10. Januar 2012 - 3:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Ein namenloser Fluchtwagenfahrer und eine junge Frau, zarte Liebe und brutale Gewalt, Ruhe und entfesselte Bewegung. – Mit der gleichen Perfektion und Sicherheit, wie der von Ryan Gosling stoisch gespielte Fluchtwagenfahrer agiert, spielt Nicolas Winding Refn in seinem kühl stilisierten Actionfilm mit diesen Gegensätzen und schuf einen Film, den man schon jetzt als modernen Klassiker des Genres bezeichnen kann.

Fünf Minuten gibt der namenlos bleibende Fahrer (Ryan Gosling) seinen Kunden Zeit. Er wird die Gangster zum Tatort fahren, fünf Minuten später abfahren, egal ob sie vom Einbruch zurück sind oder nicht, wird sie an einen vereinbarten Ort bringen, aus dem Wagen steigen und verschwinden. Keine Waffe wird er bei sich tragen, in den Überfall wird er sich nicht einmischen.

Telefonisch werden die Details geklärt, während im Fernsehen ein Basketballspiel läuft. Am Tatort stellt der Fahrer die Uhr ein, hört den Polizeifunk ab und im Autoradio läuft immer noch das Basketballspiel. Mit den beiden Gangstern wird er losfahren, während die Polizei schon nach den Tätern fahndet. Nicht auf eine wilde Flucht legt der Fahrer es an, sondern versteckt sich auch mal in einer Parklücke, taucht vor dem Polizeihubschrauber in einem Parkhaus unter, steigt aber auch mächtig aufs Gas, wenn es darum geht Streifenwagen abzuhängen, parkt den Wagen pünktlich zum Ende des Basketballspiels beim Stadion und taucht in der Menge der Fans unter.

Mit der atemberaubenden Präzision, mit der dieser Fahrer, über dessen Vergangenheit man nichts erfährt, seinen Job ausführt, inszeniert Nicolas Winding Refn. Luftaufnahmen vom nächtlichen Los Angeles wechseln mit Blicken in den Rückspiegel und Untersichten auf den am Steuer sitzenden Protagonisten. Zurückhaltender Elektropop und dazwischen Songs evozieren eine melancholische Stimmung.

In der Tiefgarage begegnet der Fahrer, der tagsüber als Stuntman beim Film und in einer Autowerkstatt arbeitet einer jungen Frau (Carey Mulligan). Nebeneinander stehen sie im Lift, sie wohnen in der gleichen Etage, doch noch wechseln sie kein Wort. Im Supermarkt wird er Irene mit ihrem kleinen Sohn Benicio wieder sehen, wird sie nach Hause fahren, als ihr Wagen streikt. So lernen sie sich kennen, bald machen sie gemeinsam einen Ausflug, ein Date folgt, doch der körperliche Kontakt beschränkt sich darauf, dass sie im Wagen einmal seine auf dem Schaltknüppel liegende Hand ergreift.

Als Irenes Mann aus dem Gefängnis entlassen wird, steigt eine Wiedersehensfeier in der Wohnung der Familie. Der Fahrer sitzt dagegen allein in seiner Wohnung, doch Schnitte und Blicke stellen ein Gefühl von Nähe und Zusammengehörigkeit zwischen ihm und Irene her. Während Irenes Mann ihm bei der ersten Begegnung feindselig gegenüber tritt und in ihm wohl einen Rivalen sieht, will der Fahrer nur der Familie helfen. So lässt er sich auf Bitte von Irenes Mann auf einen Job ein, der mächtig schief geht und den Fahrer zum Gejagten macht. Er aber holt zum Gegenschlag aus und unternimmt alles, um Irene und Benicio zu schützen…

Dünn ist im Grunde die Handlung, förmlich auf das Skelett und auf wenige Figuren reduziert. Wichtiger als das Was ist aber wie schon in Refns bildgewaltigem Wikinger-Film "Walhalla Rising" das Wie, ist die Stimmung, die der gebürtige Däne über den Rhythmus, den Wechsel von Ruhe und Bewegung, die Arbeit mit Kamera, Zeitlupe, Musik, Farben und Licht im Wechsel der in kaltes Blau und Schwarz getauchten und nur von einzelnen Lichtpunkten aufgehellten nächtlichen Stadt, den in Neonfarben grell leuchtenden Nachtclubs und Einkaufszentren sowie der fast leere Wohnung des Fahrers erzeugt.

Jenseits von jedem Realismus entwickelt Refn auf den Spuren von Peter Yates "Bullitt" (1968), Walter Hills "The Driver" (1978) und den Gangsterdramen von Michael Mann, von denen "Drive" sichtlich inspiriert ist, die aber nie epigonenhaft zitiert werden, einen coolen Actionfilm, in dem sich im Grunde eine existentialistische Studie über die Einsamkeit und Verlorenheit des Menschen versteckt. Gedrosselt und melancholisch ist über weite Strecken das Tempo, doch unter der Oberfläche brodelt es in diesem Film ständig, ist er gespannt wie ein Bogen, bis sich diese Anspannung immer wieder in Momenten extremer Dynamik und drastischer Gewalt entlädt.

Als zurückhaltenden und sanften jungen Mann spielt Ryan Gosling den Fahrer. Stets hat er einen Zahnstocher im Mund, spricht kaum, und wenn dann leise und ruhig, zeigt dann aber auch wieder – und gegen Ende immer stärker – seine brutale Seite. Beim Verbalen bleibt es noch, wenn er einem früheren Kunden ebenso knapp wie hart erklärt, dass er mit ihm nichts mehr zu tun haben will, physisch und extrem blutig wird es, wenn der Gangsterkrieg ausbricht. – Ein nicht greifbares Schwarzes Loch ist dieser Fahrer und gerade der Verzicht aufs Psychologisieren und Erklären sowie die Coolness und Undurchschaubarkeit, mit der Gosling ihn im Stile eines Steve McQueen spielt, trägt wesentlich zur Faszination von "Drive" bei.

Zärtlichkeit und drastische Gewalt können dabei unmittelbar aufeinander prallen. So schiebt der Fahrer in einer Liftszene in Zeitlupe Irene beiseite und küsst sie zum ersten und einzigen Mal, nur um im nächsten Moment einen Angreifer zu überwältigen und dann zigmal auf seinen Kopf einzutreten.

Geschockt reagiert Irene darauf und wieder sind es Blicke und Schnitt, die signalisieren, dass es zwischen ihr und dem Fahrer nun keine Beziehung mehr geben kann: Die Lifttür schließt sich und während er drinnen bleibt, steht sie draußen. Dennoch wird er sein Leben aufs Spiel setzen, um wie ein Schutzengel über Irene und Benicio zu wachen.

Wird am Freitag, den 20.7. um 21.30 Uhr beim Filmfest Vaduz auf dem Rathausplatz von Vaduz (engl. O.m.u.) und am gleichen Tag ebenfalls um 21.30 Uhr bei "Filme unter Sternen" auf dem Marktplatz Rankweil (Deutsche Fassung) gezeigt

Trailer zu "Drive"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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