23. September 2008 - 5:59 / Walter Gasperi / Filmriss
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Düster waren die Filme Mike Leighs bisher, doch mit "Happy-Go-Lucky" legt der britische Sozialrealist eine lebensbejahende und Wohlgefühl versprühende Komödie vor, die freilich nur an der Oberfläche so unbeschwert ist, wie der Titel ankündigt, denn dahinter macht Leigh mit seinem genauen Blick für die Realität immer auch seelische Not sichtbar.

Ins Herz schließen muss man die 30-jährige Grundschullehrerin Pauline, die alle nur Poppy nennen, schon in der ersten Szene, in der sie zu beschwingter Musik Passanten grüßend und neugierig herumblickend mit ihrem alten Fahrrad durch London fährt. Alle Menschen möchte die von Sally Hawkins hinreißend gespielte Protagonistin glücklich machen und ansteckend ist ihre Fröhlichkeit – oder auch nervend. Denn ob man Mike Leighs Film mag oder nicht, hängt fast ausschließlich davon ab, wie man zu dieser Poppy steht: Mag man dieses Energiebündel, das sich durch nichts die gute Laune verderben lässt und jeden mit einem Witzchen aufheitern will, oder kann man sie nicht ausstehen.

Dass Poppy sich freilich selbst bewusst ist, dass ihre Lebenseinstellung quer zur Welt steht, macht Leigh schon mit der ersten Dialogzeile klar, wenn die Protagonistin ein Buch mit dem Titel "The road to reality" mit dem Satz "That´s not my thing" kommentiert. Wie für Poppy ein gutes Maß an Realitätsverweigerung ein Mittel ist um in einer tristen Welt nicht zu verzweifeln, so will auch Leigh dem Zuschauer Lebensfreude und Glücksgefühle bescheren, legt seinen Film förmlich als Antidepressivum an, verschließt dabei aber nicht die Augen vor den Problemen.

Eine echte Geschichte erzählt der Brite in "Happy-Go-Lucky" kaum, sondern reiht vielmehr Episoden aus dem Alltag der in jeder Szene präsenten Poppy aneinander. Da geht’s am Freitag abend mit Mitbewohnerin Zoe und ihrer Schwester Suzie zum Feiern in die Disco, zuhause werden Hühner für den Unterricht gebastelt und einmal in der Woche wird – wohl auch um die Leichtigkeit nicht zu verlieren – Trampolin gesprungen. Mal muss sie zum Chiropraktiker wegen Rückenproblemen, dann besucht sie einen Flamenco-Kurs und am Wochenende macht das Frauentrio einen Ausflug zu Poppys ganz bürgerlich in einem Einfamilienhaus auf dem Land lebender hochschwangerer Schwester.

In der Fülle der ebenso beiläufig wie präzise in den sozialen Raum eingebetteten Szenen ist "Happy-Go-Lucky" so bunt wie die Protagonistin, die meist mit hochhackigen Stiefeln, Netzstrümpfen und Minirock durchs Bild stakst und Leigh vermittelt ihre Lebensfreude direkt durch das hohe, aber genau getimte Erzähltempo, die schnellen Dialoge und die farbenfrohen Bilder. Der Blick für menschliche Not wird dadurch aber nicht verstellt, denn hinter all dem Schwung und der Fröhlichkeit werden in Poppys Begegnungen immer wieder große menschliche Not sichtbar. So ist die Flamenco-Szene zwar von unglaublichem Witz und doch bricht dann die Tanzlehrerin zusammen, wird deutlich, dass sich hinter der nach außen hin starken und selbstbewussten Frau eine zerbrechliche Psyche befindet. Und auch der Besuch bei der Schwester, die alle kontrollieren will, eskaliert. Gar nicht in den Film einzuordnen ist schließlich eine Szene, in der Poppy in der Nacht auf einem verfallenen Fabriksgelände einen Obdachlosen trifft, der wohl schon wochenlang mit keinem Menschen mehr gesprochen hat.

Stehen solche Szenen isoliert da ohne wieder aufgenommen und fortgeführt zu werden, so ziehen sich Poppys Arbeit in der Schule und die Fahrstunden, die sie nach dem Diebstahl ihres Fahrrads nimmt, durch den Film. Auch hier stehen dem fröhlichen Unterrichten mit Hühnergeschnatter ein trauriger und extrem aggressiver Junge, der offensichtlich unter häuslicher Gewalt leidet, und der Fahrschülerin Poppy der Fahrlehrer Scott, der im Leben so eingeklemmt ist wie in seinem kleinen Wagen, gegenüber.

Zentral sind diese Fahrstunden, weil hier auch zwei Lebenseinstellungen aufeinanderprallen. Will der Fahrlehrer alles in einfache Regeln pressen, wie auf Schienen dahin fahren – und outet sich dabei freilich auch als Rassist -, so ist seine Schülerin steht´s offen für Neues, blickt nicht nur auf die Straße, sondern auch auf Menschen und Hunde auf dem Gehsteig. Zum Running Gag wird da Scotts Merkwort "En-Ra-Ha" für den Blick in die Rückspiegel. Es gehört schon Meisterschaft dazu diese am Beginn witzigen Szenen zunehmend ins Tragische kippen zu lassen und sich dabei nicht über den Fahrlehrer lustig zu machen, sondern ihn als bedauernswerte Figur zu zeichnen.

Leichthändig inszeniert, aber nie leichtfertig ist "Happy-Go-Lucky", ein lichter Gegenpol zur Evokation der Unbehaustheit in Leighs "Naked" oder zur Tragik von "Vera Drake" – ein Film der trotz aller Not und aller Probleme für Fröhlichkeit und Lebensgenuss plädiert und diese Fröhlichkeit auch verbreitet, und, der nicht nur unbeschwert daherkommt, sondern den Zuschauer auch unbeschwert aus dem Kino entlassen kann. – Besser wird dadurch die Welt sicher nicht, aber schaden kann es auch nicht.

Wird vom Freitag, 10.10 bis Dienstag, 14.10. jeweils um 20 Uhr im Takino Schaan gezeigt (engl. O.m.U.)

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

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