27. März 2009 - 3:35 / Tanz
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Es ist wie ein europäischer Traum von Brasilien. Vom ersten Trommelschlag an fühlt sich der Zuschauer hineingezogen und möchte mehr, immer mehr. Schnell, atemlos vergeht die Zeit im stampfenden Rhythmus von 28 Körpern. Die Energie, die sie entfalten, wenn alle das Gleiche tun, wird durch straff gespannte Haltung, kerzengerade gespreizte Beine, gereckte Arme noch gesteigert. Itzik Galili geht souverän mit den Kräften um, die er entfacht, splittert die Masse auf in dynamische Reihen, schiebt wechselnde Untergruppierungen ein.

In "Canela Fina" wird die Bühne des Festspielhauses mit etlichen Kilos Zimt bestückt: Der "feine Zimt", der dem Stück seinen Namen gab, geht auf eine alte brasilianische Redewendung zurück mit der man andeutet, dass etwas guten Geschmack beweist und Lebensfreude aufkommen lässt. Die pas-de-deux des jungen Choreographen Cayetano Soto erinnern an Lego-Bausteine, die auf ungewöhnliche Art und Weise zusammengefügt wurden. Die Figuren, die dabei entstehen, unterscheiden sich grundlegend von dem gewohnt Konventionellen, denn sie wirken nicht wie die Kombination von zwei Körpern, sondern wie die Artikulationen eines nicht einmal anthropomorphen Wesens.

Die Tänzer werden zu Origami-Figuren, die gefaltet werden, ohne eine gemeinsame Achse zu besitzen. Die Beziehungen zwischen Tanz und Musik folgen der gleichen Logik, Erwartungen werden in jedem Moment geweckt und getäuscht bzw. enttäuscht. Die Tonalitäten, die das Ockerfarbige des umgebenden Raumes mit den Hautfarben der Tänzer und Tänzerinnen miteinander in Einklang bringen, verdanken sich einer Beleuchtungsgestaltung, die es fertig bringt, die Szene gerade im richtigen Maß auszuschmücken. So explosiv kann Tanz sein! Die pure rhythmische Energie der größten Balletttruppe Südamerikas macht den Zuschauern das Stillhalten auf den Sitzen zu einem Kraftakt des Willens. Das Ensemble sprüht förmlich vor Energie und Erotik, Lebenslust und Leidenschaft. Es glänzt mit Technik, Temperament und einer Tanzsprache, die überraschende, aufregende und neue Bewegungsabläufe stilsicher mit klassischen Elementen kombiniert.

Als die Tanzkompanie Balé da Cidade de São Paulo 1968 gegründet wurde, ging es in erster Linie darum, den Notwendigkeiten eines Schauspielhauses der größten Metropole Lateinamerikas gerecht zu werden. 1974 trieb Antonio Carlos Cardoso dann eine neue Entwicklung voran, auf der Suche nach Tänzern, die seine modernen und innovativen Ideen umsetzen konnten. Aus dieser Zeit stammt sowohl der Name der Gruppe als auch der außergewöhnliche Status. Bis heute ist das Balé da Cidade eine unabhängige Kompanie innerhalb der offiziellen Struktur des Theaters.

In den 1980er Jahren prägten zahlreiche Choreographen, Regisseure, Bühnenbildner, Maler und Musiker den Stil der Kompanie, und immer mehr entwickelte sich eine eigene Sprache und eine eigene Ästhetik auf der Basis von modernen Tanztechniken. Das brasilianische Selbstverständnis bescherte den Tänzern innerhalb der universellen Sprache des zeitgenössischen Tanzes sowohl technische als auch interpretatorische Vielfalt, was zur Folge hatte, dass sämtliche Stilrichtungen in das Repertoire einflossen, vom Neoklassischen bis hin zum Tanztheater. Die Arbeit, die sich auf diese Art und Weise entwickelt hat, traf auf regen Widerhall bei Publikum und Kritik und wurde mit Preisen in allen denkbaren Kategorien ausgezeichnet. Neben diversen Choreographien wurden technische Perfektion und künstlerischer Ausdruck der Tänzer besonders gelobt.


Balé da Cidade de São Paulo
Dicotomia / Canela Fina / A Linha Curva
Sa 28. März 2009, 20.00 Uhr

Festspiel- und Kongresshaus
Platz der Wiener Symphoniker 1
A 6900 Bregenz



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(c) Silvia Machado
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