19. Februar 2020 - 6:35 / Ausstellung / Malerei / Geschichte 
20. Februar 2020 7. Juni 2020

Zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert war die indische Malerei eine elitäre Kunst, die für die Höfe und die aristokratischen Kreise gemacht wurde. Dementsprechend war die Darstellung der Fürsten und Kaiser, den Hauptauftraggebern der Maler, zentral. Diese wurden in aller höfischen Pracht und Macht bei der Ausübung ihrer Pflichten gezeigt, aber oft auch auf Einzelporträts, versehen mit Attributen und Accessoires, die auf ihren Status hinweisen oder ihre Persönlichkeit auszeichnen.

Bei der Darstellung der Herrscher spielt die Realitätsnähe eine sekundäre Rolle; die Malereien dienten hauptsächlich der Selbstinszenierung. Obwohl manche Herrscher an gewissen Merkmalen und Gesichtszügen erkennbar sind, steht die Inszenierung der Macht im Mittelpunkt.

Die Ausstellung nimmt sechs unterschiedliche Bereiche der höfischen Ikonografie unter die Lupe. Mit einer Auswahl von rund 60 qualitativ herausragenden Bildern aus der eigenen Sammlung des Museums ermöglicht diese Ausstellung einen Einblick in das luxuriöse Leben der Fürsten – und der Hofdamen – Indiens, vom kaiserlichen Mogulhof bis zu den kleineren Fürstenhöfen des indischen Subkontinents.

Die Miniaturen wurden von Malerwerkstätten für den kaiserlichen Mogulhof und für die zahlreichen fürstlichen Höfe gemalt. Die Bilder, in Form von Alben, Bildserien oder Einzelblättern, wurden gezielt für fürstliche und kaiserliche Auftraggeber bzw. Kunden konzipiert. Neben Sujets aus den vielen Legenden, religiösen Erzählungen und historischen Überlieferungen Indiens war daher das Leben am Hof ein sehr zentrales Bildthema. Das Leben des Volkes in den Dörfern interessierte dagegen nur am Rande.

Doch nicht nur die Herrscher und ihre Funktion waren Themen der Malerei, sondern auch das Leben am Hof; religiöse Anlässe, Zeremonien, Zeitvertreib – alle Aspekte des Lebens eines Fürsten wurden auf Papier festgehalten. Das nachzuahmende Vorbild war zunächst der Mogulhof. In der Folge wurde die Ikonografie von den kleineren hinduistischen Fürstentümern übernommen und weiterverarbeitet, oder dem lokalen Malstil angepasst.

Auf Einzelbildern oder in Serien entfaltet sich das bewusst inszenierte Panorama des alltäglichen Lebens der Fürsten und ihres Gefolges. Je nach Epoche und Region unterscheiden sich die Merkmale und die Art der Darstellung. Gewisse Machtsymbole, wie Waffen, Pferde, Elefanten oder Greifvögel, und einige Topoi, wie Szenen in den Frauengemächern, Falkenjagd oder Lustgärten, scheinen jedoch zu jeder Epoche und in allen Regionen beliebte Konventionen der Repräsentation des höfischen Lebens gewesen zu sein.

Das Leben als Fürst: Herrschaft, Musik, Kunst, Jagd, Religion und Feste

Ausser auf Einzelporträts wurden die Fürsten in Ausübung ihrer Funktion dargestellt; dabei wird ihre höhere Stellung gegenüber ihrer Entourage durch die Haltung der Höflinge, die Bekleidung der Figuren und die Bildkomposition vermittelt. Das minutiös gemalte Gefolge wird dadurch zum Mittel, die Person des Herrschers und seine Macht noch deutlicher hervorzuheben. Beliebte Motive waren auch die besonderen Pflichten und wichtigen Funktionen des Herrschers wie Empfänge, Audienzen (Darbars), Gespräche mit anderen Fürsten oder Untertanen und weitere höfische Anlässe. In diesen Szenen sind die unterschiedlichen Phasen und Gepflogenheiten des Hofprotokolls zu erkennen, sowohl in den Details der Kleidung und der Ornamente, die die Figuren tragen, als auch in ihren Gesten, wie zum Beispiel in der Überreichung von Betelnuss an einem Gast.

Die Fürsten wurden als Kunstliebhaber und Ästheten geschildert: Sie sind umgeben von schönen Frauen und vergnügen sich in den luxuriös gestalteten Palasträumlichkeiten, Sommerpavillons oder Lustgärten. Solche Darstellungen trugen zum Bild eines sowohl mächtigen wie auch kultivierten Fürsten bei, der kunst- und literaturkundig war – und manchmal selber dichtete. Kenntnisse in Kunst, Tanz und Musik gehörten zum Status, ja geradezu zu den Pflichten, eines Herrschers. Zahlreiche Fürsten waren grosszügige Mäzene, wie zum Beispiel die Mogulkaiser Akbar (1542–1605), Jahangir (1569–1627) und Shahjahan (1592–1666), aber auch die Prinzen von kleineren Fürstentümern, wie etwa Sansar Chand von Kangra (ca.1765–1823).

