9. Februar 2017 - 3:58 / Ausstellung / Malerei 
10. Februar 2017 7. Mai 2017

Vom 10. Februar bis 7. Mai 2017 findet erstmals in der Schweiz eine grosse Ausstellung zu den Berliner Jahren von Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) statt. Anhand von rund 160 Gemälden, Pastellen, Zeichnungen, Druckgrafiken, Skizzenbüchern und einer Auswahl von Stoffarbeiten, Skulpturen und Fotografien präsentiert das Kunsthaus Zürich Kirchners Schaffen aus der pulsierenden Grossstadt Berlin und von der idyllischen Ostseeinsel Fehmarn. Die zwei gegensätzlichen Inspirationsorte markieren zwischen 1912 und 1914 den Höhepunkt in Kirchners expressionistischem Werk. Der Mitbegründer der Künstlervereinigung "Die Brücke", der in der Schweiz vor allem für seine Bilder der heilen Davoser Bergwelt berühmt ist, wird von seiner weniger bekannten, umso spannungsreicheren Seite gezeigt.

Dem Kunsthaus Zürich ist es in Zusammenarbeit mit dem renommierten Brücke-Museum, Berlin, gelungen, Leihgaben aus vielen Kontinenten zu einem dialektischen Parcours zusammenzuführen. Bedeutende Bestände kommen aus dem Städel (Frankfurt), der Pinakothek der Moderne (München), dem Museo Thyssen-Bornemisza (Madrid), dem Guggenheim Museum und dem Museum of Modern Art (beide New York), dem Getty Research Institute (Los Angeles), der Art Gallery of New South Wales (Sydney) sowie dem beliebten Kirchner Museum Davos. Private Leihgeber beteiligen sich mit teilweise nie öffentlich gezeigten Werken. Erstmals in der Schweiz wird auch die Mansardennische von Kirchners zweitem Berliner Atelier rekonstruiert. Der Künstler hatte sie mit selbst entworfenen Stoffen mit Fehmarn-Motiven gestaltet.

Der Ausstellungsparcours ist chronologisch angelegt. Die Inspirationsorte Berlin und Fehmarn wechseln einander ab und werden mit weiteren Stationen ergänzt – Räume mit Werken, die Kirchner während seiner Kuraufenthalte andernorts oder vor und nach seiner Berliner Zeit schuf. Als Rück- und Ausblick stellen sie die Berliner Jahre in den Kontext des Gesamtwerks.

Ernst Ludwig Kirchners Umzug von Dresden nach Berlin im Herbst 1911 markiert einen Wendepunkt in seiner Kunst. In den Jahren von 1912 bis 1915 schuf der junge Künstler unter dem Eindruck dieser modernsten Grossstadt Europas Werke, die in ihrer übersteigerten und verdichteten Art als eigentliche Metaphern für das Lebensgefühl des beginnenden 20. Jahrhunderts gelten können. Die Reichshauptstadt verhiess in dieser Umbruchszeit Fortschritt und ungezählte Möglichkeiten, aber auch Vereinsamung und Überlebenskampf. Sie war das Zentrum der ungebremst wachsenden Industrie, des aufkommenden Autoverkehrs und mit drei Millionen Einwohnern die grösste "Mietskasernenstadt" Europas.

Berlin war aber auch die Metropole der Künste, der Vergnügungssucht und der Prostitution. Sie vibrierte vor Energie und herausgefordertem Intellekt. Im Schmelztiegel dieser Chancen und Risiken schuf Kirchner Werke von atemloser, existenzieller Direktheit, die den wilhelminischen Konventionen regelrecht entgegengeschleudert wurden. Seine Motive waren denn auch von diesen Beobachtungen geprägt: modisch gekleidete Passantinnen, motorisierter Verkehr und Industrieanlagen, die sich durch die Stadt "fressen", Café- und Bordellszenen. Das Paradebeispiel – "Die Strasse, Berlin" (1913) aus dem Museum of Modern Art, New York – ist ebenso im Kunsthaus zu sehen wie die doppelseitig bemalte Leinwand "Strassenbahn und Eisenbahn" (1914)/Verso: "Dünenlandschaft" (1912), die erstmals aus Lübeck den Weg in die Schweiz findet.

