15. September 2008 - 4:39 / Walter Gasperi / Zoom

Das britische Kino tat sich immer wieder schwer sich gegen Hollywood zu behaupten und ein eigenes Profil zu entwickeln. Eine der wenigen Ausnahmen stellt die in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren relativ kurz aufblühende Bewegung des "Free Cinema" dar.

Nicht zuletzt da eine Sprachbarriere zwischen England und den USA fehlt, konnte sich ein eigenständiges Kino auf der Insel nur selten entwickeln. Wer nämlich in England als Regisseur oder Schauspieler Erfolg hatte und hat, wurde und wird vielfach mit interessanten Angeboten über den großen Teich gelockt. Alfred Hitchcock ist ein berühmtes Beispiel dafür, der von 1940 bis 1972 nur in den USA arbeitete, Carol Reed folgte ihm in den 1950er Jahren, nur David Lean blieb auf der Insel, doch seine großen Epen wie "Lawrence of Arabia" oder "Doctor Zhivago" sind kaum als typisch englische Filme, sondern schon eher eben als internationale Großproduktionen anzusehen. Aktuelle Beispiele für die Abwanderungstendenzen sind Neil Jordan und Stephen Frears, die immer wieder mal zwischen England und den USA wechseln. Für die Ausbildung einer eigenständigen nationalen Kinematographie ist dies natürlich nicht gerade vorteilhaft.

Ausnahmen sind die unverkennbar britischen "Ealing Komödien" der 1950er Jahre, der Sozialrealismus, der vor allem mit den Namen der unkorrumpierbaren Mike Leigh und Ken Loach verbunden ist, Einzelgänger wie Peter Greenaway oder eben das "Free Cinema". Diese Bewegung entwickelte sich aus sechs Kurzfilmprogrammen, die im National Film Theatre zwischen 1956 und 1959 gezeigt wurden.

Schon in diesen Programmen waren mit Tony Richardson, Lindsay Anderson und Karel Reisz die später führenden Regisseure des "Free Cinema" vertreten und in Reisz´/Richardsons Kurzfilm "Moma Don´t Allow" finden sich schon alle Charakteristika: Erzählt wird in der Regel von jungen Menschen aus der Arbeiterklasse, denen einzig die Besuche von Clubs und Bars an Abenden oder Wochenenden Abwechslung aus dem eintönigen Alltag verschaffen. Gemeinsam ist den Filmen auch, dass an Originalschauplätzen gedreht wurde und die Dialoge in Umgangssprache gehalten wurden – zwei Umstände, die den Filmen eine stark dokumentarische Note verliehen.

Während Jack Clayton in "Room at the Top" (1958) vom sozialen Aufstieg einer jungen Angestellten und Karel Reisz in "Saturday Night and Sunday Morning" (1960) von der Flucht junger Fabriksarbeiter ins Wochenendvergügen erzählen, schildert Lindsay Anderson in "This Sporting Life" (1962) den Aufstieg eines Bergarbeiters zum bejubelten Sportler. Von amerikanischen Erfolgsgeschichten unterscheidet die Filme von Clayton und Anderson aber, dass hier mit dem sozialen Aufstieg immer ein menschlicher Abstieg verknüpft ist.

Untrennbar verknüpft ist das "Free Cinema" mit der englischen Literatur der Zeit. John Osbornes und Alan Sillitoes Bücher über die "angry young men" dienten den Regisseuren als Vorlage. So schrieb Sillitoe das Drehbuch zu "Saturday Night and Sunday Morning" und dessen Roman "The Loneliness of the Long Distance Runner" (1962) wurde ebenso wie John Osbornes Theaterstück "Look Back in Anger" (1959) von Tony Richardson verfilmt wurde.

Eine wichtige Rolle beim Karrierestart spielte das "Free Cinema" aber auch für Schauspieler wie Richard Harris, Albert Finney oder Julie Christie. Dass diese in den folgenden Jahren ebenso wie die Regisseure Richardson und Reisz teils in Übersee arbeiteten und diese filmische Bewegung rasch abebbte wirft ein bezeichnendes Licht auf die englisch-amerikanischen Filmbeziehungen. Nicht zu unterschätzen bleibt aber der Einfluss des "Free Cinema" auf das ab den 1980er Jahren aufblühende sozialrealistische britische Kino, dessen Hauptvertreter Mike Leigh und Ken Loach sind.



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"Room at the Top" (Jack Clayton, 1958)
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"Look Back in Anger" (Tony Richardson, 1959)
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"Saturday Night and Sunday Morning" (Karel Reisz, 1960)
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"This Sporting Life" (Lindsay Anderson, 1962)
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"The Loneliness of the Long Distance Runner" (Tony Richardson, 1962)