26. Mai 2012 - 2:27 / Ausstellung / Archiv 
9. Februar 2012 28. Mai 2012

Edvard Munch (1863–1944) wird für seine ausdrucksstarke symbolistische Malerei gefeiert und gilt als Bahnbrecher des Expressionismus. Die in Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou in Paris entstandene Ausstellung in der Schirn bietet eine neue Sicht auf sein Schaffen: Edvard Munch war ganz und gar modern – so die These dieser rund 130 Werke umfassenden Schau. "Edvard Munch. Der moderne Blick" stellt das wenig erforschte Spätwerk bis 1944 in den Vordergrund und beweist, dass Munch nicht nur ein Künstler des 19. Jahrhunderts, sondern ebenso des 20. Jahrhunderts war.

Im Zentrum wird Munchs Auseinandersetzung mit modernen Aufnahmetechniken wie Fotografie und Film oder der intimen Theaterbühne stehen. Seine Werke lassen erkennen, in welchem Maß er spezifisch fotografische oder filmische Kompositions- und Erzählformen, Posen und selbst Effekte in seine Malerei übernimmt. In Ergänzung zu den rund 60 Gemälden und 20 Arbeiten auf Papier sind zwei Kapitel Munchs eigener fotografischer und filmischer Produktion gewidmet. Gezeigt werden 50 Fotografien in Originalabzügen sowie vier Filme Munchs. Ein weiterer Aspekt der Ausstellung führt vor Augen, wie der Künstler ein und dasselbe Sujet in Zeichnungen, in der Fotografie, der Malerei, der Grafik und sogar der Bildhauerei verarbeitet hat. Die häufige Wiederaufnahme von Motiven ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis von Munchs Werk.

Edvard Munch wurde 1863 in Løten in der norwegischen Provinz Hedmark geboren. Seine Mutter starb mit 33 Jahren an Tuberkulose, als Munch fünf Jahre alt war; 1877 wurde seine ältere Schwester Sophie Opfer der Schwindsucht. Tod und Krankheit begleiteten die Familie zeit seines Lebens und sollten Munchs Werk ebenso maßgeblich prägen wie seine chronische manisch-depressive Störung. Auf Wunsch des Vaters begann Munch 1879 ein Ingenieurstudium an einer Technischen Schule in Kristiania, dem heutigen Oslo, ein Jahr später wurde er an die Königliche Zeichenschule zugelassen. Mehrere Aufenthalte in Paris führten ab 1885 zu Munchs Bruch mit dem impressionistischen Stil.

Nach dem Tod seines Vater 1889 und einer tiefen Depression entwickelte Munch in einer Art expressivem Symbolismus Metaphern und Bildformeln für innere Erlebnisse und wurde zum Wegbereiter des Expressionismus. Munchs zunehmender künstlerischer Erfolg zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging mit ruhelosen Aufenthalten in Paris und Berlin einher und wurde zunehmend von Alkoholproblemen und psychischen Konflikten begleitet. Nach einem Nervenzusammenbruch und einer mehrmonatigen Behandlung im Spätsommer 1908 ließ sich Munch wieder fest in Norwegen nieder. 1916 erwarb Munch das Anwesen Ekely in der Nähe von Kristiania, wo er bis zu seinem Tod am 23. Januar 1944 zurückgezogen, aber überaus produktiv lebte.

Im Gegensatz zu der gängigen Einschätzung, die Munch im letzten Lebensdrittel als gequälten und isolierten Menschen sieht, zeigt die Ausstellung "Edvard Munch. Der moderne Blick" den Künstler auf der Höhe der ästhetischen Debatten seiner Zeit und demonstriert, dass er sich in seinem Schaffen beständig im Dialog mit den neuesten Darstellungsformen befand. In elf Räume und neun thematische Bereiche gegliedert illustriert eine reiche Auswahl wichtiger Gemälde und Arbeiten auf Papier, wie Munchs Kinobesuche, die Lektüre von Illustrierten und sein naturwissenschaftliches Interesse ebenso Einfluss auf seine malerische Praxis hatten wie seine eigenen Experimente mit Fotografie und Film. Ebenso führten seine Bühnenbilder für das moderne Theater zu einer neuen räumlichen Beziehung zwischen Betrachter und Bildmotiv. Weitere Markenzeichen des "späten" Munch sind die zahlreichen Wiederholungen von Sujets und die häufig damit verbundene Reduzierung auf eine prägnante Ausdrucksform.

