1. Juli 2012 - 1:41 / Archiv / Malerei 

Für seine erste Ausstellung bei Blain|Southern Berlin, "Gift gegen Zeit", präsentiert der Berliner Künstler Jonas Burgert neben einigen Skulpturen eine Reihe von neuen, zum Teil monumentalen Bildern. Von unserer Wahrnehmung des Alltäglichen entrückt, suggerieren Burgerts Gemälde Räume, in denen die Zeit ausgesetzt hat. Innerhalb dieses Paradigmas findet ein Kampf um Selbsterkenntnis statt – Menschen werden als verdrehte Kreaturen ohnegleichen in Mitten einer Befragung ihrer eigenen Existenz dargestellt. Sie sind vertraut und phantastisch zugleich, erschaffen ein fließendes, veränderliches Umfeld.

Die beiden größten Leinwände der Ausstellung existieren im Dialog. "Suchtpuls" (2011) umhüllt den Betrachter mit einem unerbittlichen Wirbelwind von Aktivität – Charaktere aller Größe und Form erscheinen dicht gedrängt, verstrickt in eine Kollision religiöser Rituale. Mit bunten Mustern verzierte heilige Kühe und gelbe, auf dem Boden verstreute Blüten lassen an die Stufen von Varanasi in Indien denken. Ein Heer weiß gekleideter Gestalten steht innerhalb dieser dynamischen Komposition im Kontrast zu dem Trubel der Farben und dieser komplexe Ort erinnert an eine Wallfahrt, bei der die Menschen Heilung suchen, Erleuchtung und Trost.

Raubvögel im Sturzflug und in giftiges Wasser getauchte Figuren fordern allerdings eine insgesamt eher bedrohliche und potenziell unversöhnliche Umschreibung der Situation. "Suchtpuls II" (2012) zeigt das nächste Kapitel in diesem Prozess – die Ruhe nach dem Sturm, eine angereicherte Stille, in der die schöne Verwirrung der Vergangenheit (erhalten) bleibt. Die konkrete Architektonik wird zu einem Palimpsest, bei dem die Flecken der Vergangenheit die grauen Stufen einfärben, wie eine Erinnerung an die Dynamik der vorherigen Szene. Es bleibt nur eine einzelne Gestalt allein im Mittelpunkt. Der "Last Man Standing", das authentische Selbst, geboren aus der Sintflut. Der Einfluss von Burgerts Heimatstadt in dieser Arbeit ist deutlich zu sehen: Berlin mit seinen ständig wechselnden urbanen Räumen und Graffitti besprühten Wänden ist untrennbar mit dem Werk des Künstlers verbunden.

"Gift gegen Zeit" nutzt die post-industriellen, renovierten Räumlichkeiten von Blain|Southern, die früher die Druckmaschinen der Berliner Tageszeitung "Der Tagesspiegel" beherbergten, auf ideale Weise. Die Dimensionen der Bilder spielen mit denen des Raumes selbst, während die Skulpturen wie unmittelbar aus den Leinwänden herausgekrochen erscheinen. In Ton modelliert und in Bronze gegossen, ausgestattet mit den außergewöhnlich leuchtenden Farben seiner Palette, entsteht ein Zusammenhalt zwischen den hängenden und stehenden Arbeiten Burgerts, die für den Betrachter auch als Einheit erfahrbar sind.

Jonas Burgert hat bis 1996 an der Universität der Künste, Berlin, studiert und danach seinen Meisterschüler unter Dieter Hacker in Berlin absolviert. Burgert lebt und arbeitet in Berlin.

Jonas Burgert - Gift gegen Zeit
28. April bis 7. Juli 2012

Blain|Southern Berlin
Potsdamer Straße 77–87
D-10785 Berlin



  •  28. April 2012 7. Juli 2012 /
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Suchtpuls, 2011. Öl auf Leinwand, 400 cm x 690 cm. Photo: Lepkowski Studios; Copyright: der Künstler. © Jonas Burgert
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Suchtpuls II (Detail), 2012. Öl auf Leinwand, 400 cm x 690 cm. Photo: Lepkowski Studios; Copyright: der Künstler. © Jonas Burgert
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Suchtpuls II in Arbeit, 2012. Öl auf Leinwand, 400 cm x 690 cm. Photo: Lepkowski Studios; Copyright: der Künstler. © Jonas Burgert
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Jonas Burgert im Studio. Photo: Lepkowski Studios; © Jonas Burgert