verfasst von Haimo L. Handl / 4. November 2012 - 3:53 / Wort zum Sonntag
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In den hoch entwickelten Ländern stehen den Menschen die besten Kommunikationsmittel zur Verfügung. Besonders die Jungen sind verstöpselt, so dass sie die Dauerbesrieselung bzw. das Dauerzuhämmern des Gehörs erleben, haben den Kopf sehr oft gesenkt im angestrengten Blick auf das kleine Feld des smart phones, erlernten eine Fertigkeit der Daumen zum Bedienen der virtuellen Tastatur, dass man staunen könnte, wenn einen die Bildung von Handynacken oder -daumen nicht besorgt stimmte.

Sie sind nicht nur dauernd erreichbar, wie rigid Überwachte, sie meinen zu kommunizieren, auch wenn die Art der Kommunikation, die Geschwindigkeit und hohe Anzahl in einem krassen Missverhältnis zu Anlässen und Wichtigkeiten stehen. Der Banalitätsaustausch leistet seinen Beitrag zur Selbstvergewisserung, zur Stabilisierung der Identität, zum Gefühl "zu leben", aktiv zu sein. Was fragt man da nach der Qualität? Es gilt Quantität und Tempo.

Die Informationsbeschaffungen sind so leicht wie nie zuvor in einer Gesellschaft. Trotzdem vernehmen wir besorgniserregende Studien über niederen Bildungstand, Aufmerksamkeitsmanki und extreme Konzentrationsschwächen, ja sogar von steigendem Analphabetismus ist die Rede, parallel zur grassierenden Un- und bestenfalls Halbbildung.

Diese Phänomene stehen im Widerspruch zu den Kommunikationsmitteln und ihrer breiten Nutzung. Die Lesekompetenz hat sich verringert. Und der schriftliche Ausdruck, das Schreibvermögen, liegt allgemein darnieder. Die Sprache findet in den Medien, in den inflationär eingesetzten, stereotypen Power Point Präsentationen, ihren dürftigen Ausdruck. Die Werbebotschaften ähneln den kurzen Nachrichtentexten, die authentisch sein wollende Literatur orientiert sich an den Orientierungslosen und versucht die fragmentierte, restringierte Sprache einzusetzen, um die Depravierten dort abzuholen, wo sie sich nervös herumtreiben (früher hätte man geschrieben "weilen", aber heute weilt niemand mehr).

Ich will das nicht beklagen oder bejammern. Es ist der adäquate Ausdruck unserer Kultur. Aber ich will einen möglichen Hintergrund beleuchten bzw. andere Auswirkungen überdenken. Der Einsatz, die Nutzung der neuesten Kommunikationstechnologien wäre ohne die algorithmischen Rechenoperationen undenkbar. Suchmaschinen finden nach ausgeklügelten algorithmischen Operationen, ebenso wie Computer Unmengen ausgewählter Daten als Informationen nutzen zur Profilerstellung einer Person, ihrem Kaufverhalten und davon ableitbaren Kaufwünschen, Vorlieben usw. Aus Millionen von Daten wird der Alltag "programmiert", geleitet, effizient gestaltet. Wirtschaftlich, kulturell und politisch.

In der Musik, besonders der Pop Music, ähneln sich die Produkte noch stärker als in der Literatur, obwohl auch dort der Gleichklang, die vorhersehbare Trendwirkung ablesbar wird. Ess- und Trinkgewohnheiten, Reiseverhalten ebenso wie Freizeitarbeit, Fernsehprogramme und Kinofilme: Alles wird nach den vorliegenden Daten, die milliardenfach gespeichert werden, ausgerichtet, eingerichtet, abgerichtet. Die große Dressur.

