23. April 2012 - 1:55 / Archiv / Installation 

Das Kunsthaus Bregenz hat mit dem britischen Künstler Antony Gormley (geboren 1950) ein einzigartiges Projekt in den Bergen Vorarlbergs realisiert. Horizon Field ist das erste Kunstprojekt dieser Art, das im Gebirge zu sehen ist, und zugleich die bislang größte Landschaftsinstallation in Österreich. Horizon Field besteht aus 100 lebensgroßen Abgüssen eines menschlichen Körpers aus massivem Gusseisen, verteilt über ein Gebiet von 150 Quadratkilometern, das die Gemeinden Mellau, Schoppernau, Schröcken, Warth, Mittelberg, Lech, Klösterle sowie Dalaas umfasst.

Das Werk bildet eine horizontale Linie auf 2.039 Metern über dem Meeresspiegel. Diese Höhe hat für die Platzierung keine spezifische metaphorische oder inhaltliche Bedeutung. Vielmehr handelt es sich um eine gut zugängliche Höhe, die zugleich dem Alltag enthoben ist. Für den Künstler geht es bei Horizon Field um die zentrale Frage: "Welche Rolle spielt das Projekt Menschheit in der Evolution des Lebens auf diesem Planeten? Die Figuren erzeugen ein Feld, in dem Menschen mit aktivem, wachen Verstand aufgefordert sind, Raum und Distanz innerhalb dieses Feldes statischer Eisenfiguren zu messen. Skifahrer und Wanderer werden zu einem Teil dieses Feldes. Die Installation würdigt so die tiefe Verbundenheit zwischen dem sozialen und geologischen Raum, zwischen Landschaft und Erinnerung."

Der Abstand zwischen den einzelnen Figuren variiert je nach Topografie zwischen sechzig Metern und mehreren Kilometern. Die Skulpturen schauen in alle Richtungen, sind einander aber niemals zugewandt. Neben den Skulpturen, die man auf Wanderwegen oder über Skipisten erreichen kann, sind andere von bestimmten Punkten aus sichtbar, aber nicht erreichbar. Die Figuren sind weder Darstellungen (Statuen) noch Symbole, sondern repräsentieren einen Ort, wo ein Mensch einstmals gewesen ist oder sein könnte. Horizon Field spricht den Körper, die Wahrnehmung und die Vorstellungskraft all jener an, die in dieses Beziehungsfeld eintreten. Das Werk ist im Verlauf der zweijährigen Präsentation den Naturgewalten, unterschiedlichen Lichtverhältnissen und dem Wechsel der Jahreszeiten unterworfen und somit sind immer wieder neue Wahrnehmungen und Eindrücke möglich.

Außenprojekte des KUB
Das KUB hat sich im Lauf seiner 13-jährigen Geschichte zu einem der führenden Ausstellungshäuser für zeitgenössische Kunst entwickelt. Mit seinen Ausstellungen und Projekten stellt sich das KUB immer wieder den Herausforderungen der internationalen Kunstszene. Gleichzeitig leistet es mit seiner Arbeit und den Projekten außerhalb des Hauses einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Identität der Region. Erinnert sei an die Außenprojekte in Vorarlberg von Anish Kapoor (2003), Jenny Holzer (2004), Janet Cardiff (2005) und Michael Craig-Martin (2006) in der Johanniterkirche in Feldkirch sowie an die inzwischen für die Sammlung des KUB angekaufte Arbeit Signatur 02 von Gottfried Bechtold am Silvretta-Staudamm und die Xenon-Projektionen der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer (2004). Für Letztere projizierte die Künstlerin an verschiedenen Orten in Vorarlberg großformatige Texte auf Architektur und Naturmonumente, zum Beispiel auf die alte Pfarrkirche in Lech oder auf das Bergmassiv Kanisfluh. International präsentierte sich das Kunsthaus Bregenz als Institution mit Inside the Work 2005 im Austrian Cultural Forum in New York.