Edvard Munch kehrte in Kopien, Neubearbeitungen und Variationen oft nach Jahren und selbst Jahrzehnten immer wieder zu bestimmten Themen zurück. Sechs Versionen von "Das kranke Kind", sieben von "Mädchen auf der Brücke" und zehn von "Vampir" offenbaren die Wiederholung als eine der wesentlichen Konstanten in Munchs Werk. Besonders obsessiv beschäftigte sich Munch mit dem Motiv einer weinenden, nackt vor einem Bett stehenden Frau. Im Zeitraum zwischen 1906 und 1930 schuf er sechs Gemälde sowie mehrere Zeichnungen, eine Fotografie, einen Druck und eine Skulptur zu diesem Thema. In dieser Art der Wiederholung über die ganze Bandbreite der Munch zur Verfügung stehenden Medien hinweg zeigt sich nicht nur eine fast manische Besessenheit von diesem Thema. Damit ist Munch auch zweifellos derjenige Künstler seiner Generation, der sich der für die Kunst des 20. Jahrhunderts grundlegenden Frage der Reproduzierbarkeit des Kunstwerks mit dem größten Scharfblick gestellt hat.

Selbstbildnisse ziehen sich wie ein roter Faden durch Edvard Munchs künstlerisches Werk. Von seinen Anfängen bis zu seinem Tod hat sich der Künstler in mehr als 70 gemalten und 20 grafischen Arbeiten sowie in über 100 Zeichnungen, Aquarellen und Skizzen intensiv mit der eigenen Person auseinandergesetzt und so eine Art visuelle Autobiografie geschaffen. Waren es im 19. Jahrhundert lediglich fünf Selbstbildnisse, stieg ihre Zahl von 1900 bis 1944 auf mehr als 40 – zahlreiche Zeichnungen, Radierungen und Fotografien nicht mitgerechnet. Von diesen schonungslosen Erforschungen des eigenen Ichs, in denen sich Munch oftmals als Leidenden und Ausgestoßenen zeigt, sind einige wichtige Werke in der Ausstellung zu sehen.

Neben Pierre Bonnard, Édouard Vuillard und Alfons Maria Mucha gehört Edvard Munch einer Künstlergeneration an, die sich zur Jahrhundertwende der Fotografie zuwandte. 1902 erwarb er in Berlin eine kleine Kodak-Kamera und begann damit, neben Aufnahmen von Gemälden und Orten, mit denen er Erinnerungen verband, auch verstärkt Selbstbildnisse zu machen. Lange Belichtungszeiten bewirkten eindrückliche Transparenzeffekte. Doch eher als mit den Malern seiner Generation lässt sich Munch mit den Schriftsteller-Fotografen dieser Epoche vergleichen. Seine Fotoarbeiten offenbaren ebenso wie diejenigen eines August Strindberg oder Émile Zola eine Obsession für das Selbstporträt, einen Willen, das eigene Leben in Bildern darzustellen. In Ekely entstanden ab 1930 weitere fotografische Porträts, für die Munch mit einer heute allgemein praktizierten Geste die Kamera wie einen Spiegel seinem Gesicht zugewandt in der ausgestreckten Hand hielt.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ging Edvard Munch regelmäßig ins Kino, um sich Wochenschauen und Spielfilme, u. a. von Charlie Chaplin, anzusehen. Auf einer Frankreichreise erwarb der Maler 1927 eine kleine Amateurfilmkamera und begann mit eigenen Studien. Die noch erhaltenen vier, insgesamt fünf Minuten und 27 Sekunden langen Filme zeugen von der Faszination, die das urbane Leben auf Munch ausübte. Die Aufnahmen zeigen Fußgänger, eine vorbeifahrende Straßenbahn, einen Leiterwagen, eine an einer Straßenecke wartende Frau. Munch nahm heimlich seine Tante und seine Schwester auf oder stellte die Kamera in seinem Atelier auf. Munchs Malerei wurde nachhaltig durch Fotografie und Film beeinflusst. Spektakuläre, dynamische Kompositionsweisen wie Menschenmassen in Bewegung, Personen oder Pferde, die direkt auf die Kamera zukommen, wurden durch die illustrierte Presse und das Kino begründet und von Munch begeistert in die Malerei überführt.

