31. Oktober 2012 - 3:05 / Rosemarie Schmitt / Musikuß

Es ist das erste Mal seit vielen Jahren, daß mich Vivaldis Vier Jahreszeiten wieder so richtig packen! Man hörte sie einst immer und überall, und spätestens seit Nigel Kennedys Interpretation war dieses Werk für mich gestorben. Die Brutalität und Aufdringlichkeit mit der Kennedy ans Werk ging, empfand ich als zu unerhört. Schade eigentlich, denn es ist eine grandiose Komposition! Wenn ich sage, daß mich Vivaldis Vier Jahreszeiten nun wieder so richtig gepackt haben, ist das so eigentlich nicht korrekt, denn es sind Max Richters Vier Jahreszeiten. Nein, auch das stimmt so wiederum nicht.

Der 1966 geborene Komponist Max Richter schaffte aus der Partitur Vivaldis eine völlig neue Komposition, und doch wieder nicht. Ich lehne mich gar so weit aus dem Fenster zu behaupten, daß, wenn Vivaldi hier und heute lebte, er seine Vier Jahreszeiten ebenso komponiert hätte wie Richter. Max Richter richtet nicht über die Originalpartitur, opfert der Jetztzeit nichts von der barocken Lebensfreude, nichts von der Sinnfälligkeit Vivaldis und auch nichts von der Ernsthaftigkeit des Werkes. "Give me Hope!" hätte auch Vivaldi gefordert. Und Vivaldi würde sich freuen, über diesen höchst "richterlichen" Beschluß, keinen anderen als Hope, den großartigen, einfühlsamen, souveränen, doch leidenschaftlich dynamischen Geiger Daniel Hope, seine Vier Jahreszeiten spielen zu lassen!

Den großen Respekt, den Max Richter Vivaldis Komposition zollt, erahnte ich bereits angesichts seiner Aussage: "Es klang sofort total anders, fast Takt auf Takt. Natürlich spielten sie die richtigen Noten, aber die Intention und die Klangfarbe waren eine ganz andere. Es klang fast wie eine schlechter Zusammenschnitt - aber das ist auch völlig natürlich. Es ist ein bisschen, als wenn du ein Zimmer betrittst in der Erwartung, deine Familie dort vorzufinden - und dann sitzen da völlig fremde Menschen. Das kann etwas nerven." (Max Richter)
Nun, man kann mitunter auch freudig überrascht sein, und alles andere als genervt, eben einmal nicht die Familie vorzufinden, und sich auf Neues einzulassen.

Wäre Vivaldi eingetreten, er hätte sich über seine neue Familie, bestehend aus dem Konzerthaus Kammerorchester Berlin, dem Dirigenten André de Ridder, dem Geiger Daniel Hope und dem Komponisten Max Richter, gewiß außerordentlich gefreut. Doch lassen Sie mich eintreten, und zwar für Max Richter und sein "Recomposed" der Vier Jahreszeiten. Richter sagt, er habe etwa drei Viertel des Originals verändert. Nun, wenn er es sagt, wird es schon stimmen, aber ich gestehe, daß ich in der Tat eine ältere Einspielung heraus kramte, und zu vergleichen begann. Wo hört Vivaldi auf, wo fängt Richter an? Richter schafft den unglaublich schwierigen Spagat, den ursprünglichen Geist der Komposition ins 21. Jahrhundert zu begleiten ohne ihn zu meucheln! Diese Vier Jahreszeiten sind so lebendig, so frisch und so jung, ja jünger gar als Vivaldi im Jahre 1725 (er war 47), als er diese komponierte.

Wer bisher keinen Zugang zur klassischen Musik fand, und wer ihn auch bei dieser Einspielung nicht zu finden vermag, für den wird die Türe zur Klassik für immer eine mit sieben Siegeln bleiben.

Recomposed by Max Richter
Vivaldi – The Four Seasons

Universal Music (Label: Deutsche Grammophon)
CD 00289 476 5040 9
Auch als LP erhältlich!!!

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



22188-22188deutschegrammophonrecomposedbymaxrichter.jpg
Recomposed by Max Richter - Vivaldi: The Four Seasons; Deutsche Grammophon
22188-22188andrderiddermaxrichterunddanielhope.jpg
André de Ridder, Max Richter und Daniel-Hope