21. März 2020 - 11:18 / Martina Pfeifer Steiner / Musik 

Drei Tage später hätte die denkwürdige Aufführung der großartigen Missa Solemnis von Ludwig van Beethoven in der Kapelle des Landeskonservatoriums in Feldkirch abgesagt werden müssen. Zum Glück war dem nicht so. Markus Landerer beschenkte das Publikum mit seiner Chorakademie Vorarlberg und der Sinfonietta Vorarlberg mit einem glanzvollen, tiefgreifenden Erlebnis. Das ist es, was Kunst vermag – die Menschen gehen bereichert, inspiriert von dannen! Aber auch für die neunzig ChorsängerInnen verändert sich etwas in ihrem Leben. Sie setzten sich ein halbes Jahr lang in intensiver Probearbeit mit diesem höchst anspruchsvollen Spätwerk Beethovens auseinander, mussten sich vorher noch dazu einem Vorsingen der schwierigsten, selbst einstudierten Passagen dem Chorleiter stellen.

Auch der Domkapellmeister am Wiener Stephansdom, einst Domkapellmeister zu Feldkirch ergriff zum ersten Mal die Gelegenheit: "Mir war bewusst, dass das Ringen um die Realisierung des Werkes bis zur Generalprobe gehen wird. Dieses Stück ist so unglaublich tiefgründig, so komplex und faszinierend, bleibt aber bis zum Schluss ein Mount Everest." Beethoven war schon völlig taub, als er dieses Meisterwerk komponierte und stellte es erst drei Jahre nach dem geplanten Termin fertig. "Er sprengt mit dieser Komposition Grenzen und nimmt dabei wenig Rücksicht auf die Ausführenden", bekräftigt Markus Landerer.

Und von all dem Respekt, den Herausforderungen und hohen Ansprüchen der Missa Solemnis ist am großen Tag der Aufführung in der zweimal vollbesetzten Konservatoriumskapelle nichts zu spüren, sondern ausschließlich Souveränität und Freude am Musizieren. Exemplarisch sei auf einen Teil der Messe detaillierter eingegangen: Das "Gloria in exelcis Deo" beginnt prächtig, wie es sich gehört, die Soprane brillieren in höchsten Tönen und plötzlich aus dem Nirgendwo "et in terra pax" – "und auf Erden Friede" – mystisch die Männer, um mit großartigem Chorklang, mit so viel Glanz und Sicherheit, im vielschichtigen "Glorificamus te" zu münden. Ergreifend setzen die Solisten ein: "Gratias agimus tibi" – "Wir sagen Dank". Das Solistenquartett mit der Sopranistin Monika Riedler, der Altistin Annely Peebo, dem Tenor Alexander Pinderak und dem Bariton Daniel Ochoa harmoniert und agiert hervorragend, der Chor schmiegt sich empathisch an. Und wieder geheimnisvoll bis kleinlaut: "qui tollis peccata mundi" – "du nimmst hinweg die Sünden der Welt". Das Allegro maestoso entfaltet sich opernhaft, inhaltsschwer: "Tu solus Dominus. Tu solus Altissimus". Und im Finale herrscht Gewissheit – "in gloria die patris", die Linien der Fuge in jeder Stimme hörbar – und alle genießen es.

In Zeiten wie diesen wird einmal mehr bewusst, wie bedeutend das Erleben von Kunst für uns Menschen ist, und bei einem Ereignis wie diesem, wie nachhaltig der Nachklang im Alltag des Individuums.

Die "Missa Solemnis" von Ludwig van Beethoven, wurde am 7. und 8. März 2020 in der Kapelle des Landeskonservatoriums Feldkirch von der Chorakademie Vorarlberg und Sinfonietta Vorarlberg unter der Leitung von Markus Landerer aufgeführt.



Die Chorakademie Vorarlberg (Bild: zVg)
Die Chorakademie Vorarlberg (Bild: zVg)
Dirigent Markus Landerer (Foto: Madeline Tsai/ CCO 4.0)
Dirigent Markus Landerer (Foto: Madeline Tsai/ CCO 4.0)