25. Mai 2012 - 3:30 / Film 

Das Festival befindet sich auf der Zielgeraden zur Verleihung der begehrten Goldenen Palme – im Wettbewerb haben nun auch Ken Loach, Leos Carax und Walter Salles ihre neusten Werke enthüllt. Doris Senn berichtet aus Cannes.

Unter die potenziellen Anwärtern für die Goldene Palme reiht sich neu auch Ken Loach ein, der mit seinem langjährigen Drehbuchautoren Paul Laverty eine unverhofft leichtfüßige Komödie realisierte. "The Angel"s Spare" (zu Deutsch "der Anteil des Engels" – ein Ausdruck aus dem Whisky-Jargon, der denjenigen Teil der kostbaren Flüssigkeit bezeichnet, der während der langen Lagerung unweigerlich verdunstet) erzählt eine gewohnt engagierte Geschichte aus dem "Lumpenproletariat" Glasgows.

Eine Gruppe Kleinkrimineller bekommt vom Richter im Schnellverfahren eine letzte Chance und wird statt zu Gefängnis zu soundsoviel Arbeitsstunden im Dienste der Allgemeinheit verurteilt: Das sind Robbie, der immer mal wieder zu Gewaltdelikten neigt und bald Vater wird (der erstmals vor der Kamera stehende Paul Brannigan blickt in der Realität auf ein seiner Figur sehr ähnliches Leben zurück), Albert (gespielt von Gary Maitland, der im wirklichen Leben bei der städtischen Müllabfuhr arbeitet), die junge Jasmin Riggins, welche die Taschendiebin Mo spielt, und der kahlköpfige Rhino (William Ruane, der schon mehrmals in Loachs Filmen zu sehen war).

Harry, ihr Betreuer, hat insbesondere Robbie ins Herz geschlossen und weiht ihn in seine Leidenschaft für den Whisky ein – was sich als wegweisend für Robbie und seine Kumpels erweisen wird. Eine Degustationsreise nach Edinburgh schweißt das Grüppchen zusammen und bereitet sie für den großen Coup vor. Loach zeichnet damit ein vom Timing her gelungenes und witziges Filmmärchen.

Der definitiv schrägste Film des Wettbewerbs ist Leos Carax" "Holy Motors". In einer Traumrolle für wohl jeden Schauspieler verwandelt sich Denis Lavant (der seine erste Filmrolle 1984 im zweiten Kurzfilm von Carax hatte und zu dessen Fetischdarsteller wurde) im Lauf eines Tages und der Dauer des Films im Fond einer Luxus-Stretchlimousine in ein vielfältiges Ich: Monsieur Oscar (ein Teil des Pseudonyms des Filmemachers Leos Carax!) wird vom "Banker" zur bettelnden Alten auf den Brücken von Paris. Er wird zur kopulierenden Cyberfigur – zum "Monsieur Merde", der aus den Kloaken von Paris aufsteigt, um die schöne Eva Mendes, die als Model posiert, zu entführen, und er trifft schließlich als unglücklich Liebender auf Kylie Minogue, die sich nach einer Song-Einlage vom Dach stürzt.

Der 52-jährige französische Regisseur Leos Carax machte vor 20 Jahren Furore mit "Les amants du Pont Neuf". Sein neustes Werk, in dem Carax zu Beginn selbst einen kurzen Auftritt hat als "Träumer", der im Pyjama durch ein Kino voller Zuschauerfantome (schlaf)wandelt, hat mit seinen eindringlichen und bizarren (Alptraum-)Bildern, mit denen er eine ganze Reihe von Geschichten und Sketchs erzählt rund um Ich und Identität, vom Liebesdrama zum politischen Statement, vom Videoclip zum halluzinogenen Bildtrip, wohl nicht die besten Voraussetzungen für die Palme, aber definitiv das Zeug zum Kultfilm!

