verfasst von Haimo L. Handl / 3. August 2008 - 7:50 / Wort zum Sonntag
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Grössere Firmen folgen weltweit der amerikanischen Übung, durch lange, ausführliche Auflistungen von Haftungsauschlüssen sich gegen mögliche Verpflichtungen oder Verantwortungen, soweit sie nicht vertraglich eindeutig fixiert sind, zu erwehren. Es bildete sich eine regelrechte, schon ritualisierte Absicherungsrhetorik, die nicht nur schriftlich, sogar im e-mail-Verkehr, sondern immer stärker auch mündlich feststellbar wird.

Da sprechen Manager über Produkte, Dienstleistungen, Ergebnisse oder geplante Projekte und winden sich dann in einer modernen Bürokratensprache mit verbindlichen Hinweisen bezüglich der Unverbindlichkeit gewisser Äusserungen. Sie stellten nur die private Meinung des Vortragenden dar, sie meinten nicht, was sie sagen etc.

Diese Unkultur hat System und ist systemvernünftig. Es geht um Gefahrenabwehr. Es geht um Absicherung. Niemand soll "festgenagelt" werden können, wegen impulsiver Äusserungen oder, auch wenn noch so überlegt, wegen Wertungen und Beurteilungen, Einschätzungen.

In der Politik kennen wir das schon lange. Und es musste nicht aus den USA importiert werden. Einerseits erfolgt oft eine schon fahrlässige Reduktion auf Pseudoeindeutiges, vor allem in Wahlversprechen, andererseits will kein Politiker mit Format eindeutig antworten.

Was im normalen, gebildeten Verkehr als Affront gilt oder Ausweis einer Unbildung, dass man nicht direkt auf eine Frage antwortet, dass man nur mit Gegenfragen ausweicht oder dass man gar von ganz Anderem schwätzt, wird hier als politische Kommunikationsqualität gewürdigt und von den meisten Fragenden hingenommen. Je mehr dies geschieht, desto selbstverständlicher verankert sich dieses "Kommunikationsspiel" des Mehrdeutigen, Unverbindlichen.

Diese vage, unverbindliche Sprache herrscht natürlich nicht überall. Sonst liesen sich ja keine Politiken machen, keine Verträge abschliessen, keine Geschäfte. Hinsichtlich letzterer wird sogar höchst präzise kommuniziert. Auch in der Politik. Aber nicht vor den Mikrofonen, nicht mit und in den Medien.

Allerdings wirkt die Täuschungs- oder Ausweichhaltung, der Absicherungswahn, auf die Kommunikatoren zurück. Wer lernt in diesen Dimensionen sich dauernd zu bewegen und mit Erfolg dafür "belohnt" wird, verlernt leicht den Rollenwechsel, erliegt bald einer Realitätsdeutung, die dann so oft zu Ergebnissen führt, die für Aussenstehende völlig unverständlich, unvernünftig, absurd erscheinen.

Höchste Bankenmanager zeigen sich nach nicht mehr verdeckbaren Verlusten erstaunt, dass sogar Einzelpersonen in ihren Firmen mit wenigen Transaktionen derart desaströse Ergebnisse erzielen konnten, aufgrund welcher nicht nur die Eigentümer Milliarden verlieren, sondern ganze Volkswirtschaften ins Trudeln kommen und Steuerzahlergeld von der Regierung aufgewendet werden muss, um einen "Wirtschaftskrieg" zu vermeiden.

Etliche grosse Firmen (wie zB Siemens) müssen enorme Beträge aufwenden, um bekannt gewordene, noch höhere Korruptionszahlungen damit "in den Griff" zu kriegen, das ramponierte Image zu polieren und Ansprüche abzuwehren.

Bald werden hoffentlich berüchtigte Steueroasen wie zB das Fürstentum Liechtenstein oder Jersey Island (ein britischer Aussenbesitz, der nicht Teil der EU ist und, von der Union akzeptiert, als Steueroase nicht nur für Meinl-Kunden dubiose Geschäfte ermöglicht) stärker unter Druck kommen, wenn die "Disclaimers" nicht mehr halten... (In einem vernünftigen Europa dürfte es sie gar nicht mehr geben!)

