29. Mai 2008 - 4:16 / Bühne / Musiktheater 

Die Liste der Bewunderer der zierlich-glutäugigen, exotischen Schönheit Maria Malibran war lang: Spontini, Meyerbeer, Liszt, Paganini und vor allem Rossini, Bellini und Donizetti, die drei massgeblichen italienischen Opernkomponisten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nur gute zehn Jahre dauerte die Karriere der Sängerin, doch diese zehn Jahre genügten, um aus ihr die erste Operndiva der Romantik zu machen.

Maria Malibran stammte aus einer Musikerfamilie. Als Tochter spanischer Eltern wurde sie am 24. März 1808 in Paris geboren. Der geschäftstüchtige Vater Manuel García, Sänger und Komponist, kümmerte sich selbst um die musikalische Ausbildung seiner drei Kinder. Unter seiner strengen Aufsicht entwickelte sich nicht nur Maria zu einer hervorragenden Sängerin, die verschiedene Instrumente spielen und komponieren konnte, sondern auch die jüngere Schwester Pauline, die später unter dem Namen Pauline Viardot-García berühmt wurde.

Ihren Durchbruch schaffte die 17-jährige Maria 1825, als sie in London für die legendäre Giuditta Pasta einspringen musste. Doch um der Gewalt des Vaters zu entkommen, mit dem sie häufig gemeinsam auf der Bühne stand und der seine Tochter zeitweise mit Schlägen zu Höchstleistungen antrieb, heiratete sie in New York den französischen Geschäftsmann François-Eugène Malibran. Die Beziehung war allerdings nur von kurzer Dauer, der Gatte machte bankrott und Maria Malibran musste wieder singen. Die Spielzeiten verbrachte "La Malibran", wie sie bald genannt wurde, fortan abwechselnd in Frankreich, England und Italien und avancierte zur höchstbezahlten Sängerin ihrer Zeit.

Sie wurde zu der Rossini- und Bellini-Interpretin und glänzte als Desdemona in "Otello", als Norma in der gleichnamigen Oper und als Amina in "La Sonnambula". Die Faszination für das Publikum lag vor allem darin, dass es in Maria Malibran nicht nur eine überragende Sängerin, sondern auch eine vorzügliche Schauspielerin erleben durfte. Der Kontrast zwischen Naivität und Pathetik, zwischen Reinheit und überhitzter Melodramatik schlug ihre Zuhörer immer wieder in Bann. Doch ihr Leben im Rampenlicht, die vielen Reisen, ihre geächtete "wilde" Ehe mit dem belgischen Geiger Charles-Auguste de Bériot – das alles hatte seinen Preis, und auch der Erfolg konnte ihre Depressionen nicht verhindern. Maria Malibran starb 28-jährig, nur wenige Monate nachdem sie ihre sechsjährige Beziehung zu Bériot legalisieren konnte, am 23. September 1836 in Manchester, an den Folgen eines Reitunfalls.

Für Cecilia Bartoli war die 200. Wiederkehr des Geburtstages von Maria Malibran Anlass, die laufende Saison ganz ins Zeichen ihrer grossen Vorgängerin zu stellen. Nach der Einspielung einer CD mit einem breitgefächerten Querschnitt durch das Malibran-Repertoire unternahm sie eine ausgedehnte Konzert-Pilgerreise zu den Stätten ihrer Triumphe, begleitet vom "Malibran-Mobil", einer fahrenden Ausstellung von seltenen Objekten, Briefen und Musikmanuskripten aus der Zeit der italienischen romantischen Oper und des Belcanto mit Maria Malibran im Mittelpunkt. Mit einem Malibran-Marathon feierte man am 24. März 2008 in der Pariser Salle Pleyel den 200. Geburtstag Marias.

Neben Konzerten, in denen Cecilia Bartoli gemeinsam mit dem Pianisten Lang Lang und dem Geiger Vadim Repin auftrat, gastierte das Opernhaus Zürich an diesem Tag mit einer umjubelten halbszenischen Aufführung von Rossinis "Cenerentola" und Cecilia Bartoli in der Titelrolle. In Baden-Baden interpretierte sie Anfang April mit Bellinis "La Sonnambula" eine weitere Partie, in der Maria Malibran Triumphe feierte.

