22. September 2009 - 3:25 / Ausstellung / Skulptur 
16. Juli 2009 27. September 2009

Der Bekanntheitsgrad der Werke von Hermann Obrist (1862–1927) steht in keinem Verhältnis zur ihrer kunsthistorischen Bedeutung. In München begründete der gebürtige Schweizer in den 1890er Jahren die deutsche Variante der Jugendstilbewegung, die anspruchsvolles Handwerk der angewandten mit den ästhetischen Ansprüchen der freien, bildenden Kunst verschmolz.

Darüber hinaus aber schuf Obrist mit seinen Brunnen und Grabmälern die ersten abstrakten Skulpturen, die in der Verbindung von organischen und anorganischen Strukturen eine ganz eigene Sprache entwickeln, die nicht mit dem Schlagwort Jugendstil erklärt werden kann.

Wie gerade erst wieder entdeckt wurde, konnte er diese neuartigen Grabmäler in ganz Mitteleuropa aufstellen. Viele sind noch an ihrem ursprünglichen Platz zu sehen – in München zum Beispiel auf dem Ost- und dem Nordfriedhof. Obrist verwendete dabei neue Materialien wie Plastilin für seine Entwürfe und Gussstein (Beton) für die Ausführung seiner Skulpturen. Der Mitbegründer der Vereinigten Werkstätten baute 1902 mit den "Lehr- und Versuchsateliers für freie und angewandte Kunst" eine Schule auf, deren Idee, die unterschiedlichen handwerklichen Techniken in einem Lehrgang zu verbinden, eine Anregung für das 1919 von Walter Gropius begründete Bauhaus war.

Neben der Rekonstruktion dieses heute weitgehend unbekannten Werks zeigt die Ausstellung zudem, dass Obrists Idee, Bild und zeitgenössische Wissenschaft zu verknüpfen, große Aktualität für Kunst und Wissenschaft unserer Tage hat. Auch in der zeitgenössischen Kunst wird heute dieser Brückenschlag zur Wissenschaft gesucht. In seiner Auseinandersetzung mit der Fotographie ging Obrist zudem über den traditionellen Begriff des Bildhauers hinaus und erschloss paradigmatisch neue Wege für die Kunst des 20. Jahrhunderts.

In dieser Ausstellung werden erstmals die Nachlassteile aus der Staatlichen Graphischen Sammlung München und der Kunstgewerbesammlung des Museums für Gestaltung Zürich im Museum Bellerive zusammengeführt und damit das Gesamtwerk des Zeichners, Bildhauers und Theoretikers greifbar. Darüber hinaus führen wichtige Zeitgenossen und Freunde wie August Endell, Henry van de Velde und Rudolf Steiner das Umfeld von Obrists Kunst vor Augen.

Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Obrist bei der "Ausstellung für unbekannte Architekten" des "Arbeitsrats für Kunst" in Berlin 1919. Obrist wurde hier als Vaterfigur einer jüngeren Generation von expressionistischen Architekten und Bildhauern aufgenommen. Ein Ausblick auf Werke von Rudolf Belling, Hermann Finsterlin, Wenzel Hablik, Hermann Poelzig und Buno Taut schließt daher gemeinsam mit den abstrakten Skulpturen Obrists die Ausstellung ab. Die biomorphen Strukturen von Hermann Obrists kaum bekanntem bildhauerischem Werk werden in der Pinakothek der Moderne ihre Aktualität für die zeitgenössische Skulptur und Architektur beweisen können.

Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Museum Bellerive, ein Haus des Museums für Gestaltung Zürich, organisiert und zuvor dort gezeigt. Es ist ein Katalog mit 248 Seiten und zahlreichen Farbabbildungen im Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich, erschienen, der in der Ausstellung 40 Euro kostet.


Hermann Obrist - Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
16. Juli bis 27. September 2009

Pinakothek der Moderne
Kunstareal, Barer Str. 40
D - 80799 München

T: 0049 (0)89 23805-360
F: 0049 (0)89 23805-125
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W: http://www.pinakothek.de/

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Eventuell Modell einer Urne in Form eines Kapitells (Detail). Gips, in sieben Teilen gegossen, bearbeitet. Museum für Gestaltung Zürich Kunstgewerbesammlung; Foto: Heinrich Helfenstein, © ZHDK
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Entwurf zu einem Denkmal Gips, gegossen, bearbeitet, gefasst. Museum für Gestaltung Zürich Kunstgewerbesammlung; Foto: Heinrich Helfenstein, © ZHDK
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Bewegung; Modell einer Skulptur für das Werkbundtheater Köln 1914 (Detail). Gips, gegossen, bearbeitet, gefasst. Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung. Foto: Heinrich Helfenstein, © ZHDK
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Krupp-Brunnen im Hof des Münchner Kunstgewerbehauses 1912, Historische Fototafel. Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung. Foto: Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung; Betty Fleck © ZHdK
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Hermann Obrist in der Tür seines Hauses in München um 1900, Fotografie. Staatliche Graphische Sammlung München. Foto: Martina Gadiot; © Staatliche Graphische Sammlung München