Das Projekt Horizon Field ist eine konsequente Fortsetzung der vom KUB initiierten künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum in Vorarlberg und stellt zugleich einen Höhepunkt dar, denn das Figurenfeld wird in einer der schönsten Landschaften Vorarlbergs realisiert.

Antony Gormley über Horizon Field
"Durch die Präsentation dieser unerbittlichen, erdgebundenen, aber auch erdbezeugenden Wächter in Raum und Zeit stellt die Installation 100 industriell gefertigte Artefakte in eine natürliche Welt fernab der kontextualisierenden Einflüsse des Museums. Horizon Field stellt grundlegende Fragen: Wer sind wir, was sind wir, wo kommen wir her und wohin führt unser Weg?
Das Skulpturenensemble erkennt die Notwendigkeit einer kollektiven Zukunft, die auf den Modellen überschaubarer nachhaltiger Gemeinschaften wie jener der Walser in den Hochalpen aufbaut. Die Notwendigkeit einer radikalen Neuorientierung des kulturellen Ausdrucks, der ein neues Verständnis einer sich selbst regulierenden Biosphäre zugrunde liegt, bildet den Kern dieses Projekts. Meiner Überzeugung nach ist dies nicht nur für diese Region wichtig, für Österreich, sondern für alle der Empfindung fähigen Wesen, die diesen Planeten bereisen." (Antony Gormley, April 2010)

"Die wesentliche Aussage dieser Arbeit besteht darin, eine Verbindung zwischen dem, was greifbar, wahrnehmbar und vorstellbar ist, herzustellen. Es ist ein Beziehungsfeld zwischen Körper und Geist, in dem einige Körper Surrogate sind, andere real."
"Die für die Menschheit entscheidende Frage ist, ob der Mensch als Spezies an der Weiterentwicklung des Lebens auf diesem Planeten teilhaben wird oder nicht. Das Leben hat 3,7 Milliarden Jahre gebraucht, um sich von den ersten Stromatolithen bis hin zu unserer hoch entwickelten, bewussten Lebensform zu entwickeln. Wir haben noch weitere 6 Milliarden Jahre in diesem Sonnensystem vor uns und müssen entscheiden, ob wir uns im Einklang mit der Natur weiterentwickeln können oder nicht. In der Vergangenheit hat sich die Kultur stets als von der Natur abgegrenzt definiert. Dieses Projekt und alles, was damit zu tun hat, stellt die Frage, ob wir unser Wesen innerhalb der Natur finden können." (Antony Gormley in einem Interview für das Vorarlberg Tourismus Magazin, Ausgabe Februar 2009)

Projektentwicklung
Nach der Entwicklung der Projektidee und der ersten Standortplanungdurch den Künstler hat das Kunsthaus Bregenz unter seinem damaligen Direktor Eckhard Schneider bereits im Jahr 2007 begonnen, die vom Projekt tangierten Interessengruppen (Gemeinden, Tourismusverbände, Natur- und Landschaftsschutzbehörden und -organisationen, Jäger etc.) über Horizon Field zu informieren und über eine mögliche Zusammenarbeit und die Auswirkungen des Projektes zu sprechen. Mit großer Offenheit, mit Engagement und Verständnis für dieses einzigartige Kunstprojekt haben insgesamt 34 Grundbesitzer, davon 12 Agrargemeinschaften mit zum Teil mehreren Hundert Anteilseignern, der Aufstellung der Skulpturen zugestimmt. Nur der offene und konstruktive Dialog innerhalb des komplexen Interessennetzwerkes hat Horizon Field möglich gemacht.

Biografie
Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt sich Antony Gormley mit dem Bild des Menschen in der Skulptur anhand einer radikalen Untersuchung des Körpers als Ort von Erinnerung und Transformation, und zwar unter Verwendung seines eigenen Körpers als Subjekt, Werkzeug und Material. Ab 1990 hat er seine Auseinandersetzung mit dem Menschsein um die Erforschung des kollektiven Körpers erweitert sowie um die Beziehung zwischen dem Selbst und dem Anderen in groß angelegten Installationen wie etwa Allotment, Another Place, Critical Mass, Domain Field und Inside Australia. Seine Arbeit setzt sich zunehmend mit Energiesystemen, Feldern und Vektoren auseinander und rückt von der Betrachtung von Masse und abgegrenztem Volumen ab, wie etwa Another Singularity, Blind Light, Clearing und Firmament verdeutlichen. Gormleys jüngste öffentliche Arbeit, das gefeierte One & Other, bestand aus 2400 Teilnehmern, die die Regionen Großbritanniens repräsentierten und an über 100 aufeinander folgenden Tagen jeweils eine Stunde auf einem leeren Sockel inmitten des Londoner Trafalgar Square verbrachten.