Von Berlin aus reiste Kirchner in den Sommermonaten der Jahre 1912 bis 1914 auf die Ostseeinsel Fehmarn, die er bereits von einem früheren Besuch kannte. Hier führte er zusammen mit seiner neuen Lebensgefährtin Erna Schilling und seinen Malerkollegen ein mit der Natur verbundenes, ungehemmtes Leben. Fern der Grossstadt und bar jeglicher Konventionen genossen sie hier ein arkadisches Dasein. In dieser Idylle entstand 1912 das lange vermisste, jüngst wieder aufgetauchte und in Privatbesitz befindliche quadratische Gemälde "Mexikobucht auf Fehmarn". Und auch das berühmte Gemälde "Drei Badende" (1913, aus der Art Gallery of New South Wales, Sydney) legt von dem unbeschwerten Lebensgefühl Zeugnis ab. Kalt-Warm-Kontraste, gedämpfte bis kräftige Farben und dynamische Formen sind Ausdruck dieses Hochgefühls im Einklang mit der Natur.

Obschon die auf Fehmarn entstandenen Naturdarstellungen und Szenen von Badenden thematisch nicht gegensätzlicher zu Kirchners Strassenszenen sein könnten, so zeugen die Werke beider Orte doch von seinem Streben nach einem Leben ausserhalb der bürgerlichen Normen und nach einer neuen, zeitgemässen Ausdrucksform. Diese Dialektik zu vertiefen ist Ziel der Ausstellung und der begleitenden Publikation.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges überraschte Kirchner während seines Sommeraufenthalts 1914 auf Fehmarn, den er deswegen jäh unterbrechen und zurück nach Berlin reisen musste. Seine Militärzeit als Feldartillerist in Halle und die allgemeinen Erfahrungen des Kriegs stürzten Kirchner 1915 in eine tiefe psychische und physische Krise, die mit starkem Alkohol- und Medikamentenmissbrauch einherging und dadurch seine künstlerische Identität bedrohte. Die trotz oder gerade aus dieser Krise heraus entstandenen Werke, wie die berühmte "Schlemihl"-Mappe oder jene mit Rohrfeder und Tinte auf Kreidegrundpapier erstellte Zeichnung "Selbstbildnis im Morphiumrausch" (1917), bilden einen weiteren wichtigen Schwerpunkt der Ausstellung.

Nach mehreren Sanatoriumsaufenthalten in Königstein und Berlin siedelte Kirchner 1917 in die Schweiz um, wo er seinen langen Weg der Genesung in den Davoser Bergen antrat und wo er schliesslich bis zu seinem Freitod 1938 bleiben sollte. Mit diesem neuen Wendepunkt in Kirchners Leben schliesst die Ausstellung chronologisch 1918 ab. Ziel dieser fokussierten Präsentation ist es, dem Publikum diese wichtige Werkphase Kirchners und damit die gesellschafts-politischen Veränderungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu vermitteln. Neben Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken aus Kirchners Zeit in Berlin ist eine repräsentative Auswahl seiner frühen Gemälde aus Dresden zu sehen sowie erste Werke, die in der Schweiz entstanden sind. Sie bilden den Kontext, in dem die tiefgreifenden Veränderungen von Kirchners Malerei in den Jahren zwischen 1911 und 1917 erst verständlich werden.

Das Kunsthaus Zürich zeigte Werke von Kirchner erstmals in einer Gruppenausstellung im Jahre 1918, aus der zwei Holzschnitte erworben wurden. Projekte von grossen Einzelausstellungen kamen 1926 und 1936 nicht zustande. Nach Kirchners Tod folgten monografische Ausstellungen (1952 und 1954) sowie 1980 die bis heute grösste Retrospektive. Hundert Jahre nach Kirchners Umzug in die Schweiz widmet das Kunsthaus Zürich dem grossen Meister des Expressionismus nun diese auf die Berliner Jahre (1911–1917) fokussierte Ausstellung.


Grossstadtrausch/Naturidyll. Kirchner – Die Berliner Jahre
10. Februar bis 7. Mai 2017

Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
CH - 8001 Zürich

W: http://www.kunsthaus.ch/

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