29. März 2008 - 1:32 / Bühne / Musiktheater 

Am 25. Mai 1916, noch mitten in der Arbeit an "Die Frau ohne Schatten", brachte Richard Strauss gegenüber Hugo von Hofmannsthal das Projekt einer neuen Oper zur Sprache. Eine "ganz moderne, absolut realistische Charakter- und Nervenkomödie" sollte es diesmal werden, denn Strauss war der entrückten Märchen- und Mythenstoffe müde. Hofmannsthal lehnte es aber ab, das Libretto zu schreiben und schlug den österreichischen Schriftsteller Hermann Bahr als Ersatz vor, einen Strauss-Verehrer, der diesem einst das Theaterstück "Das Konzert" gewidmet hatte und auch persönlich mit ihm bekannt war.

Hofmannsthal setzte Bahr von den Absichten des Komponisten ins Bild, allerdings so, dass Bahr vermuten musste, man erwarte von ihm "ein Szenarium oder einen Stoff". Den aber hatte Strauss zu diesem Zeitpunkt längst parat: Eine prickelnde Anekdote aus seinem eigenen Leben, die sich 1902 in Berlin zugetragen hatte. Seine Gattin Pauline Strauss hatte damals ein an den "Kapellmeister Strauss" gerichtetes Billett geöffnet, in dem eine gewisse Mitze Mücke ihn in vertraulichem Ton um Opernbillette anging und ein Rendezvous andeutete.

Bahr arbeitete einen Entwurf in zwei Akten aus und sandte ihn an Strauss, der zwar manches auszusetzen fand, zunächst aber an der Zusammenarbeit mit Bahr festhielt. Man traf und besprach sich. Allmählich kristallisierte sich heraus, was Strauss eigentlich von Bahr erwartete: "Fast nur Kinobilder, in denen die Musik alles sagt, der Dichter nur ein paar allmählich vorwärtsschreitende Schlagworte". Bahr hielt diesen Zumutungen noch einige Zeit stand, dann kapitulierte er so höflich wie möglich vor Strauss’ Forderung, Privates und nichts als Privates gestalten zu sollen.

Strauss nahm also, wie einst bei seinem Bühnenerstling "Guntram", die Textarbeit auf sich: der Komponist verwandelte sich selbst in Robert Storch, dessen Ehefrau erhielt den Namen Christine. Bei der Dresdner Uraufführung vom 4. November 1924 trieb man die Lust an der Travestie und das Doppelspiel historischer Treue so weit, dass man als Bühnenbild die Strauss-Villa in Garmisch kopierte und dem Kapellmeister Storch erst noch eine lebensechte Strauss-Maske überzog.

Das Werk wurde mit Neugier, Wohlwollen und einigem Staunen aufgenommen: Man durfte glauben, einen Schlüssellochblick in die Eherealitäten eines der berühmtesten Musikers der Zeit getan zu haben. Was man von Pauline Strauss (die angeblich nichtsahnend im Premierenpublikum sass) zu sehen und hören bekam, deckte sich schlagend mit deren bedenklichem Ruf als zänkische Xanthippe, und so mochte wohl auch das bourgeoise Selbstporträt des Kapellmeisters mehr oder weniger nach der Natur gezeichnet sein. Allerdings wurden auch kritische Stimmen laut.

Der Reiz der Neuheit und des Skandälchens verlor sich bald. Strauss selbst meinte, über der "Pikanterie sei die richtige Einschätzung des Werks zu Schaden gekommen" und sah ein, die Sache "mit zu grossem Nachdruck als Schilderung einer eigenen Lebensepisode" gestaltet zu haben. Die kompositorischen Ambitionen waren in autobiographischem Augenzwinkern untergegangen, das der Rezeption der Oper zwar kurzfristig auf den Weg half, sie aber bald hemmte.

"Intermezzo" wird gern als Werk der Krise gesehen: Zunächst der historischen Krise unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg; dann der schon damals vielzitierten "Opernkrise", die mit dem Siegeszug des Films zu tun hatte. Aber auch Strauss selbst steckte in einer Krisis im echten Wortsinn: in einer Periode der Entscheidung. Sein sechzigster Geburtstag brachte ihm 1924 weltweit Ehrungen ein, daneben aber wurde er von der Avantgarde unermüdlich als Gestriger und Rückständiger einer Vergangenheitszugehörigkeit bezichtigt, die endlich überwunden werden wollte.

Peter Schneider hat viele Strauss-Opern dirigiert, die meisten davon mehrfach; aber als Spezialist für das deutsche Fach ist er nicht geboren, er ist es "geworden", wie er betont: Im Zusammenhang mit seinen Bayreuther Dirigaten etwa, aber auch unter dem steigenden Spezialisierungsdruck, der heute üblich ist – wobei solche Spezialisierung nicht nur Vorteile hat. Immerhin bedeutet die zunehmende Beschränkung im Falle von Wagner und Strauss natürlich keine Verarmung: Zu hochrangig und unerschöpflich sind deren Werke. Schneider begrüsst die in Vorgesprächen mit Jens-Daniel Herzog getroffene Entscheidung, den biographischen Hintergrund der Oper im Halbschatten zu lassen – zugunsten ihrer allgemein-menschlichen Dimension, die allein eine Zukunft haben kann.

Regisseur Jens-Daniel Herzog und Ausstatter Mathis Neidhardt wollen in ihrer "Intermezzo"-Inszenierung nicht in der (Pseudo-) Autobiographie stecken bleiben, sondern den Blick öffnen auf das, was das Stück an Überpersönlichem enthält und die Spuren lesen, die auf geradezu antikisches Format weisen. Nicht umsonst heisst Christine in der Partitur bisweilen einfach "Die Frau", der Kapellmeister "Der Mann". Das Schwergewicht der Inszenierung liegt bei Christine, deren private Tragödie innerhalb einer nur allzu öffentlichen "bürgerlichen Komödie" Konturen erhalten soll. Das Bühnenbild ist eine Umsetzung der Unentrinnbarkeit, in der Christine steckt: ihre geordnete Welt fällt auseinander, ohne dass eigentlich viel "passiert".


Intermezzo von Richard Strauss
Premiere: So 9. März 2008

Weitere Vorstellungen:
11.03.2008, 19.00 Uhr
13.03.2008, 19.30 Uhr
16.03.2008, 20.00 Uhr
28.03.2008, 19.30 Uhr
30.03.2008, 20.00 Uhr
02.04.2008, 19.30 Uhr

Opernhaus Zürich
Falkenstrasse 1
CH - 8008 Zürich

T: 0041 (0)44 26864-00
F: 0041 (0)44 26864-01
E: info@opernhaus.ch
W: http://www.opernhaus.ch/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  9. März 2008 2. April 2008 /
3518-351801.jpg
© Suzanne Schwiertz
3518-351802.jpg
© Suzanne Schwiertz
3518-351803.jpg
© Suzanne Schwiertz
3518-351804.jpg
© Suzanne Schwiertz
3518-351805.jpg
© Suzanne Schwiertz