1. November 2012 - 7:27 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Mit "Drive" feierte Nicolas Winding Refn einen internationalen Erfolg. Sein Können bewies der Däne aber schon 2003 mit einem leisen, aber atmosphärisch dichten Thriller über einen Mann, der obsessiv den Mörder seiner Frau sucht. - Bei Sunfilm ist Refns erster englischsprachiger Film auf DVD und BluRay erschienen.

Langsam wird ein Vorhang auseinander geschoben und durch ein Fenster öffent sich der Blick auf einen Garten. Eine Frau entfernt sich bei Schneefall in Richtung Nachbarhaus. Ein Gegenschuss zeigt den ihr nachschauenden Mann. Getrennt werden so durch die Montage Mann und Frau, andererseits wird der Zuschauer aber auch schon auf die Perspektive des Mannes eingeschworen.

Nur ein Traum war diese Szene, gleich darauf erwacht Harry Caine (John Turturro), doch die im Traum angedeutete Trennung bestimmt den ganzen Film. Denn Harrys Frau wurde in der Tiefgarage des Einkaufszentrums, in dem er als Security arbeitet, erschossen. Nun sucht er fieberhaft den Mörder und den Grund für die Tat. Wenn die Kamera langsam von einem Foto zurückfährt, weitet sich sukzessive der Blick auf eine Wand, die voll mit Schlagzeilen von Morden und Fotos ist. - Vom ersten Bild an spürt man Refns Stilwillen und sein Gespür für Bildgestaltung.

Obsessiv prüft Harry die Fotos, studiert die Überwachungsvideos, die er von einem Kollegen erhält, versucht Details auf den verschwommenen Aufnahmen zu entdecken. An Michelangelo Antonionis "Blow Up" lassen diese Szenen ebenso denken wie die Fotowand und die Obsessivität an Mark Romaneks "One Hour Photo".

Und immer wieder erscheint ihm seine Frau, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Phantasie. Zunehmend surreal wird "Fear X", wenn Harry glaubt einen Hinweis gefunden zu haben und aus Wisconsin in eine Kleinstadt in Montana reist. Plötzlich wechselt hier die Erzählperspektive, rückt ein örtlicher Polizist (James Remar) in den Mittelpunkt, der von schweren Schuldgefühlen geplagt wird. - Doch was ist hier Realität, was Imagination?

Ganz leise kommt dieser Thriller daher, lebt von der ebenso konzentrierten wie kontrollierten Inszenierung und vom meisterhaft zurückhaltenden Spiel John Turturros. Die kalte Winterstimmung – gedreht wurde in Kanada und in Dänemark - spiegelt die innere Erstarrung dieses einfachen Mannes, in dunkelrot getauchte lange Hotelflure – Kubricks "Shining" lässt grüßen - , Kamerablicke auf Caines Hinterkopf, die ins Schwarz übergehen oder ein albtraumhaftes Bild von einer blutroten Fratze sorgen immer wieder für Irritationen und erhöhen, unterstützt von der gedämpft-zurückhaltenden Musik von Brian Eno, Spannung und Verunsicherung.

Im Stil der Filme von David Lynch bewegt sich "Fear X" vom ganz Alltäglichen und Realistischen ins zunehmend Abgründige. Dramaturgisch passt im zweiten Teil Einiges nicht mehr zusammen, werden Fährten gelegt und dann wieder fallen gelassen, doch dies kann man auch mit dem Abtauchen ins Surreale erklären. Denn im Gegensatz zu anderen Thrillern klären sich hier die Dinge nicht, sondern stehen am Ende mehr Irritationen als am Anfang.

An Extras enthält die DVD einen nicht untertitelten, aber leicht verständlichen englischen Audiokommentar von Refn, der weniger kommentierend den Film begleitet als vielmehr ein interessantes Interview mit dem britischen Journalisten Alan Jones ist. Dabei unterhalten sich Jones und Refn unter anderem über die Entstehung des Films, über Vorbilder und Parallelen, den Filmtitel oder über die Wahl der Schauspieler. Dazu kommt ein informatives 25-minütiges Making of, das unter anderem Interviews mit Refn, Turturro, Remar, Selby und Kameramann Larry Smith enthält.

Trailer zu "Fear X"



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