Seit dem Beginn der Beschäftigung dem Malibran-Projekt war Cecilia Bartoli auf der Suche nach einer Rolle, die – anders als Angelina und Amina – speziell für Maria geschrieben worden war. In der Pariser Bibliothèque Nationale stiess sie auf Jacques Fromental Halévys Oper "Clari", die der Komponist – seinerzeit "Chef du chant" am Théâtre-Italien – der Sängerin buchstäblich in die Kehle komponiert hatte und der damit 1828 den ersten wirklichen Erfolg seiner Karriere feiern konnte, sieben Jahre vor dem Triumph mit der Grand Opéra "La Juive", die vor wenigen Monaten am Opernhaus Zürich zu erleben war.

Besonders die Freiheit der Interpretation ist für Cecilia Bartoli ein faszinierendes Markenzeichen ihrer grossen Vorgängerin. Maria Malibran musizierte mit grosser Expressivität, setzte sich über bestehende Theaterregeln hinweg und interpretierte ihre Rollen ohne Rücksicht auf die Konventionen ihrer Zeit. So revolutionierte sie den Opernbetrieb. In vorher nicht gekanntem Masse waren Emotionen zugelassen. Das Publikum lachte mit der Komödiantin und weinte mit ihr in den tragischen Szenen. Als Reinkarnation Marias, wie oft geschrieben, sieht sich Cecilia Bartoli indessen nicht, obwohl es gewisse Parallelen in den Biographien gibt: beide entstammen Sängerfamilien, beide begannen als Rossini-Mezzosopran als Rosina im "Barbier von Sevilla", beiden haben viel Mozart gesungen.

Für die Zürcher "Clari"-Aufführungen hat Cecilia Bartoli, ganz im Sinne von Maria Malibran und ganz allgemein der damaligen Theaterpraxis, zwei zusätzliche Arien in die Oper eingefügt, die sich auf faszinierende Weise in den Kontext der Inszenierung einfügen. Die Desdemona in Rossinis "Otello" war eine der Paraderollen Marias, die sie auch 1828 in unmittelbarer Nähe zu "Clari" am Théâtre-Italien verkörperte, und deren berühmte Arie "Assisa al piè d’un salice" sie offenbar auch in "Clari" einbaute. Das vor der Uraufführung gedruckte "Clari"-Libretto hingegen enthält im 3. Akt zwar den Text einer Arie der Protagonistin, in der autographen Partitur aber fehlt die entsprechende Musik dazu. So wählte Cecilia Bartoli schliesslich als Hommage an den Komponisten Halévy für den letzten Akt eine Arie aus dessen 1850 in London uraufgeführter Shakespeare-Oper "La tempesta" nach einem Libretto von Eugène Scribe, das – und hier schliesst sich der Kreis – der "Clari"-Librettist Giannone ins Italienische übersetzte.

Begleitet wird Cecilia Bartoli bei "Clari" wie schon bei ihrer CD-Einspielung von dem auf Originalinstrumenten musizierenden Orchestra "La Scintilla" der Oper Zürich. Damit wird der Ansatz der historisch informierten Aufführungspraxis auf das Belcanto-Repertoire übertragen, das von solchen Annäherungen bisher ausgeklammert wurde. Neben der faszinierenden Palette von Farben und Klangmischungen im Orchester ist bei einer derartigen Besetzung ein ganz anderes Dialogisieren zwischen Sängern und Instrumentalisten möglich, was völlig neue Hördimensionen eröffnet. Glücklich ist Cecilia Bartoli über die Zusammenarbeit mit Moshe Leiser und Patrice Caurier, mit denen sie bereits bei "Il Turco in Italia" am Royal Opera House Covent Garden in London zusammengearbeitet hat.


Zum 200. Geburtstag von Maria Malibran:
Clari Oper in drei Akten
von Jacques Fromental Halévy (1799-1862)
Premiere: 8. Mai 2008, 19 Uhr

Weitere Vorstellungen:
29.05.2008, 19 Uhr
31.05.2008, 19 Uhr

Opernhaus Zürich
Falkenstrasse 1
CH - 8008 Zürich

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