verfasst von Haimo L. Handl / 25. Dezember 2011 - 4:07 / Wort zum Sonntag
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Die Trauerfeiern nach Vaclav Havels Tod zeigten, wie hoch viele Menschen Glaubwürdigkeit schätzen. Nicht zuletzt wegen seiner Charakterzüge bewahrten Tausende ein überaus positives Bild vom ehemaligen Präsidenten, vom Dissidenten und Schriftsteller. Havel stand für Ehrlichkeit, die mehr wog, als er politisch wirkte oder zu wirken vermochte.

Diese Glaubwürdigkeit wird für gewöhnlich Politikern gar nicht mehr zugeschrieben. Eine allgemeine Skepsis hat sich, zu Recht, breitgemacht. Man vertraut den geölten, smarten Werbebotschaften des Politmanagements nicht mehr; zu oft strafen Fakten Worte Lügen. Zuviel an Schwindel, Lüge, Schummelei, wenn nicht gar intendierte Täuschung und geplanter Betrug werden aufgedeckt, kommen ans Tageslicht, lassen sich weder weiter verbergen noch mit markigen Sprüchen wirklich wegreden.

Wir haben in Europa in vielen Ländern solche Politikertypen, die für schamlosen Betrug, für Korruption oder einfach für peinliche Lüge und Täuschung stehen. Da waren die Kriegslügen des Tony Blair und seiner Genossen, da waren die Machenschaften Silvio Berlusconis, da waren Ungereimtheiten mit Nicolas Sarkozy, da schillerte der Liebling der Nation, Dr. Theodor Karl zu Guttenberg, bis er den Vorwürfen und Aufdeckungen über seinen Plagiatsbetrug Rechnung tragen musste und abtrat, zuvor noch seinen Doktortitel verlustig gehend. Viele andere Politiker wurden in ähnlichen Plagiatsaffären ihre akademischen Würden los, während gleichzeitig in Bildungsreformen und -kampagnen für mehr Leistung und Qualität geworben wurde. Viele der feinen Damen und Herren der Oberschicht wollten einfach nach anderen Regeln noch geschickter sich ihre Vorteile und Ehren holen, bis einige Beherzte nachforschten und die Fakten nicht mehr übersehen werden konnten.

Die tiefen Enttäuschungen von Kirchen und Kirchenvertretern, aus deren Reihen viele Missbrauchstäter über lange Jahre gedeckt worden waren, erschütterte für viele das Vertrauen, begrub jede Glaubwürdigkeit.

So häuften sich die Fälle, von den "Kleinen" unten, von den "Großen" oben, die bewiesen, dass perverse, kriminelle Triebhaftigkeit einerseits, Egomanie und Blendertum andererseits, und vor allem Machtrausch, die bestimmenden Werte für eine verlogene, betrügerische, korrupte Politik geworden waren.

Würden die Spitzenmanager nach ähnlichen Kriterien bewertet werden, was bislang durch gezielte Medienkampagnen und Ablenkungsmanöver verhindert wurde, hätten wir fast niemanden mehr in den Chefetagen, der öffentlich auftreten könnte, ohne als das, was er ist, beschimpft und ausgepfiffen zu werden.

So aber versammeln sich die Chefs mit ihren Entouragen, und nicht nur Adabeireporter sowie Seitenblicker machen mit, sondern Geschäftsleute und Politiker, die sich und den meisten anderen wichtig scheinen. Da glänzen Bankenchefs, deren Betriebe vor dem Bankrott stehen, die nur durch Steuermilliarden gehalten werden, und werden bestaunt, beklatscht, geehrt. Da treten verhurte Kiffer und Alkoholiker auf, Kuppler, Lügner, Frauenprügler und so weiter. Aber das wird wie in einem Stück von Schwab genossen, man ist ja so modern (postmodern).

Es ist eigenartig, wie viele Büttel, Helfershelfer und Bosse, allein wegen der behaupteten Sachzwänge und Gegebenheiten, "davonkommen" oder verschönt werden im Zuge der Verantwortungsaufrechnung. Zu leicht urteilen viele im verzerrten, schiefen Rechtsempfinden, das gezielt über Jahrzehnte medial aufgebaut und verstärkt worden war, das das Verständnis für Eigennutz und Profitgier steigerte, immer mit dem verrückten Hintergedanken, man könnte ja selbst vielleicht auch profitieren, ein bisschen wenigstens. Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit gewannen einen negativen Beigeschmack von Hinterwäldlertum, altmodischer Beschränktheit. Typen, wie Grasser, Meischberger und andere, die in Österreich bewiesen, wie leicht man das große Geld machen kann, und die nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, Verzetnitsch, der keine Verantwortung für die Schädigung seiner Gewerkschaft übernahm, im Gegenteil, noch abkassierte, Banker, die bis auf einen, nicht gerichtlich verfolgt wurden, stellen auch hierzulande unter Beweis: Es gibt nicht nur eine Doppelmoral, es gibt eine andere Welt neben jener der dummen Alltagsmenschen, der Mitmacher und Mitläufer unten, damit die Mitmacher und Mitläufer oben besser agieren können.