Ab den 1890er-Jahren verlieh Munch den von ihm dargestellten Szenen durch die oft frontale Anordnung der Figuren und ihre starre Haltung eine gewisse Theatralik. Unter dem Einfluss August Strindbergs, den er in den 1890er-Jahren in Berlin kennenlernte, und Max Reinhardts, für den er 1906 und 1907 Bühnenskizzen und einen dekorativen Fries schuf, verstärkte sich diese Tendenz. Strindberg und Reinhardt standen für das intime Kammerspiel, eine dramatische Form, bei der die Distanz zwischen Schauspieler und Publikum auf ein Minimum reduziert wird, um das Einfühlen zu fördern. Für sie sollte die Bühne einen Raum andeuten, von dem eine Wand entfernt worden war, um ihn für das Publikum zu öffnen. Genau diese Anordnung übernahm Munch in dem unmittelbar nach seiner Zusammenarbeit mit Reinhardt 1907 in Angriff genommenen Zyklus "Das grüne Zimmer", um den Betrachter in den Bildraum hineinzuziehen.

Im Sommer 1930 stellte sich bei Munch ein durch hohen Blutdruck verursachter Netzhautriss ein, der zu einer Blutung im rechten Auge, seinem "guten" Auge, führte. In den Wochen der Rekonvaleszenz hielt der Künstler die visuellen Eindrücke, wie er sie mit verletzter Netzhaut wahrnahm, systematisch in Bildern fest. "Ein großer dunkler Vogel bewegte sich langsam vor mir", notiert Munch am 2. Juni 1930, "ein Vogel mit dunkelbraunen Federn, von dem eine leuchtend blaue Strahlung ausging, die in Grün umschlug und sich schließlich in einen herrlichen gelben Ring verwandelte." Auf diese Weise entstand eine Reihe farbiger Aquarelle und Zeichnungen vibrierender, leuchtender konzentrischer Kreise. Indem er das, was er wahrnahm, malte, stellte Munch seinen Blick, das Sehen an sich oder, um einen Begriff zu gebrauchen, den Max Ernst zur gleichen Zeit prägte, "das Innere des Blicks" dar. Auch darin zeigt sich Munchs außergewöhnliche Modernität.

Katalog: "Edvard Munch. Der moderne Blick." Herausgegeben von Angela Lampe, Clément Chéroux und Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein und Texten von Magne Bruteig, Clément Chéroux, Arne Eggum, Mai Britt Guleng, Lasse Jacobsen, Angela Lampe, Philippe Lanthony, Pascal Rousseau, Iris Müller-Westermann, Sivert Thue, Gerd Woll und Ingebjørg Ydstie. Deutsche Ausgabe, 320 Seiten, ca. 300 Abbildungen, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7757-3282-6, Preis: EUR 34,80 (Schirn), EUR 39,80 (Buchhandel).

Edvard Munch - Der moderne Blick
9. Februar bis 28. Mai 2012

Schirn Kunsthalle
Römerberg
D - 60311 Frankfurt

T: 0049 (0)69 299882-0
F: 0049 (0)69 299882-240
E: welcome@schirn.de
W: http://www.schirn.de/

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