27. Februar 2012 - 1:48 / Archiv 

Als der zwölfjährige Charles Dickens 1824 in einer von Ratten wimmelnden Londoner Fabrik Büchsen voller schwarzer Schuhwichse etikettiert, ahnt kein Mensch, welch glanzvolle Zukunft dem Knaben leuchtet. Wie später sein Held Oliver Twist, so lässt sich auch der kleine Charles nicht mit jenem dünnen Haferschleim abspeisen, den ihm das knauserige Schicksal zugeteilt hat, sondern verlangt vom Leben mehr – unendlich viel mehr!

Nur ein Dutzend Jahre nach der schmachvollen Plackerei in der Fabrik avanciert Dickens zum meistgelesenen Autor seiner Epoche: eine Schriftstellerlaufbahn, wie sie unwahrscheinlicher nicht sein könnte. Und er beglückt die Welt dabei mit mehr als nur dem Oliver Twist – mit unendlich viel mehr! Fünfzehn meist sehr umfangreiche Romane, fünf grosse Weihnachtserzählungen, zwei Reisebücher sowie Abertausende Seiten an Briefen und journalistischen Texten zeugen von einer geradezu manischen Energie, die Dickens’ Zeitgenossen mal fesselt, mal vor den Kopf stösst … und bis heute Rätsel aufgibt.

Doch nicht nur mit seinen Kräften geht der Autor wenig haushälterisch um, sondern auch mit seiner überschiessenden Phantasie – eine Verschwendungssucht, die ihn früh altern, aber auch ein Werk schaffen lässt, das an Fabulierlust und Bilderreichtum kaum seinesgleichen hat. Und weil fast alle Bücher mit Originalillustrationen von Meistern ihres Faches wie George Cruikshank und Hablôt Knight Browne erscheinen, graben sich Figuren wie Fagin, Pecksniff, Micawber und Mrs. Gamp noch tiefer ins kollektive Bewusstsein ein.

Dass das Adjektiv Dickensian Eingang in die Alltagssprache gefunden hat, ist nur einer von vielen Belegen für die in der angelsächsischen Welt bis heute ungebrochene Popularität dieses Autors. Gleichzeitig manifestiert sich in einer solchen Wortmarke aber auch ein Problem: Das Klischee des schaurig-gemütlichen Dickens von "Oliver Twist" oder "A Christmas Carol" verstellt oft genug den Blick auf die immer galliger und präziser werdende Gesellschaftskritik in den gewaltigen Tableaus der letzten beiden Lebensjahrzehnte.

Die Ausstellung im Strauhof folgt Dickens’ Lebensweg und lässt in zahlreichen Film- und Tondokumenten jene unnachahmliche "Stimme" seines Stils aufleben, von der Nabokov einst sagte, man müsse sich ihr einfach überlassen. Zur Sprache kommen aber auch all jene Geheimnisse, an denen das Leben dieses Autors so reich ist wie sein Werk.

Die Geheimnisse des Charles Dickens (1812-1870)
14. Dezember 2011 bis 4. März 2012

Museum Strauhof
Augustinergasse 9
CH-8001 Zürich

Öffnungszeiten:
Di bis Fr 12 - 18 Uhr
Sa und So 10 - 18 Uhr
Montag geschlossen



  •  14. Dezember 2011 4. März 2012 /
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Charles Dickens mit 40 Jahren, 1852. © The Charles Dickens Museum, London
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Hablôt 'Phiz' Browne, Illustration zu 'David Copperfield'. © The Charles Dickens Museum, London
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George Cruikshank, Illustration zu 'Oliver Twist': «Please, Sir, I want some more». © The Charles Dickens Museum, London
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Robert Buss, Dickens? Dream. Kurz nach Dickens? Tod entstanden, unvollendet: Autor im Kreise seiner Romanfiguren. © The Charles Dickens Museum, London