17. April 2012 - 3:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Sieben Männer allein in der winterlichen Wildnis von Alaska im Kampf gegen Kälte und ein Rudel Wölfe. – Die Handlung ist vorhersehbar, doch in der intensiven Beschwörung der Atmosphäre und der konzentrierten Erzählweise packt Joe Carnahans Film dennoch. Zudem gewinnt "The Grey" in der Reduktion aufs Elementare eine existentialistische Dimension.

Mit knappen Strichen zeichnet Joe Carnahan die Ausgangssituation und wirft den Zuschauer schon mit einem inneren Monolog des Protagonisten John Ottway (Liam Neeson) mitten in die Handlung. In wenigen Bildern wird hier intensiv das eisige Klima des winterlichen Alaska, die raue Männergesellschaft des Lagers einer Ölfirma und Ottways Suizidgefährdung aufgrund des Verlusts seiner Frau beschrieben. Ottways Aufgabe ist es hier als Scharfschütze wilde Tiere vom Lager und bei Arbeiten an der Pipeline fernzuhalten.

Als bei Schichtwechsel ein Trupp, darunter Ottway, ausgefolgen wird, kommt es zum Absturz, den Carnahan durch langsames, aber sukzessives Anbahnen des Unglücks und mit Handkamera, die den Zuschauer mitten ins Geschehen versetzt, ungemein packend inszeniert. Nur sieben Männer überleben den Absturz, doch ihnen drohen Gefahren von Eiseskälte und einem Rudel Wölfe, dem sie zu entkommen versuchen.

Wieder einmal geht es um den spätestens seit "Der weiße Hai" erfolgsversprechenden Kampf Mensch gegen Bestie, wieder geht es um das "survival of the fittest". Wieder einmal stellen sich bald auch in der Gruppe Differenzen ein, übernimmt doch Ottway die Führungsrolle. Alles schon gehabt und es hätte nicht geschadet den einzelnen Mitgliedern des Trupps mehr Profil zu verleihen. Dennoch gelingt es Joe Carnahan die Spannung hoch zu halten.

Der im Genre des Actionfilms erfahrene Amerikaner ("Smokin´ Aces", "The A-Team") beschränkt sich ganz auf die Gruppe und den Kampf gegen den äußeren Feind. Fast physisch erfahrbar macht er mittels Masanobu Takayanagis auf kalte Blau- und Grautöne reduzierten Bilder und starker Tonkulisse Eiseskälte und Schneestürme. Wärme bringen hier nur kurze Rückblenden an Ottways Kindheit und seine Frau. Aber auch diese Szenen kreisen um die Unausweichlichkeit des Todes.

Hautnah lässt Carnahan den Zuschauer die Gefahren in der Eishölle miterleben. Da glaubt man tatsächlich von einem Baum in die Tiefe zu stürzen, in einen Bach zu fallen und von den Stromschnellen mitgerissen und schließlich unter die Oberfläche gezogen zu werden.

Vorhersehbar ist zwar die Handlung und eine Straffung hätte nicht geschadet, wird hier doch ein B-Movie-Plot im großen A-Movie-Stil in fast zwei Stunden Länge erzählt. Aber Carnahan findet immer wieder überraschende Variationen und Wendungen. Der Umstand, dass da einiges unglaubwürdig ist, beeinträchtigt die Spannung nur wenig, denn zu sehr ist man mitten im Geschehen.

Wolf und Mensch werden dabei geschickt zur Deckung gebracht. Hier wie dort gibt es ein Alphamännchen, um das sich das Rudel schart. In der Reduktion auf den nackten Überlebenskampf verdichtet sich "The Grey" dabei zu einer Reflexion über Leben und Tod, zur Parabel für den Lebenskampf und wirft auch die Frage nach der Existenz und der aktiven Präsenz Gottes auf.

Verzweifelt bittet Ottway den Schöpfer um ein Zeichen, doch dieser antwortet nicht. Hoffnungslos der Welt ausgesetzt und sich selbst überlassen scheint der Mensch, selbst muss er mit den Gefahren fertig werden, muss das Leben meistern. Der einzige Sinn scheint zu sein, einen Fuß vor den anderen zu setzen, nicht aufzugeben und zu überleben.

Kann am Ende auch nur der Tod stehen, den man aufgrund der Unausweichlichkeit schließlich ruhig akzeptieren soll, so soll man zuvor doch wie ein Wolf um sein Leben kämpfen. Von Anfang läuft "The Grey" mit dieser Philosophie auf einen finalen Zweikampf zwischen dem hünenhaften Ottway, dessen innere Zerrissenheit Liam Neeson großartig nach außen kehrt, und dem überdimensionalen Führungswolf hinaus.

So sehr mit Handlung und Figurenzeichnung dabei auch Klischees gepflegt werden und pathetisch harte Männlichkeit hochstilisiert wird, so effektiv ist dieser Thriller doch inszeniert und in seinem klassischen Zuschnitt sowie seiner Entschlacktheit ein wohltuender Gegenpol zu den aufgeblasenen Materialschlachten, die das Kommerzkino dominieren.

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Trailer zu "The Grey"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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