Trotz Behauptung gepriesener Individualität agieren die Individualisten vermessen und erfasst, vorhersehbar, brav nach den Prognosen und Voraussagen, im Beruf, als Pendler, als Käufer, als Konsumenten, als Wähler, als Raunzer und Freizeiter, als was immer. Sie scheinen glücklich, weil sie im Fernsehen Programme finden, die sie mögen, in den Gratiszeitungen nicht überfordert werden, im Kino "relaxen" bei Filmen, die sie kennen. Der hohe Kenntnisgrad macht sicher. Man ist daheim. Nichts ist fremd, unheimlich oder neu. Alles ist bewährt. Sogar die Krisen verlieren ihren Schrecken, die Nachrichten gleichen sich im Kern, wechseln nur ihre Bilder, ganz wie in der Werbung.

Einige, die noch lesen, ergötzen sich an den gleichen Stoffen, die sie aus TV und Kino kennen oder aus den Klatschspalten über die glitzernde Glamourwelt der Stars oder hochgepriesenen Künstler, die profitträchtige Produkte erzeugen, vor deren Auktionserlösen die Biedermänner ehrfürchtig erstarren.

Es scheint zu reichen, dass noch einig Kritiker oder Spezialisten über Außenseiterliteratur schreiben oder gar so exotische Themen wie Philosophie oder Soziologie. Aber das ist für die Massen irrelevant. Sie sind tolerant, so lange sie ihr Futter erhalten.

Im Bildungssystem hat man seit Jahrzehnten zielstrebig die Niveausenkung erarbeitet, getreu nach der Devise "Nur keine Überforderung". Der Begriff "Leistung" ist verdächtig, fast obszön, und nur mit gewissen Vorzeichen oder Spezifikationen zu verwenden.

Diese Ausrichtung aufs Bekannte, Gesicherte kommt dem Sicherheitsstreben der Staaten entgegen. Es macht ihnen auch die Angstpolitik leichter. Philosophisch, und das gilt nur für einen kleinen Expertenbereich, zeigt sich eine fatale Ausrichtung aufs Faktische, Gegebene, mit einer Scheu, unbequeme Blicke zu riskieren, freche Fragen zu stellen, zu zweifeln. Im Verein mit den Kirchen und intoleranten Religionsgemeinschaften wird aber das Klima gegen Zweifler und Skeptiker angeheizt. Die Intellektuellenfeindlichkeit wird durch Kurzdenk und Einfachsprache gestärkt, so dass die Möglichkeiten von Kritik oder Abweichung minimiert werden. Es ist wie in einem Mischgebilde von "1984" & "Brave New World": Angst hier, Glücksversprechen (Verordnung!) dort. Es herrscht Normalität. Der Standard, nach DIN oder ÖNORM oder amerikanischen Vorgaben oder solchen der OECD (PISA usw.). Innovationen gibt es nur in abgesteckten Rahmen. Und findet die Forschung Ergebnisse, die dem System gefährlich werden könnten, werden sie "kassiert". Geistig richten sie eh keinen Schaden an, weil fast alle keine Widersprüche erkennen; immerhin lassen sich auch hochvernünftige Wissenschaftler nicht von ihrem Aberglauben oder ihrer Religion abbringen, obwohl ihr Denken und ihre Arbeit ihnen tagtäglich widersprichen. Das lässt sich über die Kulturindustrie leicht filtern.

So bildet sich eine Vereinheitlichung, Gleichrichtung, die in Kürze leicht in eine Gleichschaltung kippen kann. Die Standardisierungen erscheinen ökonomisch vernünftig und überdecken die Klischierung und Stereotypisierung. Zum Ausgleich darf jeder Chefkoch spielen an der Glotze, oder frei seine gleiche Meinung äußern, wenn er nicht zu weit geht. Aber nicht er bestimmt die Grenze, sondern die Betreuer, die Aufpasser, die Wächter, die Polizisten, die Richter, die Politiker und Priester bestimmen im Verbund mit den Unternehmern und ihren Managern, die sich freuen, wie profitabel doch eine so komplex organisierte Gesellschaft ist, wenn sie nur brav, ordentlich und sauber organisiert funktioniert.