Einer der am heißesten erwarteten Film in der Cannes-Auswahl war die Verfilmung von Jack Kerouacs Roman "On the Road". Der 56-jährige brasilianische Regisseur Walter Salles (1998 für "Central Station" in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet) empfahl sich mit seinem 2004 im offiziellen Wettbewerb von Cannes laufenden "Diarios de motocicleta" – über die Reise des jungen Che Guevera durch den lateinamerikanischen Kontinent – für die Verfilmung desjenigen Buchs, das sich als Porträt der Beat-Generation versteht und das die Jugend für Jahrzehnte prägte.

Rund acht Jahre dauerte es – eine lange, von vielen Ups and Downs geprägte und 25 Millionen Dollar schwere Produktion –, bis der Film fertig gestellt wurde. Salles liefert mit seiner Filminterpretation des Kultbuchs einnehmendes großes Erzählkino über die wegweisenden Protagonisten jener Zeit: Freundschaft, Liebe, Sex, Drogen, die fiebrige Suche nach neuen Erfahrungen, das Unterwegssein, das Durchbrechen bourgeoiser Lebensmodelle – all das nahm die Beat-Generation den späten 68ern voraus beziehungsweise bahnte sie für sie vor.

Die Schnittstellen zur Musik (dem Jazz/Bebop und ihrem für die Sprachkreationen der Beatniks wegweisenden Rhythmus) und zur Literatur stehen dabei eher am Rand. Im Zentrum dafür der – wie im Buch – vorwiegend von drei Männern dominierte Kosmos (während die Frauen erst willige, dann eifersüchtige Geliebte sind, später den Boden schrubben und sich dann um die Babys kümmern).

In Paraderollen: Garrett Hedlund als der sexbesessene Dean Moriarty, Tom Sturridge als ätherischer Poet Allen Ginzburg und Sam Riley als zurückhaltender Sal alias Jack Kerouac. Kristen Stewart ist bravourös als Deans Geliebte MarieLou und liefert damit den Befreiungsschlag aus ihrer "Twilight"-Rolle, während John Waters einen augenzwinkernden Auftritt in einer Nebenrolle hat, in der er für ein paar Dollar schnellen Sex mit Moriarty bekommt.

In der Wettbewerbsauswahl definitiv durchgefallen ist "Killing Them Softly" von Andrew Dominik mit Brad Pitt (der den Film auch produziert hat) in der Hauptrolle als smarter Ganove. Der Regisseur realisierte sein Gangstermovie mit der Absicht, jenseits vom Glamour den langweiligen und hässlichen Kosmos der Gangsterwelt darzustellen. – Nun, das ist ihm gelungen! Ein vor sich hin plätschernder Plot um kleine Gangster und Auftragskiller mit langfädigen Dialogen ist – kaum geht das Licht im Kinosaal an – auch schon wieder vergessen.

Ebenso misslungen: der ambitiöse neue Film von Lee Daniels ("Precious"). Ein verschachteltes Justiz-und-Reportage-Drama um den Mord an einem despotischen Sheriff in den 1960ern, vor dem Hintergrund der Unterschiede von Schwarz/Weiss und zwei Brüdern, die in der Zeitung ihres Vaters arbeiten und den mutmaßlich zu Unrecht eingekerkerten Mörder freiboxen wollen. Das Ganze konstruiert sich um Nicole Kidman, die als blondes Flittchen alle Register zieht. Doch eigentlich ist man im Film vor allem darauf fixiert, was die Schönheitsoperationen aus ihren Lippen und ihrem Gesicht gemacht haben…

Am Wochenende gibt Cannes die Sieger bekannt. Für die französischen Kritiker liegen die besten Karten im Wettbewerb vor allem bei den einheimischen (Ko-)Produktionen: bei dem von den französischen Altstars Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva dominierten "Amour" von Michael Haneke, beim unsäglichen Überdrama "De rouille et d"os" mit Marion Cotillard, bei Carax" skurrilem Kultstreifen "Holy Motors" sowie bei Resnais" Schauspielervehikel "Vous avez encore rien vu". Doris Senn



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