Antony Gormleys Werk ist umfassend in Großbritannien gezeigt worden, u. a. in Einzelausstellungen in London, so in der Whitechapel Gallery, der Tate Britain, der Hayward Gallery und im British Museum, und ebenso in internationalen Ausstellungen wie im Louisiana Museum, Humlebæk; in der Corcoran Gallery of Art, Washington DC; in der Malmö Konsthall, im Moderna Museet, Stockholm; im Kunsthaus Bregenz und im Antiguo Colegio de San Ildefonso, Mexico City. Er hat an Gruppenausstellungen an der Biennale in Venedig sowie der Documenta 8 in Kassel teilgenommen.

Antony Gormley erhielt 1994 den Turner Prize, 1999 den South Bank Prize for Visual Art und wurde 1997 mit dem Order of the British Empire (OBE) ausgezeichnet. Im Jahr 2007 erhielt er den Bernhard-Heiliger-Preis für Skulptur. Er ist Ehrenmitglied des Royal Institute of British Architects, des Trinity College, Cambridge, und des Jesus College, Cambridge, und ist seit 2003 Mitglied der Royal Academy of Arts.

KUB-Kunstvermittlung
Informationsveranstaltungen zum Projekt Horizon Field
Im Rahmen dieser Informationsveranstaltungen erhalten Ortsansässige, Hoteliers, Bergführer, Skilehrer, Lehrer oder Interessierte grundlegende Informationen zu Antony Gormleys Landschaftsprojekt.
Freitag, 16. Juli, 20 Uhr
Postgarage (Lech): Artur Vonblon (Geschäftsführer der Vorarlberger Kulturhäuser)
Montag, 19. Juli, 20 Uhr
Casino Kleinwalsertal (Riezlern): Lisa Hann (KUB)
Mittwoch, 21. Juli, 20 Uhr
Sonne Lifestyle Resort (Mellau): Winfried Nußbaummüller (KUB)
Samstag, 31. Juli, 12 Uhr | Eröffnung auf der Kriegeralpe (Lech)
Freitag, 24. September, 16 Uhr
Lehrerfortbildung im KUB
Dienstag, 7. Dezember, 20 Uhr
Sporthotel Steffisalp (Warth): Rudolf Sagmeister (KUB-Kurator)
Freitag, 20. Dezember, 20 Uhr
Hotel Wirtshaus zum Gämsle (Schoppernau): Lisa Hann (KUB)

Filmprojekt
Kunst im Hochgebirge – eine Landschaftsinstallation in den Vorarlberger Alpen Filmpremiere, Donnerstag, 12. August, 20.30 Uhr, KUB Open-Air-Kino, Karl-Tizian-Platz, Bregenz

Nach fünfjähriger Vorbereitungszeit durch das Kunsthaus Bregenz wird Ende Juli die bislang größte Landschaftsinstallation Österreichs im Vorarlberger Hochgebirge eröffnet. Der britische Künstler Antony Gormley stellt auf 2.039 Metern über dem Meeresspiegel 100 lebensgroße Eisenabgüsse eines menschlichen Körpers auf. Der ORF Vorarlberg hat den Entstehungsprozess und die spektakuläre Aufstellung der Eisenskulpturen mit dem Helikopter filmisch begleitet. Die Dokumentation (Regie: Ingrid Adamer, Kamera: Alexander Roschanek), die im ORF ausgestrahlt wird und während der Ausstellungen von Cosima von Bonin und raumlaborberlin im Kunsthaus zu sehen sein wird, gibt Einblicke in das Schaffen von Antony Gormley in seinem Studio in London und zeigt das faszinierende Wechselspiel zwischen dem Skulpturenensemble Horizon Field und der alpinen Landschaft.