Strahlekanzler und unbeholfener Vize werkeln weiter, weil niemand anderer da zu sein scheint, der es besser machen könnte. Man hat sich abgefunden mit den kleinkarierten Figuren und ist schon froh, wenn nicht neue Korruptionen aufgedeckt werden, die das Bild noch tiefer schwärzen.

Im Bemühen, die Glaubwürdigkeit wieder herzustellen, nur ja nicht noch mehr finden und verurteilen müssen, werden nötige Untersuchungen verhindert, werden, im Gegenteil, Aufdecker beschuldigt, anstatt reiner Tisch gemacht. Deshalb ist der frühere Kanzler Schüssel noch tabu, deshalb wird über die dunklen Verbindungen von gewissen Unternehmen, Justiz und Polizei nicht nachgeforscht: Zu peinlich, wenn man faktisch beläge, wer wann wo wie intervenierte und die Polizei mit ihren Spezialtrupps im Antiterrorkampf einschritt wie Schergen in Syrien oder einem ähnlich diktatorischen Staat. Wir haben ein Polizeiwesen, das so unkontrolliert ist, dass auch der brave Bürger, der sich unauffällig verhält, schon Angst kriegen muss. Ein Polizeiapparat und eine Gerichtsbarkeit, die keine Glaubwürdigkeit besitzen, die durch ihre Schandtaten beweisen, dass man schonungslos untersuchen und durchgreifen müsste. Und zwar nicht nur bei der Polizei, sondern eben auch im wirtschaftlichen und politischen Umfeld, in dem die Polizei ihre Dienste wunschgemäß leistet.

Viele tun das ab und meinen, die Tierschützer seien extrem, das sei ihre eigene Schuld. So dumm werden auch gesteigerte Überwachungen hingenommen: "Ich hab" ja nichts zu verbergen." Diese absolut blöde, unverantwortliche Haltung ist der Nährboden für Entmündigung, für die nächsten Schritte hin zum gefestigten Polizeistaat. Wie leicht das geht, zeigt unser Nachbar Ungarn. Und die Ungarn sind uns Österreichern sehr ähnlich; wir teilen nicht nur eine lange gemeinsame Geschichte...

Aber das Glauben-wollen und die fragwürdige Glaubwürdigkeit gibt es in schillernden Farben auch in weniger dramatischen Bereichen. Wo es nur um "Kleinigkeiten" geht. Der deutsche Bundespräsident Christian Wulff hat, als er Ministerpräsident war, Begünstigungen angenommen, die ihm gesetzlich verboten waren. Das wird, als es aufkam, als kleine moralische Verfehlung interpretiert. Ein ins Gerede gekommener Erfolgsunternehmer, Carsten Maschmeier, Gründer von AWD, eine Firma, die Tausenden Anlegern das Geld abzockte, hat vor Jahren nicht nur den deutschen Strahlekanzler Schröder finanziell unterstützt, sondern eben auch den Ministerpräsidenten Wulff, indem er Inserate für sein Buch "Besser die Wahrheit" bezahlte. Dieses Buch sollte Wulff im Wahlkampf helfen, sollte seinen Ruf als ehrlichen, glaubwürdigen Zukunftspolitiker verbreitern und festigen.

Nun, Wulff wurde nach dem Abtritt von Köhler Bundespräsident. Besser die Wahrheit. Er hat ähnliche Vorzüge wie der zwischenzeitlich abgetauchte und sich jetzt wieder zaghaft meldende Guttenberg: ein Schönling, immer strahlend lächelnd, von sich behauptend, er sei, anders als der Adelige, kein Alphatier. Weshalb er oft und öfters Urlaub auf Kosten Betuchter nahm und hintenrum von einem Geschäftsfreund ein Privatdarlehen von fünfhunderttausend Euros genoss, das er später mittels eines besonders begünstigten Kredites, der außergewöhnlicherweise ohne die üblichen Sicherheiten gewährt worden war, zurückzahlte. Trotzdem kam das auf und der Herr Bundespräsident entschlug sich lange der Worte, ließ seine Anwälte reden. Dann bequemte er sich doch noch zu einer Entschuldigung. Die Mehrheit der Bevölkerung nahm das dankbar hin. Nur nicht wieder einen Wechsel durch einen Rücktritt, nur nicht wieder Störfälle und Störaktionen.

Der hohen Politik ist der schwache Vertreter im höchsten Amt genehm: Er hat ja bewiesen, dass er kein Alphatier ist. Er wird repräsentieren und Ansprachen halten. Die Glaubwürdigkeit wird sich schon wieder einstellen, denn das Gedächtnis der Massen ist schwach, das Erinnerungsvermögen gering.

So also tritt der Beau vor das Volk und lächelt und repräsentiert ein Deutschland, in dem die Glaubwürdigkeit in die Konti rutschte, unter die Räder kam, sich evaporierte und gerade deshalb die geschönte Welt nach den Vorgaben der Experten, der Kommunikationsprofis, wirken wird. Wetten, dass nach kurzer Zeit niemand weiter fragen wird? Der Wunsch zu glauben sitzt zu tief, als dass man befürchten müsste, die Aufklärung griffe.