Neben dem Umgang mit den bildenden Künsten und einem feinsinnigen Lebensstil, gehörten zur Ausbildung eines Herrschers aber auch die Jagd und Kenntnisse in den Kampfkünsten – beide waren Teil des höfischen Lebens. Mit Jagdszenen wurde das Geschick und die Kraft der Herrscher inszeniert; andererseits ermöglichten sie den Malern, schöne Landschaften und Tiere in sehr naturalistischen Details darzustellen. Die Jagd war keineswegs nur eine männliche Domäne: Auch Hofdamen nahmen an den Expeditionen teil.

Herrscher und Fürsten waren nicht nur Kunstmäzene, sondern auch häufig Förderer und Anhänger bestimmter religiöser Traditionen. Bereits in ihrer Kindheit wurden sie von Gelehrten und spirituellen Lehrern unterrichtet und oftmals in religiösen und philosophischen Fragen unterwiesen. Religiöse Feste und Handlungen waren Teil des alltäglichen Lebens am Hof. Insbesondere hinduistische Fürsten liessen sich gerne als Verehrer einer Gottheit oder gar als vorbildliche Gläubige darstellen. Diese Bilder geben nicht nur die religiöse Haltung und die Hingabe der Fürsten wieder, sondern dienen zudem der Rechtfertigung und Befestigung ihrer Macht. In gewissen Fällen illustrieren sie den Willen des Herrschers, die Merkmale einer Gottheit oder eines Kults auf seine Person zu übertragen.

Neben religiösen Handlungen und kleinen Zeremonien wurden auch die grossen Feste wie Holi, das "Fest der Farben", wiedergegeben. Die Darstellung solcher Anlässe erlaubte den Malern, die ganze Pracht und den Reichtum eines Hofs zu zelebrieren. Auch die persönlicheren wichtigen Feiern im Leben eines Herrschers, wie Hochzeiten und Hochzeitsprozessionen, waren wichtige, prunkvolle Motive im Repertoire der Hofmaler.

Das Leben der Hofdamen. Heldinnen und Geliebten.

Bei der Darstellung der Königinnen und Hofdamen spielte die Inszenierung von Status und Macht meistens eine untergeordnete Rolle. Obwohl viele Prinzessinnen, Fürstgemahlinnen und sogar Konkubinen politisch einflussreich waren, wurden die Frauen der Fürstenentourage hauptsächlich bei der Ausführung alltäglicher Handlungen und Aktivitäten geschildert. Auch ihre Gesichtszüge sind stilisiert und lassen keine individuelle Persönlichkeit erkennen.

Die Miniaturen illustrieren die Aufgaben und das alltägliche Leben der Hofdamen; vermutlich liess es die künstlerische Freiheit der Maler zu, dass auch Gefühle und Emotionen dabei zum Ausdruck kamen. So wurden neben Porträts und Szenen von Empfängen auch die persönlichen Dramen und Liebesgeschichten in den Frauengemächern angedeutet. Musizieren, Bilder anschauen, lesen, sich in den Palastgärten vergnügen, der Umgang mit Kindern… diese alltäglichen Tätigkeiten der Frauen waren beliebte Malsujets. Oftmals waren die Hofdamen, neben den Fürsten, wichtige Kunstmäzeninnen – einige sind auch als begabte Musikerinnen und Dichterinnen in Erinnerung geblieben.

Die Welt der Frauen, selbst innerhalb ihrer Gemächer, ist vielfältig und nicht nur auf die Männerwelt ausgerichtet. Neben den typischen Szenen von Fürsten im Frauengemach, stellten die Maler häufig Frauengruppen in lebendiger Unterhaltung dar. Dadurch wird ein Einblick in einen der Aussenwelt unzugänglichen Bereich gewährt.

Die Liebessehnsucht war ein zentrales Thema bei der malerischen Schilderung der Frauenwelt. Die Miniaturen lehnen sich dabei stark an die höfische Literatur an. Diese Serien spielen häufig mit den beliebten Topoi der Sehnsucht und der Trennung oder Wiedervereinigung eines Liebespaares, die in der Hofdichtung und der höfischen Literatur omnipräsent sind. Bei diesen Bildserien wurden durch Farbwahl, Details der Inszenierung und Gesichtsausdrücke Stimmungen und Gefühle hervorgebracht.

Häufig anzutreffen sind ebenso Szenen aus dem Leben mythologischer Heldinnen und legendärer Gefährtinnen von Fürsten. Die Porträts anonymer oder fürstlicher Paare enthalten oft Anspielungen auf legendäre Heldinnen und Helden. Wie romantisiert oder fantasiert diese Schilderungen sind, bleibt jedoch eine offene Frage.

Ein Leben als Fürst
20. Februar bis 7. Juni 2020

Museum Rietberg
Gablerstrasse 15
CH - 8002 Zürich

T: 0041 (0)44 415 31 31
F: 0041 (0)44 415 31 32
E: museum.rietberg@zuerich.ch
W: http://www.rietberg.ch/

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