KUB-Publikation
"Antony Gormley - Horizon Field" - Der für seine spektakulären Projekte in archetypischen Naturlandschaftenbekannte Antony Gormley realisiert sein jüngstes Werk Horizon Field in der Region des Bregenzerwaldes und des Arlbergs. Horizon Field stellt eine Beziehung zwischen dem Greifbaren, dem Wahrnehmbaren und dem Vorstellbaren her. Die Arbeit wirft die Frage auf, wie die Pläne der Menschen zur Evolution des Lebens auf diesem Planeten passen, und thematisiert den kulturellen, natürlichen und historischen Hintergrund einer Landschaft. Vor allem diesen Aspekt greifen die Autoren des Katalogbuchs - Martin Seel, Beat Wyss und Eckhard Schneider - aus unterschiedlichen Perspektiven auf und verorten dieses singuläre Werk in der zeitgenössischen Ästhetik. Großzügig präsentierte Aufnahmen der Landschaftsinstallation und Abbildungen früherer Werke des Künstlers begleiten die Essays.
"Antony Gormley - Horizon Field" Deutsch/englisch; Hg. Kunsthaus Bregenz; Essays von Eckhard Schneider, Martin Seel and Beat Wyss. Gestaltung: Neil Holt, Typographie/Entwurf, Köln; Ca. 176 Seiten, 22,5 × 30 cm, Hardcover, Leinen mit Schutzumschlag; Erscheinungstermin: Januar 2011 (Preis: 48 €)

KUB-Edition
"Antony Gormley - Horizon Field, 2010" Anlässlich des Landschaftsprojekts Horizon Field hat Antony Gormley eine limitierte Edition entworfen. Die Radierung, gedruckt auf schwerem Büttenpapier, erscheint in einer Auflage von 80 Exemplaren und zeigt das für die Arbeit charakteristische Motiv des Menschen in einem archetypischen Naturraum, aufgefordert zur Neubestimmung des Verhältnisses von Kultur und Natur.

Antony Gormley - Horizon Field, 2010
Radierung auf Büttenpapier Rives Natural, 280 g/m2; 57 × 76 cm
Limitierte Auflage von 80 Exemplaren + 6 A.P.,nummeriert und signiert; Preis: EUR 950.- (inkl. 10% MwSt.) zzgl. Versand- und Verpackungskosten

August 2010 bis April 2012
Antony Gormley - Horizon Field



  •  1. August 2010 28. April 2012 /
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Horizon Field. 100 lebensgroße Abgüsse eines menschlichen Körpers aus massivem Gusseisen, verteilt über ein Gebiet von 150 Quadratkilometern (Detailaufnahme). Presented by Kunsthaus Bregenz; © Antony Gormley und Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter
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Horizon Field. 100 lebensgroße Abgüsse eines menschlichen Körpers aus massivem Gusseisen, verteilt über ein Gebiet von 150 Quadratkilometern (Detailaufnahme). Presented by Kunsthaus Bregenz; © Antony Gormley und Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter
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Horizon Field. 100 lebensgroße Abgüsse eines menschlichen Körpers aus massivem Gusseisen, verteilt über ein Gebiet von 150 Quadratkilometern (Detailaufnahme). Presented by Kunsthaus Bregenz; © Antony Gormley und Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter
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Horizon Field. 100 lebensgroße Abgüsse eines menschlichen Körpers aus massivem Gusseisen, verteilt über ein Gebiet von 150 Quadratkilometern (Detailaufnahme). Presented by Kunsthaus Bregenz; © Antony Gormley und Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter
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Horizon Field. 100 lebensgroße Abgüsse eines menschlichen Körpers aus massivem Gusseisen, verteilt über ein Gebiet von 150 Quadratkilometern (Detailaufnahme). Presented by Kunsthaus Bregenz; © Antony Gormley und Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter