11. April 2020 - 12:05 / Ausstellung / Online 

Das Mit "Finding Van Gogh" präsentiert das Städel Museum seinen ersten Podcast. In fünf Folgen erzählt die Serie vielstimmig die bewegte Geschichte des legendären Gemäldes "Bildnis des Dr. Gachet" (1890), des letzten großen Porträts von Vincent van Gogh. Im Podcast trifft der Journalist Johannes Nichelmann auf Zeitzeugen, Experten und Van-Gogh-Begeisterte in Deutschland, Frankreich, London, New York und der Schweiz. Sie erzählen von der Entstehung des Gemäldes, von seiner Geschichte im Nationalsozialismus und geben aus erster Hand Einblicke in die Mechanismen des heutigen Kunstmarkts.

Nicht zuletzt geht es in "Finding Van Gogh um die Frage: Wie werden ein Kunstwerk und sein Künstler zum Mythos? Der Podcast als neues digitales Vermittlungsangebot des Städel ist kostenfrei in deutscher und englischer Sprache auf findingvangogh.de sowie über alle gängigen Podcast-Plattformen verfügbar.

Der Podcast wurde anlässlich der Ausstellung "Making Van Gogh. Geschichte einer deutschen Liebe" produziert, die vom 23. Oktober 2019 bis 16. Februar 2020 im Städel Museum präsentiert wurde. Im Zentrum der Ausstellung stand die Entstehung des "Mythos van Gogh" um 1900 sowie die Bedeutung der Kunst van Goghs für die Moderne in Deutschland. Die Schau vereinte mehr als 120 Gemälde und Arbeiten auf Papier. Den Kern bildeten 50 zentrale Werke van Goghs aus allen Schaffensphasen. Die Erfolgsgeschichte des Malers in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist eng mit der Institution Städel verbunden. Als eines der ersten Museen erwarb das Frankfurter Museum für den Aufbau einer modernen Kunstsammlung Werke van Goghs – 1911 eines seiner berühmtesten Gemälde, das "Bildnis des Dr. Gachet". Es zeigt van Goghs umstrittenen Nervenarzt, einen Mann mit einem Ausdruck voller Weltschmerz und Melancholie. Van Gogh malte das Meisterwerk nur wenige Wochen, bevor er sich selbst das Leben nahm.

Das Gemälde wurde zum Aushängeschild des Städel Museums und markierte die Schnittstelle zwischen der Kunst des 19. Jahrhunderts und der Klassischen Moderne. 1937 wurde es von den Nationalsozialisten beschlagnahmt, zu "entarteter Kunst" erklärt und gegen Devisen auf dem internationalen Kunstmarkt verkauft. Die Ausstellung zeigte den leeren Bilderrahmen, der sich bis heute im Depot des Museums befindet.

Das "Bildnis des Dr. Gachet" ist nicht nur eine Ikone der Kunstgeschichte, sondern auch des Kunstmarkts. Im Jahr 1990 wurde es für 82,5 Millionen Dollar als das bis dahin teuerste Kunstwerk aller Zeiten versteigert. Seitdem war das Gemälde nicht mehr öffentlich zu sehen. Es befindet sich heute in Privatbesitz.

Podcast – Die Folgen

Folge 1 Der verschwundene Nervenarzt, 47:16 min

Johannes Nichelmann steht mit Kurator Alexander Eiling im Gemäldedepot des Städel Museums – vor einem leeren Bilderrahmen. Der Rahmen gehörte einmal zum Bildnis des Dr. Gachet, das bis 1937 Teil der Städel Sammlung war. Das Städel Museum hat lange versucht, das Gemälde von den aktuellen Besitzern als Leihgabe für die anstehende Van-Gogh-Ausstellung zu bekommen, vergebens. Stattdessen wird der leere Rahmen an die atemberaubende Geschichte des Bildes erinnern. Sie beginnt in Auvers-sur-Oise, einem kleinen Ort außerhalb von Paris. Hier malt van Gogh das Porträt seines Nervenarztes, nur wenige Wochen, bevor er sich selbst das Leben nimmt. Wie ist das Gemälde mit van Goghs eigener Biografie verwoben? Was macht es zu einem Meisterwerk?
Es sprechen: Alexander Eiling, Cynthia Saltzman, Dominique Janssens

Folge 2 "Entartete Kunst", 33:20 min

Frankfurt, 1905. Georg Swarzenski wird mit 30 Jahren Direktor des Städel. Er möchte das traditionsreiche Museum für neue, aufregende Kunst öffnen. 1911 erwirbt er in Paris das Bildnis des Dr. Gachet – ein Statement im verstockten deutschen Kaiserreich. Mit viel Geschick baut Swarzenski das Städel zu einem modernen Museum aus. Doch 1933, am Höhepunkt seiner Karriere, bricht das Dritte Reich über ihn herein. Swarzenski ist jüdischer Herkunft und nicht nur persönlich existenziell bedroht: Auch die moderne Sammlung als sein Lebenswerk wird angegriffen. Das Bildnis des Dr. Gachet, der stille Beobachter all dessen, wird 1937 beschlagnahmt und zu "entarteter Kunst" erklärt. Was bis dahin passiert, zeugt von der widersprüchlichen und brutalen Ideologie der Nationalsozialisten und von der Bedeutung, die sie der Kunst beigemessen haben.
Es sprechen: Alexander Eiling, Andreas Hansert, Anna Huber