Den Gipfel an unverfrorener, frecher disclaimerspeak lieferte aber vor wenigen Tagen der amtierende IOC Präsident, der 1942 geborene belgische Dr. h.c. Jacques Rogge, der als windiger Wendehals und Opportunist die Spitzenposition seiner Karriere im üblichen Pochen auf Unverantwortung zu sichern versucht - und bislang natürlich erfolgreich damit ist.

Die wahren Gewinner der Olympischen Spiele, eine obsolete Einrichtung, die immer noch dem veralteten nationalistischen Modell unterliegt und pervers Sport vorgibt, um Politik und Geschäft zu machen, sind ja das IOC und beteiligte Firmen sowie Regierungen.

Dieser feine, ehrenwerte Herr, der hier stellvertretend für die anderen, die in der Riege profitierend mitwirken, genannt wird, der aber auch als Präsident offiziell "spricht", gab bekannt, dass das IOC im Jahre 2001, als den Chinesen die Ausrichtung der Spiele zugesprochen worden war, vielleicht doch etwas naiv war. Er begründete das mit der Haltung des Idealisten. Ein Gustostückerl besonderer Art, wie es Nestroy sich nicht hätte besser ausdenken können.

Ein Manager, gewieft durch Sportpolitik und Geschäfte, gibt "Idealismus" vor, um eine nachträglich festgestellte "Naivität" zu erklären. Und niemand schreit auf.

Aber es kommt dicker: Plötzlich gelten die Worte, die 2001 gesprochen wurden, nicht mehr. Damals liess Wang Wei, Vizepräsident des IOC Organisationskomitees verlauten: "We will give the media complete freedom to report when they come to China." Und 2008 versicherte Herr Rogge als oberster Präsident das Gleiche. Angesichts der extremen Zensur in China auch für und gegenüber ausländischen Journalisten, für welche eine Ausnahme zugesichert worden war, wurde Kritik laut, die nicht mehr nur als bösartiges Geschwätz abgetan werden konnte.

In der Pressekonferenz vor zwei Tagen wies Herr Rogge jede Verantwortung für das IOC und für ihn selbst von sich. Die Sprecherin des IOC, Giselle Davies, gab Semantikunterricht, weltweit übers Fernsehen, unzensuriert:

"There"s been no change in the IOC"s position." "Again, I think we are trying to hang on every single word often spoken by people whose mother tongue isn"t English. Let me be clear again: The IOC would like to see open access for the media to be able to do their job."

Disclaimerspeak as Newspeak. Par excellence.

Diese Person mutet uns zu, sie ernst zu nehmen und zu akzeptieren, dass sie "klar" Position bezöge, ja mehr noch, dass sie wiederum klar sich ausspreche, als ob früher klar gesprochen worden wäre! Skandalös, wie Tussies wie Davies und Fritzen wie Rogge und Helferhelfer weltöffentlich auftreten. Hier geht es nicht mehr nur um die Chinesen und ihre Zensur. Die war und ist bekannt. Es geht um diese verlogene, anmassende, betrügerische Kommunikation des IOC.

Und eigentlich, wenn man weiterdächte, ginge es auch um die Bedeutung von Meinungsfreiheit und freien Medien. Und um Disclaimerspeak als Newspeak.

Dass die Mehrheit kein Problem darin sah, dass den Chinesen eine freie Presse vorenthalten wird, dass akkreditierte chinesische Journalisten der üblichen Zensur unterworfen bleiben, während die ausländischen Journalisten zumindest freien Internetzugang haben sollten, beweist, wie weit wir mit den Arrangements der Relativierungen von Rechten und Freiheiten gekommen sind. Was für die Kommunikation und die Medien gilt, gilt erst recht für die sogenannten Allgemeinen Menschenrechte. Sie sind nicht allgemein. Wir werden auch von vielen verantwortlichen Politikern eindringlich ermahnt, dies anzuerkennen, um ein so grosses Land nicht ungebührlich zu kritisieren.