19. Mai 2010 - 3:45 / Rosemarie Schmitt / Musikuß

Mit dieser CD macht Edel seinem Namen alle Ehre! Denn "Concerti d’amore" vom Edel-Label "Berlin Classics" ist wahrlich eine edle Liebeserklärung an Christoph Graupner. Wohl behütet zwischen Kompositionen seiner Zeitgenossen Georg Philipp Telemann und Antonio Vivaldi, präsentiert uns "Edel" zwei Weltersteinspielungen Christoph Graupners. An diesem 10. Mai jährte sich der Todestag dieses, sehr zu Unrecht so vergessenen Komponisten zum 250. Male.

Sie fragen sich: Graupner, wer ist eigentlich Graupner? So fragen Sie doch mich!
Als es galt, das Amt des Thomaskantors in Leipzig neu zu besetzen, besannen sich die Verantwortlichen einer ihrer früheren Schüler. Der gute, allseits beliebte Christoph Graupner sollte es sein. Doch die Herren machten die Rechnung ohne den damaligen Patrone Graupners. Dieser nämlich, der Landgraf Darmstadts, wußte seinen Kapellmeister Christoph sehr wohl zu schätzen und ließ diesen nicht ziehen. Nicht, bis an dessen Lebensende!

Der Rat der Stadt Leipzig musste wohl oder übel diese Entscheidung akzeptieren und klopfte bei der zweiten Wahl an. Dieser jedoch, Georg Philipp Telemann, zeigte kein Interesse an diesem Amt. Im April des Jahres 1723 empfahl dann Christoph Graupner den suchenden Herren einen "Musicus ebenso starck auf der Orgel wie erfahren in Kirchensachen und Capell-Stücken." Und jener Musicus war Johann Sebastian Bach! Zum 1. Juni 1723 wurde er also auf die Empfehlung Graupners zum Thomaskantor zu Leipzsch. Es sollte "das Amt seines Lebens" werden. Nun sag auch schön danke Herr Bach. Danke lieber Herr Kollege Graupner! Wer weiß, vielleicht wäre Graupner, hätte sein Dienstherr ihn gelassen, heute der Berühmtere von beiden? Nach dieser Entscheidung für Bach, war später im Rathausprotokoll zu lesen: "... da man nun die besten nicht bekommen könne, müßte man mittlere nehmen..."

Mittlere? Ich bitte Sie, meine Herren! Mittlere? Ein Johann Sebastian Bach kann niemals ein Mittlerer sein! Heute, nach so langer Zeit, nehme ich Ihnen diese Einschätzung nicht mehr übel. Sie wussten es damals sicher nicht besser, sollten aber eines besseren belehrt werden. So kreuzten sich die Lebensbahnen Bachs und Graupners. Noch eine merkwürdige Gemeinsamkeit gewahr ich bei meinen Recherchen: zur Zeit des Todes von Johann Sebastian Bach, der die letzten 10 Jahre seines Lebens völlig erblindet war, also um das Jahr 1750, begann auch Christoph Graupner dem Allmächtigen sein Augenlicht zurück zu erstatten. Graupner begann zu erblinden. Die letzten Jahre seines Lebens war er, wie auch Bach, vollständig blind.

Mein Erstaunen darüber, daß sein Dienstherr nicht auf ihn verzichten wollte, hält sich in Grenzen. Denn Graupner war ein äußerst umgänglicher, freundlicher und fleißiger Mensch. Mindestens alle zwei Wochen verlangte man von einem Hofkapellmeister, denn als solcher diente Christoph Graupner schließlich, eine neue Kantate. Und Graupner lieferte zuverlässig ab. Das Ergebnis seiner langjährigen Tätigkeit war dermaßen umfangreich, daß man ein Werkverzeichnis anlegte, um den Überblick zu behalten (GWV). 1447 Kantaten, etliche Bühnenwerke sowie zahlreiche Kompositionen für Ensembles sind darin gelistet. Kein anderer komponierte so viele Werke für das Chalumeau, uns eher bekannt als Schalmei (dem Vorgänger der Klarinette) und für die Viola d’amore, der liebenswürdigen Bratsche.

Viola d’amore! Concerti d’amore! Das Ensemble "Bell’arte Salzburg" unter der Leitung von Annegret Siedel präsentiert auf dieser CD zum einen die Ouvertüre in F-Dur und zum anderen das Concerto B-Dur von Christoph Graupner. Früher, als noch damals war, und ich noch sehr viel jünger gewesen bin, kam es vor, daß ich mein gesamtes Taschengeld für eine Langspielplatte ausgab wegen eines einzigen Titels, den ich so sehr mochte. Für diese CD "Concerti d’amore" würde ich mein Taschengeld hergeben wegen Titelnummer 14! Der erste Satz "Largo e giusto – Andante" aus dem Concerto B-Dur für Oboe, Viola d’amore, Chalumeau, Streicher und Basso continuo. Und weil dieser Satz bereits nach knapp viereinhalb Minuten zu Ende ist, für diesen Satz, wurde die Repeat-Funktion für den CD-Spieler erfunden! Tausend ClassiCüsse für einen der ewiglich lebendigen Toten: Christoph Graupner! Eine wunderbare Einspielung! Ein wunderbares "Ensemble Bell‘arte Salzburg"! Mögen Telemann und Vivaldi mir verzeihen, daß ich auf ihre Concerti in diesem Falle nicht näher einging. Danke "Berlin Classics"! Danke "Edel"!
Edel, ist die Musik... von Christoph Graupner.

...und hören Sie sich Titelnummer 14 an!

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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