »Entehrung« kann nicht nur durch freiwilligen Sex, sondern schon durch für islamistische Verhältnisse freizügige Kleidung, die Absicht, ins Kino zu gehen, oder einen zu freundlichen Blick für einen Fremden erfolgen, im Falle von Geschlechtsverkehr auch bei Vergewaltigung durch ein Familienmitglied: es ist dann das Vergewaltigungsopfer, das die Familie entehrt hat, der Vergewaltiger wurde natürlich verführt. Im kurdischen Ostanatolien wurden die betroffenen Mädchen bislang erschossen, erwürgt, gesteinigt oder lebendig begraben.

Nun hat die Türkei in den letzten zwei Jahren tatsächlich ihre Gesetze gegen den Ehrenmord verschärft und lebenslanges Zuchthaus auch für von jugendlichen Tätern ausgeführte Ehrenmorde vorgesehen. Der »Erfolg« des EU-Drucks ist, dass jetzt die betroffenen Familien die jungen Frauen zum Selbstmord bringen oder zwingen, damit sie nicht einen Sohn ans Gefängnis verlieren. In der in Südostanatolien gelegenen kurdischen Stadt Batman gab es in den letzten sechs Jahren 102 Suizide von Frauen, davon allein 36 in diesem halben Jahr. In der regionalen Hauptstadt Diyarbakir existiert eine Frauengruppe namens Ka-Mer mit Hotline, Rechtsberatung und Versteckmöglichkeiten für die bedrohten Frauen. Eine Mitarbeiterin sagte, viele Familien wollten ihre Töchter gar nicht töten, hielten aber dem sozialen Druck und dem üblen Tratsch der Dorfbevölkerungen nicht stand.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)