28. Juli 2020 - 10:05 / Ausstellung / Geschichte 
24. Juli 2020 31. Oktober 2021

Auf dem Schöckl waren die Römer ihren Göttern nahe. Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man die Grabungsergebnisse der Archäologinnen und Archäologen des Instituts für Antike der Universität Graz im Bereich des Ostgipfels betrachtet, die hier seit 2015 ein spätrömisches Höhenheiligtum erforschen. Dabei handelt es sich um ein Kultgebäude und mehrere untergeordnete Weiheplätze. Im Zuge der Grabungen wurden Glasarmreifen und - Perlen, Münzen, Bleivotive, Fingerringe und Wandmalerei geborgen. Diese einzigartigen Funde gewähren neue Einblicke in den Glauben der Römer und werden erstmals im Rahmen einer Sonderausstellung unter dem Titel "Die Römer auf dem Schöckl" im Archäologiemuseum in Schloss Eggenberg präsentiert.

Der Fundplatz

Seit 2015 untersucht das Institut für Archäologie der Universität Graz ein römisches Höhenheiligtum auf dem Ostgipfel des Schöckls. Neben einem ausgedehnten Survey waren es vor allem die jährlichen Grabungskampagnen zwischen 2016 und 2019, die Informationen zum antiken Kultgeschehen lieferten und zumindest zwei Aktivitätszonen erkennen lassen. Einerseits auf dem Ostgipfel, dem sogenannten Schöcklkopf (1.423 m), wo ein mindestens 11 mal 10 m großes, in seinem Grundriss untypisches Kultgebäude mit aufwendigen Wandmalereien nachgewiesen werden konnte, und andererseits ein 30 m westlich davon liegender Weiheplatz, wo eine auffällige Fundhäufung im Vorbereich einer Doline festgestellt wurde. Die mehrfach auf dem Schöckl vorkommenden Karsttrichter und Schachthöhlen, aber vor allem die exponierte Lage des Ostgipfels und der phänomenale Rundblick an dieser Stelle dürften wohl maßgeblich für die Ortswahl des Kultplatzes in der Antike gewesen sein. Ein entsprechendes Wetter vorausgesetzt, sieht man vom Ostgipfel bis nach Westungarn, erkennt die Spitzen des 1.032 m hohen Sljeme bei Zagreb oder des 2.864 m hohen Triglav an der slowenisch-italienischen Grenze, während im Südwesten die Koralpe ins Blickfeld gerät.

Die Weihegaben

Unter den Votivgaben des Kultgebäudes und des Weiheplatzes finden sich schwarze Glasarmreifen, Hunderte bunte Glasperlen, beinerne Haarnadeln, eiserne Fingerringe, silberne Lunula-Anhänger, Fibeln, Münzen, Votivfiguren und -spiegelrahmen aus Blei sowie fragmentierte Terrakottafiguren und Bruchstücke von Keramik- und Glasgefäßen. Besondere Bedeutung kommt dabei den 91 bislang geborgenen Münzen zu, die den Kaisern von Titus (79– 81 n. Chr.) bis Constantius II. (337–361 n. Chr.) zuzuordnen sind und helfen, die Kultaktivitäten auf dem Schöckl zu datieren. Die Münzen lassen zudem auch weitreichende Aussagen zur Herkunft der Opfernden zu. So legten einige Münzen durchaus lange Wege zurück, bevor sie auf dem Ostgipfel niedergelegt wurden, wie etwa eine silberne Tetradrachme belegt, die 215/17 n. Chr. in Emesa, dem heutigen Homs in Syrien, geprägt wurde und vielleicht als Erinnerungsstück in der Tasche eines Soldaten den Schöckl erreichte.

Gottheiten und Opfernde

Betrachtet man das gesamte Fundmaterial, dann lassen bestimmte Objektgruppen klar erkennen, dass es sich beim Schöckl-Heiligtum vor allem um einen von Frauen und Mädchen aufgesuchten Weiheplatz gehandelt haben muss. Die stark weibliche Komponente des Fundplatzes wird beispielsweise durch Fragmente von sogenannten Pfeifentonstatuetten unterstrichen. Dabei handelt es sich um Miniaturfiguren aus weißlicher Keramik, die sitzende Muttergottheiten darstellen. Mangels jeglicher epigrafischer Evidenz bleibt jedoch offen, welche Gottheit(en) konkret auf dem Schöckl verehrt wurden. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist beispielsweise ein zusammengesetztes Wandmalereifragment aus dem Kultbau, das die rechte Hand einer annähernd lebensgroßen Figur zeigt. Leider kann man nicht mit Gewissheit sagen, ob hier eine Gottheit oder eine opfernde Dienerin bzw. ein opfernder Diener dargestellt wurde.

Weitere Grabungen im Juli 2020

Trotz vieler offener Fragen, die u. a. die Baustrukturen, Kultabläufe oder die sakrale Ausrichtung des Heiligtums betreffen, schien nach fünf Jahren Forschung die Zeit gekommen, um mit den für die steirische Archäologie sensationellen Grabungsergebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen und das Fundmaterial im Rahmen einer Sonderausstellung zu zeigen, die auch noch 2021 im Archäologiemuseum zu sehen sein wird.