Folge 3 Genie und Wahnsinn, 32:29 min

Das Bildnis des Dr. Gachet lagert in einem Kornspeicher in Berlin, zusammen mit tausenden beschlagnahmten Kunstwerken. Hier fällt es einem der führenden Nationalsozialisten ins Auge: Hermann Göring will es im Ausland zu Geld machen. Über Umwege gelangt das Gemälde in den Besitz einer jüdischen Familie in Amsterdam, die kurz darauf selbst vor den Nationalsozialisten flieht. Mit ihr kommt das Bildnis des Dr. Gachet nach New York. Hier erlebt es nicht nur, wie sich die Zeiten wandeln, sondern auch, wie sich der Blick auf van Gogh verändert: Was ist dran am Mythos des wahnsinnigen Genies? Ist van Goghs Kunst von seiner Biografie zu trennen?
Es sprechen: Gottfried Boehm, Konstanze Crüwell, Ewald Rathke, Cynthia Saltzman, Iris Schmeisser

Folge 4 Abschied von Gachet, 41:37 min

Das Bildnis des Dr. Gachet hat bisher 13-mal den Besitzer gewechselt – jetzt schreibt es Kunstmarktgeschichte. Wie kam es zu dieser historischen Auktion, in der das Gemälde alle Preisrekorde brach? Johannes Nichelmann reist zu Christie’s nach London und trifft dort Christopher Burge, den Auktionator, der das Porträt 1990 versteigert hat. Burge erzählt, wie damals in New York nicht nur Preise explodierten, sondern auch etwas ganz anderes. Wohin hat sich der internationale Kunstmarkt seitdem bewegt?
Es sprechen: Giovanna Bertazzoni, Dirk Boll, Christopher Burge, Stefan Koldehoff, David Nash

Folge 5 Private Angelegenheiten, 31:48 min

Wo ist das Bildnis des Dr. Gachet heute? Seit der historischen Auktion 1990 ist das Kunstwerk aus den Augen der Öffentlichkeit verschwunden. In New York kommt Johannes Nichelmann dem aktuellen Besitzer des Gemäldes schließlich überraschend nahe.
Es sprechen: Konstanze Crüwell, Alexander Eiling, Stefan Koldehoff, David Nash, Cynthia Saltzman

Städel Museum
Dürerstraße 2
D - 60596 Frankfurt am Main

T: 0049 (0)69 605098-0
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Vincent van Gogh, Bildnis des Dr. Gachet, 1890 Öl auf Leinwand Privatsammlung Foto: Bridgeman Images
Vincent van Gogh, Bildnis des Dr. Gachet, 1890 Öl auf Leinwand Privatsammlung Foto: Bridgeman Images
Der leere Bilderrahmen von Vincent van Goghs "Bildnis des Dr. Gachet" im Depot des Städel, 2001 Foto: Holde Schneider
Der leere Bilderrahmen von Vincent van Goghs "Bildnis des Dr. Gachet" im Depot des Städel, 2001 Foto: Holde Schneider
Alice Ruben Faber (1866–1939) ist eine der ersten Besitzerinnen des „Bildnis des Dr. Gachet“. Faber lebt in Kopenhagen, ist Künstlerin, Sammlerin und Mäzenin. Die Fotografie, die sie vermutlich schwanger im Bett zeigt – das Gemälde ungerahmt auf dem Nachttisch daneben –, ist die erste bekannte Reproduktion des Van-Gogh-Portraits. Abbildung: Anonym, Alice Ruben Faber mit van Goghs "Bildnis des Dr. Gachet" und Maurice Denis‘ "Madonna mit dem Apfel", 1897
Alice Ruben Faber (1866–1939) ist eine der ersten Besitzerinnen des „Bildnis des Dr. Gachet“. Faber lebt in Kopenhagen, ist Künstlerin, Sammlerin und Mäzenin. Die Fotografie, die sie vermutlich schwanger im Bett zeigt – das Gemälde ungerahmt auf dem Nachttisch daneben –, ist die erste bekannte Reproduktion des Van-Gogh-Portraits. Abbildung: Anonym, Alice Ruben Faber mit van Goghs "Bildnis des Dr. Gachet" und Maurice Denis‘ "Madonna mit dem Apfel", 1897
Grab von Vincent van Gogh, Friedhof in Auvers-sur-Oise Foto: Jakob Schmidt - Städel Museum
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