verfasst von Haimo L. Handl / 15. April 2012 - 6:58 / Wort zum Sonntag
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Transparenz wirkt gegenwärtig wie ein Zauberwort. Doch hinter seiner Magie lauert auch eine Anmaßung, ein Anschlag, ein Angriff und Übergriff. Maßlose Transparenz unterminiert nicht nur die Privatsphäre, eine Grundbedingung für Würde, sondern beschädigt auch die Gemeinschaft oder Gesellschaft. Die wohlüberlegte Dosierung macht es aus, doch die wird, bedingt durch instrumentalisierte Kurzsichtigkeit, missachtet.

Die Menschenrechte und das damit verbundene Menschenbild sind ein relativ junges Produkt der bürgerlichen Gesellschaft; ihre Installation war blutig und schrecklich. Es scheint, dass sie friedlich nicht erreichbar waren. Doch sollte das kein Freipass sein für selbstgerechte Kampfprogramme. Aus der Geschichte müssen wir erbittert viele Belege zur Kenntnis nehmen, dass Zwangsbeglückungen oder Politiken des Tugendterrors dennoch Terror blieben und just das vernichteten, wofür sie ausgaben zu kämpfen.

So, wie man nicht Liebe jemanden einprügeln kann, wird auch kriegerisch oder mit Polizeigewalt kein echter Friede hergestellt. Höchstens jene verdächtige Ruhe der Befriedung durch Gewalt und Macht.

Dass der Einzelne, als Gleicher unter Gleichen seine unbedingten Rechte als Menschenrechte habe, ist nur garantiert, wenn eine "Mindestschutzzone" allgemein anerkannt ist. Nur sie gewährt den "Freiraum", den jede freie Person braucht, um frei sein zu können (dürfen): dass man ihr nicht "zu nahe trete". Im Physischen liegt dies klar zutage: Wir gewähren die intimste Nähe nur Auserwählten. Wird sie frech genommen, mit Gewalt, sprechen wir von Vergewaltigung. Im Psychischen verhält es sich ähnlich, wiewohl das Verständnis für die nötige Sozialdistanz oft fehlt. Je verrohter eine Gesellschaft ist, desto üblicher und leichter werden Sozialdistanzen verkürzt, bis der Druck durch die erzwungene Nähe zur Gewalt wird, die Person ihren Status als Persönlichkeit einbüßt. Das muss nicht erst durch Folter geschehen, es reichen schon weniger brutale Annäherungen bzw. Angriffe und Übergriffe.

Die Privatsphäre, die Unversehrtheit garantieren soll, wird besonders im Psychischen immer leichter und schneller verletzt. Aber auch im "Geistigen". Wird das Private missachtet, abgewertet oder als Unnötig abgetan, gibt es keine Verborgenheit mehr, keine Geheimnisse, kein "Eigenes". Das Kollektiv, ganz gleich wie es durch wen auftritt, maßt sich an, "aufzudecken", überzugreifen, zu "verwalten", das heißt, Kenntnis zu nehmen, zu kontrollieren, zu bestimmen.

War es früher ein allgegenwärtiger, allwissender Gott, vor dem sich der Mensch nicht verstecken konnte (das Vorbild für den Großen Bruder, der alle und alles "im Blick" hat), der als Schreckgespenst die Menschen unter immensen Strafandrohungen nieder hielt, waren es im Zuge der Modernisierung die Potentaten, die absoluten Herrscher mit ihren Häschern, folgten später die Führer und ihre Parteien, die "Die Wahrheit" vertraten und jeden "einverleibten", das heißt, ihm die Eigenständigkeit nahmen. Wer sich nicht auslieferte als Untertan, wurde gebrochen bzw. vernichtet, vertilgt. Im Zuge der Allgewalt wurden aber auch sich willig Untergebende getötet.

Zur Privatsphäre gehörten mit der Achtung der körperlichen Unversehrtheit und des Mindestfreiraums auch die Rechte auf Schutz der persönlichen Kommunikation und des privaten Verkehrs. Das Briefgeheimnis rührt von dort her.

Heute wird in Europa, aber auch den USA, von den anderen Ländern ganz zu schweigen, das Private derart missachtet, dass fast niemand mehr den systematischen Abbau der Menschenrechte beklagt, der durch die Aufweichung der Privatrechte einhergeht: Der Staat respektiert keine persönliche Kommunikation mehr, ebenso nicht den privaten Verkehr. Alles wird erfasst, gespeichert, ausgewertet. Zwar folgt die politische Rhetorik noch alten Vorgaben, zwar wird von Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten geredet, aber die Praxis ist eine andere: Die Missachtung und Vergewaltigung erfolgt rechtsstaatlich.

Im Namen der Transparenz wird eine freche Forderung der Öffentlichkeit als ultima ratio praktiziert: Es darf keine Geheimnisse mehr geben, alles muss öffentlich werden. Wer sich weigert, wer auf Respekt seiner Privatsphäre pocht, hat etwas zu verstecken, ist ein Verdächtiger bzw. ein Feind. Ein Unmensch. Dieser Logik nach wird bald das geheime Wahlrecht abgeschafft werden. Denn ein ordentlicher Mensch hat nichts zu verbergen! Weshalb dann also geheim wählen? Weshalb soll die private Korrespondenz geschützt sein, das private Gespräch? Nur Konspiranten oder Verbrecher wollen derart geschützt sein, brave Bürger öffnen sich freiwillig.

Übrigens hat diese Anmaßung auch zu wirtschaftlichen Raubzügen geführt. Die Missachtung des copy rights entspricht der Missachtung der persönlichen Rechte, der persönlichen Leistung. Im Namen einer diffusen Öffentlichkeit wird der Kollektivwille reklamiert: Wir wollen alles jetzt! Hinweg mit dem Privateigentum, hinweg mit den Geheimnissen. Keine Verborgenheiten, keine Verstecke, Kollektivierung! Dass diese Piraterien heute vielen als Alternative erscheinen, belegt den Niedergang unseres Wertesystems.

Wir streiten um einen Datenschutz. Aber das Problem liegt tiefer. Es liegt in dem völligen Missverständnis der Bedeutung von Privatheit und Würde. Und den damit bedingten Freiräumen. Im Namen eines fadenscheinigen Sicherheitsdenkens einerseits, einer bösen Kollektivierungsgleichmacherei andererseits, werden die Persönlichkeitsrechte weggerafft, bis der verwaltete Mensch wieder so transparent ist, dass er würdelos als Teilchen sein verordnetes Leben fristet. Big Brother has won.