Die SteirerInnen auf dem Schöckl

Die Sonderausstellung möchte sich aber nicht nur der römerzeitlichen Nutzung des Schöckls widmen, sondern dessen gesamte Geschichte präsentieren. Erstmals urkundlich erwähnt wird der markant aufragende Berg im Jahr 1147 in der Gründungsurkunde des Klosters Seckau als "mons sekkel". In der Folge wird er immer wieder in Schriftquellen genannt, doch erst mit seiner teilweisen Erschließung und Rodung im Verlauf des 16. und 17. Jhs. mehren sich die historischen Nachrichten über Besteigungen oder andere Aktivitäten. So galt der Schöckl bald als "mons altissimus", als "höchster Berg", wo sich Wissenschaft und Aberglauben begegneten. Nachdem hier im Jahr 1601 noch Johannes Kepler (1571–1630) astronomische Beobachtungen durchgeführt hatte, galt der Schöckl Jahrzehnte später als vermeintlicher Landeplatz und Treffpunkt von Hexen.

Vor 200 Jahren begannen dann Wandergruppen den Berg von allen Seiten zu besteigen. Einer der ersten "Bergfexe" war Erzherzog Johann (1782–1859), der den Schöckl am 8./9. Juni 1811 erklomm und dann – vielleicht vom "genius loci" und dem Panorama auf das Steirerland beflügelt – wenige Tage später seine naturwissenschaftliche Sammlung den Ständen der Steiermark schenkte und damit die Gründung des Joanneums am 26. November 1811 ermöglichte. Musste Erzherzog Johann noch in einer alten Bauernkeusche übernachten, stand den Schöckltouristen ab 1890 mit dem als Schutzhütte des Österreichischen Alpenvereines eröffneten Stubenberghaus schon eine komfortablere Unterkunft zur Verfügung. Endgültig gezähmt wurde der Schöckl dann mit der Errichtung einer Seilbahn 60 Jahre später.

In der Zwischenzeit war der Schöckl auch zu einem technologischen Experimentierfeld geworden. Bereits 1909 bezwang der Konstrukteur und "Automobilwildling" Karl Slevogt (1876–1951) mit einem 22 PS starken Puch-Wagen den Berg, wobei noch schwere Hinterradketten für die nötige Bodenhaftung entlang der lehmigen bis felsigen Hohlwege sorgten. Nach dieser Pioniertat wurde der Schöckl zum Testgelände der Steyr-Daimler-Puch AG und ist bis heute Prüfstein für viele Allradfahrzeuge. Neben der Fahrzeugtechnik wurde auch die Raketentechnologie auf dem Schöckl vorangetrieben. Am 2. Februar 1931 startete der Grazer Chemiker und Bauingenieur Friedrich Schmiedl (1902–1994) vom Gipfel aus die erste Postrakete der Welt und beförderte damit rund 100 Briefe ins Tal. Auch wenn sich diese Art der Flugpost als Sackgasse erwies, so gehört Schmiedl heute dennoch zu den österreichischen Weltraumpionieren.

Die Römer auf dem Schöckl
24. Juli 2020 bis 31. Oktober 2021

Archäologiemuseum Graz
Eggenberger Allee 90
A - 8020 Graz

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  •  24. Juli 2020 31. Oktober 2021 /
Blick auf den Schöckl von Südosten im Winter 2017,  Foto: R. Koeberl
Blick auf den Schöckl von Südosten im Winter 2017, Foto: R. Koeberl
Die Grundmauern des römischen Gebäudes auf dem Ostgipfel im Juli 2019,  Foto: IfA, Universität Graz
Die Grundmauern des römischen Gebäudes auf dem Ostgipfel im Juli 2019, Foto: IfA, Universität Graz
"Die Schöckelhexe",  aus dem Zyklus "Die Schöckelsage" von Hans Hauke (1917–1994), Tuschezeichnung, Quelle: UMJ/Abteilung Volkskunde.
"Die Schöckelhexe", aus dem Zyklus "Die Schöckelsage" von Hans Hauke (1917–1994), Tuschezeichnung, Quelle: UMJ/Abteilung Volkskunde.
Tetradrachme des Caracalla (Antoninus III.), Silber, geprägt 215–217 n. Chr. in Emesa (Syrien),  Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Tetradrachme des Caracalla (Antoninus III.), Silber, geprägt 215–217 n. Chr. in Emesa (Syrien), Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Wandmalereistück mit der Darstellung einer Hand, die einer lebensgroßen Figur zuzuordnen ist,  Foto: R. Pritz
Wandmalereistück mit der Darstellung einer Hand, die einer lebensgroßen Figur zuzuordnen ist, Foto: R. Pritz
Fotografien von Karl Slevogt und Gyula Diescher im 18/22 HPuch-Wagen bei ihrer Bergfahrt auf dem Schöckl am 15. August 1909,  Quelle: Die Allgemeine Automobil-Zeitung vom 5. September 1909
Fotografien von Karl Slevogt und Gyula Diescher im 18/22 HPuch-Wagen bei ihrer Bergfahrt auf dem Schöckl am 15. August 1909, Quelle: Die Allgemeine Automobil-Zeitung vom 5. September 1909
Armreifen,  Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Armreifen, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner